Grenzenloser Jazz Liebe Mandoline, herzlich willkommen

Ein Akkordeon oder gar eine Spieluhr? Klar, geht doch auch. Auf der Suche nach neuen Klängen bedienen sich Jazzmusiker in allen Genres. Die Folge: Die Grenzen zwischen Jazz, klassischer Musik und Folklore lösen sich auf.

Von

Radlwimmer Thomas

Eine Band aus Akkordeon, Tuba und Schlagzeug? Da denkt doch jeder, der nicht weiß, was alles im zeitgenössischen Jazz los sein kann, an eine Bums-Kapelle. Tatsächlich aber haben drei ausgewiesene Jazzer mit diesen Instrumenten ein Album aufgenommen: der Italiener Luciano Biondini, der Franzose Michel Godard und der Schweizer Lucas Niggli. Die drei sind freilich auch ausgebildete Klassiker; Tubist Godard spielt in Jazzkellern und Symphonie-Orchestern - heute geht das. Und ein Duo aus Klavier und Mandoline? In dieser Besetzung begeistern der Italiener Stefano Bollani und der Brasilianer Hamilton de Holanda das Publikum auf Jazz-Festivals und mit der Musik ihrer neuen Platte.

Im Jazz des 21. Jahrhunderts gelten die traditionellen Regeln nicht mehr. "Jazzfremde Instrumente" wie die Mandoline sind willkommen. Eine Rhythmusgruppe mit Bass und Drums ist nicht erforderlich. Die Musik muss nicht unbedingt swingen. Statt im Standardrepertoire bedienen sich die Musiker aus Klassik und Folklore von Skandinavien bis Australien. Eigene Kompositionen sind in. Notierte Stücke verdrängen die Improvisation. Längst ist wahr geworden, was ein Jazz-Pionier vor 60 Jahren anstrebte: die Grenzen des Jazz zu sprengen.

Sorgen um die Seele des Jazz

Damals versuchte der amerikanische Waldhornist und Komponist Gunther Schuller im sogenannten Third Stream den Jazz mit klassischer Musik zu fusionieren. Er fand Mitstreiter für seine dritte Strömung. In Deutschland wollte Joachim Ernst Berendt "die Freiheit, Vitalität und Spontaneität des Jazz in die Ordnung, Strukturiertheit und Geschichtsbezogenheit der Konzertmusik tragen". Eine Reihe von Third-Stream-Platten kam auf den Markt. Aber das Experiment scheiterte. "Jazz-Leute fürchteten, dass ich ihrer Musik die Seele nehmen würde", sagte Schuller dem Magazin "Down Beat". Auf der anderen Seite, so der inzwischen 87-Jährige, hätten Akademiker und Symphoniker den Jazz aufgrund ihres "hartnäckigen Rassismus und Elitismus abgelehnt". Statt in die Konzertsäle bewegte sich der damals populäre Jazz in Richtung Rock und Funk.

Heute sieht sich Schuller bestätigt. "Third Stream has become 5.000 streams", sagt der greise Visionär. Denn zu den Einflüssen aus der klassischen Musik lassen sich Musiker von Klängen und Rhythmen aus aller Welt inspirieren. Schubladendenken ist überholt. Gab es einst kaum Klassiker mit Groove-Gefühl und Improvisationstalent und wenig Jazzer, die mühelos vom Blatt spielen konnten, so ist die neue Generation rundum geschult und offen für Grenzüberschreitungen.

Der Bratschist Vincent Royer spielt zum Beispiel im Kölner Gürzenich-Orchester und im Jazz-Quartett des in Deutschland lebenden US-Gitarristen Scott Fields. Und der schwedische Schlagzeuger Emil Brandqvist erweiterte sein Piano-Bass-Drums-Trio durch einen Perkussionisten und die klassische Formation der Kammermusik: ein Streichquartett. Ob die Musik dieses Ensembles - und der anderen in dieser Tageskarte genannten Gruppen - Jazz genannt werden sollte oder anders, bleibt dem Hörer überlassen. Gut ist sie allemal.

Eine ideale Verwirklichung der Third-Stream-Idee ist Michael Wollnys Album "Wunderkammer XXL". Der klassisch ausgebildete Jazz-Pianist spielt eigene Kompositionen zusammen mit der aus Israel stammenden Cembalistin Tamar Halperin. Die beiden nutzen Klavier, Fender Rhodes, Harmonium, Harpsichord, Celesta und sogar eine Spieluhr für ihre Musik aus der Zeitmaschine, die durch die Bigband des Hessischen Rundfunks eine großorchestrale Dimension bekommt. Beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt bejubelte das Publikum die "ungewöhnliche jazzinfiltrierte Melange aus Mittelalter und Neuzeit" (Fachblatt "Jazz Podium") mit einer 20-minütigen Standing Ovation.


CDs:
Biondini / Godard / Niggli: Mavì. Intakt Records; 19,99 Euro.
Stefano Bollani with Hamilton de Holanda: O Que Sera. ECM; 14,99 Euro.
Scott Fields String Feartet: Kintsugi. Between the Lines; 17,99 Euro.
Emil Brandqvist Trio & Sjöströmska String Quartet: Breathe Out. Skip; 15,99 Euro.
Michael Wollny (mit Tamer Halperin und hr-Bigband): Wunderkammer XXL. ACT; 14,99 Euro.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jagenauundso 14.09.2013
1. Free Jazz
Merkwürdig, für mich war Jazz schon immer eine "freie" Musik, in der alles möglich und erlaubt ist und auch gemacht wird. Es mag ein paar verkopfte und verstopfte Menschen geben, die Jazz in einen unangemessen engen Rahmen zwängen wollen und sich lieber mit der wissenschaftlichen Analyse von Akkorden und Rhythmen beschäftigen, aber die kann man als Musikliebhaber eh nicht ernst nehmen. Die Grenzen zwischen Jazz und allen anderen Genres sind und waren immer fliessend und das ist gut so. Leute, die alles exakt kategorieren müssen, haben eine Zwangsneurose.
Hugh 14.09.2013
2. Notierte oder improvisierte Musik?
---Zitat--- Notierte Stücke verdrängen die Improvisation. Längst ist wahr geworden, was ein Jazz-Pionier vor 60 Jahren anstrebte: die Grenzen des Jazz zu sprengen. ---Zitatende--- Dann ist es aber kein Jazz mehr, oder? Für mich bedeutet Jazz gerade die Freiheit zur Improvisation.
KulturbueroMuensterland 14.09.2013
3. Wer das Trio Biondini, Godard, Niggli live sehen will
Sie spielen am 06.10. auf dem Münsterland Festival: http://www.muensterland-festival.de/veranstaltungen-alle/trio-godard niggli biondini
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.