Jazz-Duos Die kleinsten Bigbands der Welt

Klavier und Saxofon, Vibrafon und Stimme, Kontrabass und Flöte - extrem vielfältig sind die Kombinationen, in denen sich Jazzmusiker zu Duos zusammenfinden. Im besten Fall wird dabei aus zwei Musikern eine unzertrennliche Einheit.

Monique Wüstenhagen/ BVMI

Dass sie zusammen spielen würden, war geplant. Und einen Titel für ihren Auftritt hatten sie sich auch schon überlegt - "New Morning". So heißt nämlich der Pariser Jazzklub, in dem sich die beiden zum ersten Mal begegnet waren. Aber wie das Stück klingen würde, wussten Michael Wollny und Vincent Peirani so wenig wie das Publikum. Denn der Pianist und der Akkordeonist trafen sich zur Improvisation ohne Thema-Vorgabe: Wollny deutet eine Melodie an, Peirani nimmt sie auf. Der Franzose - dunkler Anzug, aber barfuß wie stets bei Auftritten - variiert die Tonfolge, sucht Akkorde. Call and response! Traumhaft sicher finden die beiden Musiker zueinander. Sie wechseln Tempi und Tonarten. Und das Publikum erlebt, wie Musik entsteht, die es so noch nie gegeben hat.

Bei der Echo-Jazz-Verleihung am vorvergangenen Donnerstag in Hamburg brachten Wollny und Peirani live, was derzeit auf etlichen CD-Neuerscheinungen zu hören ist: die Kunst des Duos. Jazzmusiker agieren in den verschiedensten Zweier-Kombinationen. Das Duo - "die kleinste Bigband" - stellt an die Interpreten höchste Anforderungen und gilt als musikalischer Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden. Ein ruhender Pol bei solchen Duetten war der im Juni 2014 verstorbene Bassist Charlie Haden. Seine jetzt erscheinenden Stücke mit dem kubanischen Pianisten Gonzalo Rubalcaba wurden 2005 in Tokio aufgenommen. Das Album "Tokyo Adagio" erinnert an die langsamen Sätze in klassischen Werken.

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Malerfürst als Pianist

Das von der Größe der Instrumente her extremste Duo bilden bis heute der Flötist Jeremy Steig und der Bassist Eddie Gomez. Ihre 1979 und 1980 eingespielten LPs "Music For Flute and Double Bass" und "Rain Forest" sind nun als Doppel-CD herausgekommen. Die als "klingende Dokumente ihrer Zeit" angekündigten Aufnahmen der beiden Musiker sind hörenswert - wie die "Lüpertz-Lieder". Lüpertz? Wenigen ist bekannt, dass der Maler, Grafiker und Bildhauer Markus Lüpertz auch Gedichte schreibt. Elf von denen haben Stefanie Schlesinger (Gesang) und Wolfgang Lackerschmid (Vibrafon) vertont und im Duo eingespielt. Natürlich hat der Meister das Coverbild für die CD (und eine limitierte LP-Edition) gemalt. Beim Lied "Es stimmt schon, der Künstler muss arm sein" ist Lüpertz als Pianist dabei. Für ihn ist das keine Premiere, denn der Malerfürst spielt Klavier in der 1983 gegründeten Free-Jazz-Formation TTT, in der Jazzer wie Manfred Schoof und Gerd Dudek mitwirken.

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Der Saxofonist Dudek (Jahrgang 1938) gehört zum Urgestein des deutschen Jazz. Seine Duo-CD mit dem 20 Jahre jüngeren Pianisten Stefan Heidtmann trägt den Titel "Two of Us Are One". Interaktionen, die in einen Zusammenklang münden - letztlich musikalisch ineinander aufgehen. Das ist, was viele Duos anstreben. Die amerikanische Pianistin Marilyn Crispell hat sich mit dem Schlagzeuger Gerry Hemingway zusammengetan. Der nutzt ein Arsenal von Instrumenten für den musikalischen Dialog mit dem Klavier. Die CDs der beiden Duos bieten anspruchsvollen zeitgenössischen Jazz.

Gefälliger ist da schon ein Tango-Album mit Kompositionen argentinischer Musiker. Zwei der bekanntesten, der Bandoneon-Spieler Osvaldo Montes und der Gitarrist Anibal Arias, bilden ein Duo. Dessen Beiträge gehören zu den eindrucksvollsten Stücken der CD "It Takes Two to Tango". So wie man zwei braucht, um Tango zu tanzen, bilden zwei Personen ein Jazz-Duo, wie Michael Wollny und Vincent Peirani bei der Echo-Jazz-Verleihung. Die beiden kamen nach Hamburg, um Preise entgegenzunehmen - Wollny drei und Peirani zwei, darunter den in der Kategorie "Ensemble des Jahres international" für das Album "Belle Epoque" mit dem Saxofonisten Emile Parisien. Das erschien in einer Serie des Labels ACT unter dem Titel "Duo Art: Creating Magic".


Neue Duo-CDs

Charlie Haden & Gonzalo Rubalcaba: "Tokyo Adagio" (Universal / Impulse)

Jeremy Steig & Eddie Gomez: "Music For Flute & Double Bass" / "Rain Forest" (MiG Music)

Stefanie Schlesinger & Wolfgang Lackerschmid: "Herzschmerz - Lüpertz-Lieder" (HGBS)

Gerd Dudek & Stefan Heidtmann: "Two of Us Are One" (Shaa-Music)

Marilyn Crispell & Gerry Hemingway: "Table of Changes" (Intakt Records)

Various Artists: "It Takes Two to Tango" (Winter & Winter)



insgesamt 3 Beiträge
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parteigänger 07.06.2015
1. zu kleine Auswahl
...schon mal Reiko Brockelt und David Timm (Sax&Orgel) erlebt? Großartig!
jochen1954 08.06.2015
2. ....oder hier mal reinhören,
Eberhard Weber, solo, klingt wie eine Big-Band. Toll !!
Sam_Dicamillo 11.06.2015
3.
zum Tode von Ornette Coleman, da kein Forum : Warum sagt Spon : Er war nicht finanzial erfolgreich? Er hatte doch vor ein Paar Jahren den Mc Arthur Preis The "Genius Grant" bekommen : 500,000 Dollar, von der McArthur foundation, eine Stiftung ins leben gerufen von "Alten Weissen Männern".
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