Jazz-Nation Schweiz Im Arm der Mäzene

Von der Jazz-Jodlerin bis zur Trommel-Ekstase: Die Schweiz gehört zu den Führungsnationen im europäischen Jazz.

DPA

Hat der Jazz aus der Schweiz etwas, was seinem deutschen Pendant abgeht? Uli Beckerhoff muß nicht lange überlegen: "Humor", sagt er und nennt Beispiele von der Jazz-Jodlerin Erika Stucki bis zur Band Hildegard Lernt Fliegen. Als ein in Europa gefragter Trompeter spielte der inzwischen 68-Jährige über Jahrzehnte immer wieder mal in der Schweiz. Dabei erlebte er einen "Vielvölkerstaat" mit unterschiedlichen Menschen. So signalisieren schon die Namen der bedeutendsten Schweizer Jazzmusiker französische, italienische und deutsche Wurzeln: Daniel Humair, Franco Ambrosetti, George Gruntz. Die Vielfalt der Mentalitäten habe den eigenständigen Jazz der Schweiz mitgeprägt, meint Beckerhoff.

Der Bremer gehört zum künstlerischen Leitungsteam der zum weltweit bedeutendsten Branchen-Treffen aufgestiegenen Fachmesse Jazzahead; in diesem Jahr wurde die Schweiz als Partnerland gekürt. Musiker aus dem Alpenland dominieren das immense Programm, das traditionell zur Messe gehört. So gibt es im Konzerthaus Glocke einen Gala-Abend mit den populärsten zeitgenössischen Schweizer Jazzern. Hierzulande weniger bekannte Bands treten bei der "Swiss Night" im Messekomplex auf. Eine Fachjury wählte acht Gruppen aus über hundert Bewerbungen aus. "Eine Mammut-Arbeit", sagt Beckerhoff.

Ein Herrenhemd als Jazzpreis - für eine Frau

Mit acht Millionen Eidgenossen hat die Schweiz zwar weniger als ein Zehntel der Einwohner von Deutschland. Aber im Bereich Jazz tut sich in der Alpenrepublik wahnsinnig viel. Experten wie den ehemaligen Berliner Jazzfest-Gestalter Bert Noglik fasziniert die "immense Originalität und Individualität" der Schweizer Musiker. Der Hamburger Tom Schulz rätselt, "ob sich die Geburt des handwerklich stets brillanten und stilistisch eigenständigen helvetischen Jazz aus dem Geist der Basler Fasnacht herleiten lässt"; in der nordschweizerischen Stadt versetzen maskierte Trommel-Gruppen seit dem 18. Jahrhundert die Leute Jahr für Jahr drei Nächte lang in eine gruselige Ekstase.

Freilich orientierten sich die Schweizer Jazzmusiker bis in die Sechzigerjahre an großen amerikanischen Vorbildern, wie Lester Young oder Dizzy Gillespie. Doch dann bereicherten einige den Jazz mit Elementen aus der Volksmusik und klassischen Musik. Unter ihnen war die Pianistin Irene Schweizer. Sie hatte 1960 den Preis des Zürcher Amateur-Jazz-Festivals gewonnen: ein Herrenhemd; Frauen waren damals nicht vorgesehen. Heute gilt die Musikerin - die im Juni 75 wird - als eine Pionierin des europäischen Jazz.

Anzeige
  • Bänz Öster & The Rainmakers:
    Ukuzinikela

    MP3; Yellowbird Records; 9,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.

  • Franco Ambrosetti, Greg Osby, Buster Williams u.a.:
    After The Rain

    CD; Enja (Soulfood); 16,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.
Während sich Irene Schweizer noch als Autodidaktin nach oben spielte, kommt die junge Jazz-Generation des Landes von fünf Musikhochschulen. Die produzieren keineswegs nur verkopfte Intellektuelle. Mehr als anderswo in Europa verstehen sich Jazzmusiker in der Schweiz auch als Entertainer. Beim Überleben helfen den Musikern der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der die Produktion von einer Reihe von CDs finanziert, und die mit dem Goethe-Institut vergleichbare Pro Helvetia. Die Kulturstiftung unterstützt zum Beispiel die Reisen der Schweizer Künstler nach Bremen.

Profitiert von Pro Helvetia hat auch der Bassist Bänz Oester. Bei einem von der Stiftung getragenen Aufenthalt in Südafrika traf er zwei einheimische Musiker, mit denen er nun die immens erfolgreiche Band Bänz Oester & The Rainmakers bildet. Das Quartett verbindet zeitgenössischen Jazz mit afrikanischen Beats und Melodien und improvisiert über den schweizer Gassenhauer "Nach em Räge schint Sunne".

Eine wärmende Sonne für den blühenden Jazz sind Mäzene: 12.000 gemeinnützige Stiftungen verfügen in der Schweiz über mehr als 50 Milliarden Franken. Erfreulicherweise finden einige der Superreichen den Jazz als kulturell wertvoll und erhaltenswert. Während die "Enabler" - Szenejargon für Möglichmacher - weitgehend anonym bleiben, wurde ein Schweizer Jazzmäzen weltweit bekannt: Die Industriellen-Familie Ambrosetti. Das auf Fahrwerke für Flugzeuge spezialisierte Unternehmen finanziert seit Jahrzehnten Jazzprojekte und brachte mit Franco Ambrosetti einen Klasse-Trompeter hervor. Franco - Sohn des Tenorsaxofonisten Flavio und Vater des Sopransaxofonisten Gianluca - wird in diesem Jahr 75 und ist immer noch in der Lage, mit den Besten der Welt zu spielen.

