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Jazz in der DDR: Hot statt FDJ

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Spitzel und Jazz-Virtuosen: So ein Arrangement war nur in der DDR möglich. Im Arbeiter- und Bauernstaat wurde die Musik von Satchmo und Ella erst als "imperialistische Affenkultur" geschmäht, dann opulent gefördert. Rückblick auf ein schwieriges Zusammenspiel von Macht und Musik.

Bei einem Konzert in Hamburg in den achtziger Jahren kündigt der DDR-Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky einen skurrilen Titel an: "Ein Sandsack zuviel". Mit dem Stück, erklärt er später einem NDR-Redakteur, würden sich die Musiker "die Wut aus dem Leib spielen". "Sandsack" nennen sie den mitreisenden, tumben Aufpasser. Petrowsky ist wütend, obwohl er als erster Jazzmusiker mit dem Nationalpreis der DDR geehrt wurde. Und er darf - wie der Bach-Trompeter Ludwig Güttler und der Helden-Tenor Peter Schreyer - Einladungen in den Westen annehmen.



Die DDR-Oberen haben zu ihrer Überraschung entdeckt, dass ihr Staat auch im Jazz Weltniveau zu bieten hat. Das Kulturministerium fördert deshalb die in früheren Jahren als "Ami-Gift" verfehmte Musik. Es gibt qualifizierten Künstlern spezielle Berufsausweise, unterstützt Gruppen bei der Beschaffung von Instrumenten und Tonanlagen.

Allerdings bleiben die Behörden den Jazzern gegenüber besonders misstrauisch. Aufpasser begleiten die Bands bei Tourneen. Und die Stasi hört mit, wo immer Jazzfreunde zwischen Ostsee und Erzgebirge zusammenkommen. Sie wirbt Insider als Spitzel an, etwa ein Führungsmitglied aus dem Jazzclub Karl-Marx-Stadt, das sich - nach der Jazz-Ikone Albert Mangelsdorff - "IM Albert" nennt.

Perfides Arrangement

Jazzfans ticken anders als die staatlichen Kontrolleure. Die Geschichte ihrer Musik im deutschen Osten ist deshalb auch von Missverständnissen geprägt. Über vier Jahrzehnte haben die Behörden eine Nischenszene "verfolgt, geduldet, gefördert", wie der Ost-Berliner Autor Rainer Bratfisch schreibt. Das von ihm herausgegebene Buch "Freie Töne" vermittelt den bislang umfassendsten Überblick über Jazz in der DDR. "Im Ohr und im Gemüt noch den Nazi-Marsch, im Nacken den Stalin-Panzer und die große, aber swinglose russische Seele", beschreibt Petrowsky die Ausgangslage für die ostdeutsche Bevölkerung. Den Funktionären ist der Jazz als heikles, ja gefährliches Metier nie geheuer.

Wie man in Schwierigkeiten kommen kann, zeigt schon eine Episode von 1948. Ein Jahr vor Gründung der DDR darf der Duke-Ellington-Trompeter Rex Stewart beim Ostzonen-Label Amiga eine Platte aufnehmen. Sie erscheint mit dem Titel "Air Lift Stomp" - offenbar weiß niemand bei den Produzenten und bei den Kulturkommissaren, dass "Air Lift" für "Luftbrücke" steht. Erst in der zweiten Auflage der Platte heißt das Stück "Amiga Stomp".

Ob damals bei Amiga Köpfe rollten, ist nicht bekannt. Sicher aber schlägt die Arbeiter- und Bauernmacht gnadenlos zu, wenn sie sich verhöhnt fühlt. In Bitterfeld wird ein Trompeter zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er ein Karl-Marx-Plakat von der Wand genommen, über sein Instrument gestülpt und den Schlager "Du bist heut so schlecht rasiert" gespielt hat.

Spielend in den Westen kommen

Doch gerade das Verbotene macht die Menschen neugierig, und so interessieren sich immer wieder junge Leute für die "Affenkultur des Imperialismus" (Walter Ulbricht). "Der Boy und das Girl, die lieben den Hot und meiden die Deppen von der FDJ": Den Reim lernt ein Junge namens Manfred Krug von einem Mitschüler. Er wird Jazzfan; Ende der fünfziger Jahre tritt er im Volkshaus Weißensee zum ersten Mal als Jazzsänger auf.

