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Jazz in der Flüchtlingskrise: Das gejammte Willkommen

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Jazz für Flüchtlinge: Sound der Verständigung Fotos
Lothar Arnemann/ Welcome Music Session, Zinnschmelze

Musik ist eine Sprache, die jeder versteht: Etliche deutsche Jazzmusiker engagieren sich für Flüchtlinge - und schaffen einen Sound der Verständigung zwischen den Kulturen.

Hunderte junge Männer und Frauen drängen sich vor der Hauskapelle. Die besteht aus Jazzstudenten der Hamburger Musikhochschule, die sich auf Einsteiger aus aller Welt einstellen müssen: Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, aus Afghanistan, aus Afrika. Hier, im Hamburger Kulturzentrum "Zinnschmelze", läuft die "interkulturelle Jamsession zum Mitmachen und Zuhören".

Ein Syrer singt ein Lied aus seiner Heimat. Ein Junge spielt auf einer Art Dudelsack Musik aus dem Süden Irans. Der Gesang eines Afghanen wird begleitet von Perkussionsinstrumenten. Im Laufe des Abends singen und klatschen immer mehr Leute mit, und die die Kopftuch tragenden Mädchen tanzen.

Junge Aufsteiger, alte Hasen

Die "Welcome Sessions" in Hamburg sind eine von zig Initiativen, in denen sich Jazzer für Flüchtlinge engagieren. Von Leipzig bis Primstal, von Lübeck bis Regensburg spielen Amateure und Profis für Migranten aus den Krisenregionen der Welt. So ging der Free-Jazz-Veteran Gunter Hampel ins Lager Friedland, um mit Flüchtlingen zu musizieren. Der Vibrafonist Oli Bott und die Sängerin Cymin Samawati traten mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker bei einem Konzert für Flüchtlinge auf.

Den wohl größten Auftrieb von Berliner Jazzmusikern gab es vor einigen Monaten bei einer Veranstaltung in der Hochschule der Künste (HdK): In rund vier Stunden traten 24 Formationen auf, die Musiker aus unterschiedlichsten Stilrichtungen zusammenbrachten. Der Alleskönner Till Brönner spielte in einem Quartett mit dem Drum-Revoluzzer Christian Lillinger. Junge Aufsteiger wie die Pianistin Julia Kadel trafen alte Hasen wie den Saxofonisten Gebhard Ullmann.

Statt Eintritt zu zahlen, spendeten die Besucher für Flüchtlinge. "Rund 3000 Euro waren es am Abend", sagt Wolf Kampmann. Der Jazzpublizist organisierte die Session zusammen mit Peter Weniger, dem Saxofonisten und Leiter der Jazzabteilung an der HdK.

Musik als Willkommensbotschaft

Die Idee zu den Hamburger Sessions hatte Wolf Kerschek. Der Professor an der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) war im vergangenen Jahr mit seinen Jazzstudenten aus dem vornehmen Pöseldorf in ein Übergangsquartier in der City Nord gezogen - in die Nähe eines Flüchtlingsheims mit 450 männlichen Bewohnern.

Spontan lud Kerschek die Flüchtlinge zu einem Willkommenskonzert ein. Die von ihm geleitete Bigband der HfMT spielte, als Solist reiste Ibrahim Keivo an; zu Freude des vorwiegend aus dem arabischen Raum kommenden Publikums. Keivo ist ein berühmter syrischer Musiker. Seit zwei Jahren lebt der Sänger und Oud-Spieler als politischer Flüchtling in Deutschland.

Kerschek wollte mehr als nur eine Begegnung mit den Flüchtlingen. Darum regte er die Sessions in der "Zinkschmelze" an. "Wo die Sprache nicht ausreicht", sagt Kerschek über sein Engagement, "wird Musik zur Willkommensbotschaft".


Weitere Sessions in der Hamburger "Zinnschmelze" finden am 10. März, 14. April und 12. Mai 2016 statt.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Eher enttäuschende Erfahrung
reimprecht@gmx.de 28.02.2016
Ich mache Jazzmusik und habe zwei kleine Studios. Gerne willkommen sind bei mir Musiker aus anderen Kulturkreisen. "Mein" Schlagzeuger ist Halbbrasilianer, "meine" letzte Sängerin Kroatin. In einem ca. 10km entfernten größerem Flüchtlingslager hatte ich letzten Sommer einen gut sichtbaren Flyer aufgehängt, dass ich Sänger und Sängerin gebrauchen kann. Der Flyer hängt immer noch, in mehreren Sprachen geschrieben. Den einzigen Anruf den ich erhielt, war von einem Tunesier der fragte ob ich ihm kostenlos Gesangsunterricht geben könnte.
2. Jazzer: weltweit Dahoam
Bayernjazz 29.02.2016
Das Bayerische Jazzweekend in Regensburg präsentiert auf Initiative des Bayerischen Jazzinstituts 2016 Alexander Lipan von den Analogue Birds mit seiner Oud auf Poster und Fahnen ganz im Zeichen des diesjährigen Mottos "Miteinander". Wir freuen uns hier über alle, die sich fernab von Politik und Ideologie zusammenfinden und sich gemeinsam offen für Musik zeigen, die von Herzen kommt und von Begeisterung getragen wird. Auch in diesem Kontext passt ein Motto von Jazz-Ikone Ella Fitzgerald: „Es ist nicht wichtig, woher du kommst, es ist wichtig, wohin du gehst.“ Ganz in diesem Sinne hat das Landes-Jugendjazzorchester Bayern in Kooperation mit Schulen und dem zuständigen Ministerium letztes Jahr ebenfalls schon mehrere Workshops mit jungen Flüchtlingen gestaltet. Die Erfahrungen mit dem Inklusionsprojekt "Get It - Do It" sind sehr positiv; eine Combo aus dem Orchester und ein Dozent zeigen den Teilnehmern dabei, dass alle Ideen willkommen sind und die Begeisterung für Musik keine Sprachgrenzen kennt. Gemeinsam werden Songs so geschrieben und gestaltet, dass sie die Fertigkeiten der Einzelnen einbeziehen. Selbst ohne Noten entsteht so ein Gemeinschaftsgefühl, das Verständigung in sich trägt und gegenseitigen Respekt fördert.
3. Kooperationsprojekt
HamburgKultur 29.02.2016
Übrigens findet die Welcome Music Session nicht nur in der Zinnschmelze statt, sondern die Zinne ist Initiator und kooperiert mit der Hochschule und mit der Initiative „Welcome to Hamburg Barmbek“. In jedem Fall ein tolles Projekt, das beispielgebend kulturelle Teilhabe ermöglicht. Und einfach wahnsinnig Spaß macht! Für Zugezogene und Hiergebliebene ;-)
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