Termine: Jazzahead, Bremen 21. bis 24. April (mit Swiss Night am 21. 4. und Galakonzert von Nick Bärtsch's Ronin und Hildegard Lernt Fliegen am 22.4.)

Anzeige

Mehr zum Thema


insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
exx 765. 10.04.2016
1. Jazz-Nation Schweiz
Das beste Beispiel ist der Schweizer Jazzsender "Radio Swiss Jazz". Dort läuft jeden Tag von 15 bis 17 Uhr nur Jazzmusik Schweizer Interpreten. Allein das zeigt schon die Vielfalt der Musiker in diesem Land. Sowas sollte es bei uns in Deutschland mal geben. Der Sender gehört dem öffentlichen Rundfunk an, kein Privatsender!
quarkspitz 10.04.2016
2. In Deutschland ist Jazz kein
Ich bin so der typische Jazzhörer: über 60, grauhaarig, Hochschule usw. Ich bin seit frühester Jugend begeisterter Besucher von Jazzkonzerten (mit Abo) und auch Jazzhörer im Radio. Da bin ich der Schweiz sehr dankbar, denn dort gibt es eine Reihe von Sendern, die 24 Stunden Jazz spielen und zwar die ganze Bandbreite von New Orleans bis zum Freejazz mit allen andern Richtungen wie West-Coast-Jazz oder Bebop. Und da bin ich dankbar, dass es das Internet gibt, denn darüber kann man die Sender in der Schweiz in guter Qualität hören. Es scheint mir, dass die Kultur-Verwaltungsbeamten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens Jazz unter ihrer kulturellen Gürtellinie sehen. Da sendet man eben Bach und Beethoven, was ist da schon Jazz? Igittigitt. Einige Sender wie z.b. der WDR sendet dann verschämt zu später Stunde fast täglich Jazz, der Dudelfunk vom SWR gar keinen. Klar, von einem Sender mit dem Slogan „Da sind wir daheim“ erwartet man auch keinen Blick über die Grenzen. Es gibt in Deutschland zwar 55 Hörfunkprogramme, aber da achtet jeder darauf, dass in seinem Königreich keiner wildert und er seine Kultur so sendet wir oben beschrieben. Man ist mehr damit beschäftigt, die eigene Existenz zu sichern. Und noch abschließend zu meiner Kultur: Ich habe auch ein Opern-Abo, für mich schließt sich Klassik und Jazz nicht aus, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon. Also liebe Jazzfreunde im Internet über den Browser Schweizer Jazz-Sender suchen, z.B. Swiss-Jazz, der sendet 24 Stunden Jazz, ohne Werbung ohne Nachrichten nur JAZZ!
Miller3000 10.04.2016
3.
Was soll der Artikel? Bei Musik gibt es kein gut oder schlecht. Es ist reine Geschmackssache. Den Schweizern gefällt Jazz eben mehr als den Deutschen. Und??
exx 765. 10.04.2016
4.
Zitat von Miller3000Was soll der Artikel? Bei Musik gibt es kein gut oder schlecht. Es ist reine Geschmackssache. Den Schweizern gefällt Jazz eben mehr als den Deutschen. Und??
Ihre Schussfolgerung macht für mich überhaupt keinen Sinn. Wie kommen Sie darauf, dass den Schweizern Jazz besser gefällt? Nur weil unsere Öffentlich/Rechtlichen Sender offensichtlich nicht Willens sind, solche Spartensender wie in der Schweiz zu betreiben?
Moridin 10.04.2016
5.
Zitat von quarkspitzIch bin so der typische Jazzhörer: über 60, grauhaarig, Hochschule usw. Ich bin seit frühester Jugend begeisterter Besucher von Jazzkonzerten (mit Abo) und auch Jazzhörer im Radio. Da bin ich der Schweiz sehr dankbar, denn dort gibt es eine Reihe von Sendern, die 24 Stunden Jazz spielen und zwar die ganze Bandbreite von New Orleans bis zum Freejazz mit allen andern Richtungen wie West-Coast-Jazz oder Bebop. Und da bin ich dankbar, dass es das Internet gibt, denn darüber kann man die Sender in der Schweiz in guter Qualität hören. Es scheint mir, dass die Kultur-Verwaltungsbeamten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens Jazz unter ihrer kulturellen Gürtellinie sehen. Da sendet man eben Bach und Beethoven, was ist da schon Jazz? Igittigitt. Einige Sender wie z.b. der WDR sendet dann verschämt zu später Stunde fast täglich Jazz, der Dudelfunk vom SWR gar keinen. Klar, von einem Sender mit dem Slogan „Da sind wir daheim“ erwartet man auch keinen Blick über die Grenzen. Es gibt in Deutschland zwar 55 Hörfunkprogramme, aber da achtet jeder darauf, dass in seinem Königreich keiner wildert und er seine Kultur so sendet wir oben beschrieben. Man ist mehr damit beschäftigt, die eigene Existenz zu sichern. Und noch abschließend zu meiner Kultur: Ich habe auch ein Opern-Abo, für mich schließt sich Klassik und Jazz nicht aus, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon. Also liebe Jazzfreunde im Internet über den Browser Schweizer Jazz-Sender suchen, z.B. Swiss-Jazz, der sendet 24 Stunden Jazz, ohne Werbung ohne Nachrichten nur JAZZ!
Also in der letzte Stunde kam da im Wesentlichen belangloser "Dudel"-Jazz, der sich für mich nicht großartig von dem unterscheidet, was auf den "Mainstream"-Sendern so läuft. Abwechslung bisher Fehlanzeige, aber ich höre mal weiter...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.