Jazz-Duos Zwei unter einer Lupe

Jazz ohne Bass und Schlagzeug zu spielen, bedeutet eine besondere Herausforderung. Dass Musiker sie annehmen, zeigt eine Serie von Duo-Neuerscheinungen.

Foxtones

"Wer sich zu zweit auf eine Bühne wagt, liefert neben Musik auch sein Psychogramm ab", schreibt Michael Naura. Der Pianist ist oft allein mit dem Vibraphonisten Wolfgang Schlüter aufgetreten und findet, dass sich "der Mensch im Duo wie unter einer Lupe zeigt". Denn beim Spiel ohne Bass und Schlagzeug, warnt Naura, bestehe "die Gefahr, umzukommen".

Solche Not droht dem Pianisten Oliver Tabeling und dem Tenorsaxophonisten Andy Scherrer zu keiner Sekunde. Taktfest und traumwandlerisch improvisieren die beiden Schweizer über eigene Stücke und Standardthemen. Ein perfektes Duo. In der gleichen Besetzung - aber freier - spielen der Wiesbadener Pianist Uwe Oberg und der britische Saxophonist Evan Parker. Den gelernter Gärtner Oberg und den ehemaligen Botanik-Studenten Parker verbindet neben dem modernen Jazz auch die Liebe zur Flora. Also nannten sie ihr Album "Full Bloom".

Wunderklang aus der Jazz-Schmiede

Einen wunderbar durchsichtigen Klang erzeugen Mathias Haus und Philipp van Endert in der Kombination von Vibraphon und Gitarre. Wie viele Jazzer ihrer Generation haben die beiden am Bostoner Berklee College of Music studiert. Ihr Album entstand als Live-Mitschnitt im Düsseldorfer Club "Jazz-Schmiede". Hört sich gut an!

Auf zwei Klavieren improvisieren die aus Kanada stammende Renee Rosnes und ihr New Yorker Ehemann Bill Charlap. Der hat bisher vorwiegend im Trio-Format Alben mit Klassikern aus dem Great American Songbook herausgebracht, während sich Rosnes in Bands von Joe Henderson, Branford Marsalis und Wayne Shorter einen Namen machte. Ihre Duett-CD ist eine Premiere.

Bluestradition und Beats von heute

In einer Hommage an den Bluesmusiker Huddie Leadbetter (1888-1949) verbinden der Sänger James O. Belcher und der Multi-Instrumentalist Poembeat Bluestradition mit Beats von heute. Der Skeptiker nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass Drumcomputer und andere Elektro-Sounds sehr wohl zu Belchers tiefschwarzer Stimme passen. Ein aufregendes Duo-Projekt!

Rein akustisch arbeitet dagegen Gilberto Gils "BandaDois", die "Band aus Zweien" mit seinem jüngsten Sohn Bem. Ein Konzert der beiden in Brasilien liegt nun als CD und DVD vor. Gil senior beschreibt es so: "Alles sehr einfach, persönlich und familiär: Vater und Sohn."


CDs:
Oliver Tabeling Andy Scherrer: "Hippocampus Valley" (Foxtones);
Uwe Oberg & Evan Parker: "Full Bloom" (Jazzwerkstatt);
Mathias Haus / Philipp van Endert Duo: "Two Above The Open Sea" (JazzSick Records);
Bill Charlapp, Renee Rosnes: "Double Portrait" (Blue Note);
The Leadbelly Project: "A Hommage to Huddie Ledbetter" (Der Diwan);
Gilberto Gil: "BandaDois", CD und DVD (Warner).



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