Jazz-Festivals: Das Spa-Programm

Von Hans Hielscher

Jazz-Festivals: Konzert mit Aussicht Fotos
Matthias Heyde

In einem Lustgarten, auf einem Weingut oder 2000 Meter über dem Meeresspiegel: Im Sommer sollte man Jazz in pittoresker Umgebung genießen. Dafür verzichten Musiker sogar auf ihre Gage.

Wahrscheinlich ist es die am höchsten gelegene Jazz-Spielstätte der Welt. Fast 1.900 Meter über dem Meeresspiegel, hoch über St. Moritz, liegt der Dracula Club. Dort ist an diesem Dienstag Chick Corea mit seiner neuen Band aufgetreten. Dee Dee Bridgewater war in der Woche davor da, und Al Jarreau kommt Anfang August. Denn der nach dem transsilvanischen Blutsauger genannte Club ist Schauplatz des Festival da Jazz, das in diesem Jahr zum sechsten Mal stattfindet. Zwischen dem 11. Juli und dem 11. August pilgern Fans zu 50 Konzerten in die nur gut 150 Zuhörer fassende Spielstätte im Engadin (wo die rätoromanische Sprache hochgehalten wird - deshalb "da" Jazz).

Bei Chick Coreas Konzert war der Dracula Club überfüllt. Vom Flügel und den Keyboards aus feuerte der Tastenvirtuose seine junge Truppe an, mit der er gerade die CD "The Vigil" herausgebracht hat. Zwei Stunden Hochstimmung. Nach Mitternacht ging es in der Luxusherberge der Musiker weiter. Im seit 1856 bestehenden Kulm-Hotel improvisierte Corea mit dem Bar-Pianisten vierhändig über "Autumn Leaves".

Die Jazz-Sause in den Schweizer Alpen gehört zu einer Serie von Festivals, die neben der Musik auch eine pittoreske Kulisse bieten. So lockt das Palatia Jazz Festival in Rheinland-Pfalz mit Konzerten in Burgen, Schlössern, Weingütern, Parks und Kirchen entlang der deutschen Weinstraße. Zu den Stargästen in diesem Jahr zählen Marilyn Mazur, Trilok Gurtu und Viktoria Tolstoy. Im Juni feierte JazzCastle Wolfsburg erfolgreich Premiere: Jazz im Ambiente des 700 Jahre alten Renaissance-Schlosses mit Lustgarten. "Das ist ja hier wie in Salzau", freute sich Donny McCaslin. Der US-amerikanische Tenorsaxofonist war wiederholt Gast beim JazzBaltica-Fest, das bis 2011 im holsteinischen Herrensitz Salzau stattfand.

5-Sterne-Hotel statt Gage

Besonders Amerikaner schätzen solche "romantic places". Wie Pat Metheny wollten etliche US-Größen lieber ein Zimmer in Salzau als eine Suite im Hotel in Kiel oder Hamburg. Bei ihrer Programmplanung und den Gagenforderungen kommen Jazz-Prominente den Veranstaltern von kleineren Festivals entgegen, wenn der Spielort eine Traumkulisse bietet. Jazz mit Landschaft statt Auftritt in Beton-Arenen oder verkommenen Großstadt-Kellern!

Ungewöhnlich sind die Arrangements von Schloss Elmau in den bayerischen Alpen. Jazzmusiker (wie auch andere Künstler) genießen als Gäste mehrere Tage das Fünf-Sterne-Hotel mit Spa zur Entspannung und für Proben (Elmau hält mehrere, gestimmte Steinway-Flügel bereit) und geben dafür ein Konzert. In diesem Juli waren das Kurt Elling, Manu Katché, Ibrahim Maalouf und Brad Mehldau. Im November gibt es das European Jazztival. Der Konzertsaal des Anwesens wird wegen seiner guten Akustik auch für Aufnahmen genutzt. Das Münchner Label Act produzierte dort unter anderem die Alben "Good Days at Schloss Elmau" (mit dem Pianisten Gwilym Simcock) und "Magic Moments @ Schloss Elmau" (mit schwedischen und deutschen Musikern, darunter Nils Landgren und Michael Wollny).

Den Einfall mit dem Höhen-Jazz in St. Moritz hatte Christian Jott Jenny. Der 34-jährige studierte Tenor tritt als Sänger und Schauspieler unter dem Namen Leo Wundergut auf und belebt zudem als Kulturmanager die Schweizer Szene. So gelang es ihm, der bislang nur in der Wintersaison offenen Dracula Bar, "auch im Sommer Leben einzuhauchen" (Zürcher "Tages-Anzeiger").

Dann verwandelt Jenny das 1974 vom Playboy Gunther Sachs gegründete Nachtlokal in einen Brennpunkt des Jazz. Neben einem japanischen Autohersteller und betuchten Mäzenen unterstützen Jenny lokale Geschäftsleute und der Kanton Graubünden. Denn das Jazz-Festival bringt dem traditionellen Winterurlaubsziel St. Moritz auch im Sommer Gäste und Publicity.

Als "Menschen, die der Musik und den Künstlern nahe sein möchten und auf Chichi verzichten können", beschreibt Jenny seine Gäste. Seine Jazzer kann er nicht mit hohen Gagen nach St. Moritz locken, wohl aber mit toller Clubatmosphäre und einem einmaligen Ambiente. Wer vor allem ans Geldverdienen denkt, reist lieber zum gleichzeitig stattfindenden Festival in Montreux. Zu derartigen Super-Events mit großen Bühnen sieht Jenny das Festival von St. Moritz mit seiner kleinen Spielstätte als Gegenmodell. Er glaubt an die Rückführung des Jazz an seinen Ursprungsort: den Club. In St. Moritz funktioniert sein Konzept.


Festivals:
Festival da Jazz
- Life at Dracula Bar. St. Moritz, noch bis 11. August.

Palatia Jazz Festival. Diverse Orte in der Pfalz, noch bis 3. August.
The Schloss Elmau Experience.
Jazz-Konzerte: 24.7. Singer Pur; 7.8. Olivia Trummer Quartett;
European Jazztival 13.-16.11.2013.

CD:
Chick Corea: The Vigil. Concord/Universal; 15,99 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Heute Montreux Jazz Festival!!!
tschili 20.07.2013
Heute > Montreux Jazz Festival in der französischen Schweiz: http://www.montreuxjazzfestival.com/2013/fr
2. Schleichwerbung
pfffff 21.07.2013
Herr Hielscher betreibt, von keiner Sachkenntnis getrübt, mit jedem seiner Artikel Werbung für das Musiklabel Act.
3. Elmau sucks
flynn10 22.07.2013
Wer als Agent schon einmal mit Elmau Geschäfte gemacht hat, reibt sich verwundert die Augen. Da erwartet einer der reichsten Männer Deutschlands tatsächlich, dass sich Musiker für lau vor einem stinkreichen Publikum den Arsch abspielen. Wenn das Weltstars tun, ist das ihre freie Entscheidung, aber wenn afrikanische oder lateinamerikanische Musiker gegen Hotelunterkunft und warmes Essen dort spielen sollen, hat das einen sehr befremdlichen Geschmack. Auch bei deutschen Jazzbands wird das so praktiziert, und wenn Herr Hielscher das hier abfeiern kann, dann nur deshalb, weil er Geld erhält für seine Arbeit und kein Butterbrot.
4. In Zukunft...
rainman1910 25.07.2013
... gilt der Spruch: "Jazz ist, wenn man es sich leisten kann" - eine bittere aber zeitgemässe Entwicklung einer luxussanierten Subkultur.
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