Jazz in der Hauptstadt Lebenslange Leidenschaft

Während etablierte Produzenten und Veranstalter ihre Programme kappen, expandiert die "Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg". Was ist das Erfolgsgeheimnis von Ulli Blobel und seinem noch keine drei Jahre bestehenden Verein, der CDs herstellt und Konzerte organisiert?


Den Jazzfan Ulli Blobel kennt Rainer Haarmann seit seiner Zeit in Ost-Berlin in den siebziger Jahren. Der heutige Leiter des Festivals JazzBaltica arbeitete damals als Kulturreferent unter Günter Gaus in Bonns Ständiger Vertretung und half den DDR-Jazzern, wo er konnte. So vermittelte Haarmann ostdeutschen Musikern Einladungen in die Bundesrepublik; zudem sorgte er dafür, dass West-Jazzern die Ostmarkgagen aufgestockt wurden, wenn sie in die DDR reisten.

Dorthin lockte vor allem ein Open-Air-Festival, das der gelernte Optiker Blobel in seiner Heimatstadt Peitz veranstaltete: Die "Jazzwerkstatt Peitz", eine Art Woodstock im Spreewald, galt als Top Event von Europas Free-Jazz-Elite. Im schwierigen Umfeld von staatlicher Duldung (Grundlagenvertrag zwischen Bonn und Ost-Berlin) und anhaltendem Misstrauen gegenüber dem Jazz traf sich Organisator Blobel mit Leuten wie Haarmann und den Kulturattaches westlicher Botschaften, um Unterstützung für Peitz auszuhandeln. Ein Beispiel: Die Briten stifteten 20 Flugtickets für das Londoner Jazz Composers Orchestra.

1982 verboten die DDR-Behörden das Jazzfest im Spreewald. Blobel stellte einen Ausreiseantrag und durfte 1984 nach Wuppertal übersiedeln. Seitdem verdient er gutes Geld mit einem Tonträger-Vertrieb. Vom zeitgenössischen Jazz hatte er sich weitgehend verabschiedet. Doch nach einem Treffen mit Weggefährten aus DDR-Tagen gründete der Mittfünfziger im Herbst 2006 den gemeinnützigen Förderverein Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg. Als erfolgreicher Geschäftsmann betreibt Blobel seine Rückkehr zum Jazz als "Hobby" - und nutzt seine Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Für Projekte mit französischen Musikern kooperiert Blobel mit dem Institut Francais; einen Auftritt des Trompeters Paolo Fresu in der Potsdamer Nikolaikirche ermöglicht die Kulturabteilung der italienischen Botschaft; für die Finanzierung eines polnisch-deutschen Jazzfestival im Berliner Geschichtsforum gewann der unermüdliche Fadenzieher die Stiftung 20 Jahre Mauerfall. Blobel hat einen Riecher für Fördergelder. Weil sein Verein Berlin und Brandenburg umfasst, kann er in zwei Bundesländern Unterstützung beantragen. Inzwischen fördern die Kulturstiftung des Bundes und der Hauptstadt Kulturfonds Vorhaben der Jazzwerkstatt. "Einige von denen, die als Jugendliche in Peitz dabei waren, sitzen heute in Parlamenten oder arbeiten verantwortlich im Kulturwesen", sagt Blobel und nennt Thomas Krüger, den Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Dank Blobels Verbindungen verfügt die Jazzwerkstatt derzeit über ein Budget von 500 000 Euro, die aus Spenden und Fördergeldern in Beträgen von 500 Euro bis 100.000 Euro zusammen gekommen sind. Damit finanziert der "Motor des Jazz in Berlin" ("Tageszeitung") Konzerte und Plattenproduktionen. Seit dieser Woche gibt es zudem mittwochs, donnerstags und freitags Live-Musik im Jazzwerkstatt-Café in der Berliner Knesebeckstraße 33/34 - von 19 bis 21 Uhr, um anderen Musikanbietern nicht ins Gehege zu kommen. Untypische Rücksichtnahme der Jazzwerkstatt?

Viele in der Branche fühlen sich nämlich überrollt und reden nicht gut über den Neuling in der Hauptstadt: Blobel habe bei früheren Produktionen Rechte nicht beachtet, würde Musiker nicht angemessen bezahlen. Der Kritik hinter der vorgehaltenen Hand stehen offene Bekenntnisse gegenüber. "Wer sonst in Berlin gibt jungen Musikern Chancen wie Blobel", sagt Rolf Kühn. Der Klarinetten-Veteran nahm beim Jazzwerkstatt-Label mit Nachwuchsmusikern die eindrucksvolle CD "Rollercoaster"auf. Und Rainer Haarmann, der Blobel-Bekannte aus Peitzer Tagen, resümiert: "Wer mit so viel Elan Jazz-Projekte vorantreibt, tut etwas Gutes."


Neue CDs des Labels "Jazzwerkstatt" (Auswahl)
Max Roach: "Live in Berlin" (das einzige Konzert des Schlagzeugers in der DDR, aufgenommen 1984);
Jamaaladeen Tacuma's "Coltrane Configurations" (Mitschnitt des WDR von 2008);
Gleichwiederda: "Kurztrip" (ein originelles Sextett - drei Frauen, drei Männer - aus der Berliner Nachwuchs-Szene).

Kommende Veranstaltungen der Jazzwerkstatt:
"Composers & Improvisers", Berlin, 18. bis 23. September (mit Rolf und Joachim Kühn, NDR-Bigband, Alexander von Schlippenbach, Nils Wogram, Uri Cain, Aki Takase u.a.);
"Orient & Okzident", Potsdam, 6. bis 11. Oktober (Paolo Fresu, Antonello Salis, Ernst Bier, Ali Keita, Fajngold-Klezmers u.a.).

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