1962 repräsentiert Krug die DDR beim Jazz-Festival in Prag. Der Schauspieler und Sänger von Jazz und Jazz Verwandtem verkauft bei "Amiga" mehr Schallplatten als die Schlagerstars des Landes. Krug wird zur Kultfigur. Doch weil er 1976 - wie viele andere Jazzmusiker - den Brief gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschreibt, boykottiert der staatlich kontrollierte Kulturbetrieb den Künstler. Immerhin darf Krug 1977 in die Bundesrepublik ausreisen.

Zu jener Zeit ist die DDR seit 16 Jahren eingemauert. Die Jazzfans können nicht mehr nach West-Berlin fahren, um dort Auftritte ihrer Idole zu erleben. Dafür holt die staatliche Konzert- und Gastspieldirektion seit dem Mauerbau die Bigband von Woody Herman, die Louis Armstrong All Stars und Ella Fitzgerald ins Land. Um Devisen zu sparen, erhalten Satchmo und andere Künstler einen Teil ihrer Gage in Form von optischen Qualitätserzeugnissen des VEB Zeiss Jena. "Amiga" bringt in Lizenz Alben amerikanischer Jazzgrößen heraus, die tausendfach kopiert werden.

Gegängelt und gefördert

In den siebziger und achtziger Jahren blüht in der DDR eine vom Staat geduldete Alternativszene auf. In Kulturhäusern, die gute Gagen zahlen, debütieren Jazzmusiker mit Schauspielern, Tänzern, Pantomimen und Malern. "Durch entsprechende Aktionen kann Musik bestärkt oder persifliert werden", sagt der führende DDR-Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer. Ab 1986 darf er als Begleiter von Günter Grass auch im Westen trommeln. In Dresden verbindet ein Ralf Winkler Bildzeichen mit Klangkulissen. Der Maler singt und spielt diverse Instrumente in einer Band. "Archaik-Fri-Jazz" nennt er seine Musik. Als A.R. Penck sollte er später weltberühmt werden.

"Auf keine Farben und Klänge dürfen, wollen und können wir verzichten", verkündet Honeckers stellvertretender Kulturminister. Junge Leute nehmen ihn beim Wort. Sie organisieren im bislang nur für seine Karpfen bekannten Spreewald-Nest Peitz eine "Jazz-Werkstatt", die sich zu einem jährlichen Mekka der internationalen Avantgarde entwickelt.

Für das DDR-Woodstock in Peitz mobilisiert Organisator Ulli Blobel in Berlin die Unterstützung westlicher Botschaften. Die Briten kaufen 20 Flugtickets für das London Jazz Composers Orchestra. Niederländer, Schweizer und Schweden sponsern die Teilnahme von Landsleuten. In Bonns Ständiger Vertretung lässt Günter Gaus' Jazz versessener Kulturreferent Rainer Haarmann das Manfred-Schoof-Quintett aus Köln aufspielen. Das Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen zahlt Westmusikern ein Drittel ihrer Ostgagen in DM.

Gut bezahlt und auch noch umjubelt werden - für manchen Hungerleider aus der westlichen Avantgardeszene verklärt sich die DDR zum Traumland. Einige Musiker erwägen, überzusiedeln, zumal Jazz aus der DDR auch im kapitalistischen Ausland Bewunderer findet. "Die Einbahnstraße West-Ost wurde zu einer in beiden Richtungen befahrenen Autobahn", resümiert der Wuppertaler Free-Jazzer Peter Brötzmann. Spitzenmusiker aus der DDR treten zunehmend im Westen auf.

Doch für die Fans öffnet sich die Grenze erst mit dem Fall der Mauer im November 1989. Das Datum markiert zugleich das Ende der Sonderrolle des Jazz im deutschen Osten. Denn mit der Wende, so Autor Bratfisch, "kam den Musikern nicht nur die Infrastruktur abhanden, sonder auch der Teil des Publikums, für den sie vier Jahrzehnte auch Ersatz für Miles Davis, John Coltrane und Duke Ellington gewesen waren".


Rainer Bratfisch (Hg.): "Freie Töne". Ch. Links-Verlag, Berlin, 336 Seiten, 24,90 Euro

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Jazz in der DDR: "Verfolgt, geduldet, gefördert"

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