Jazz in Griechenland Improvisieren in der Krise

Festivals auf Freilichtbühnen, Workshops auf romantischen Inseln: In Griechenland wird trotz der schlimmen Wirtschaftslage munter gejazzt. Ein Musiker reüssiert sogar auf der Lyra der Hellenen.

Sani Resort

Kann man auf einem antiken Instrument improvisieren? Klar: Im zeitgenössischen Jazz ist alles möglich.

Sokratis Sinopoulos hat jetzt etwa die aus dem 9. Jahrhundert vor Christi stammende griechische Lyra wiederentdeckt. Fans in etlichen Ländern erlebten den Musiker aus Athen in der Band des US-Saxofon-Veteranen Charles Lloyd. Nun bringt der Lyra-Virtuose mit griechischen Musikern beim Münchner Label ECM sein erstes Album als Leader heraus. Es enthält Elemente der traditionellen wie auch der Neuen Musik.

Der in klassischer Gitarre und byzantinischer Musik ausgebildete Sinopoulos gehört zu den wichtigsten Protagonisten des Jazz in Griechenland. Die Griechen haben zwar in diesem Genre noch keinen Weltstar à la Mikis Theodorakis hervorgebracht; aber es gibt immer mehr junge Jazzer.

Viele kommen vom Athener Philippos-Nakas-Konservatorium, das als Partner des Bostoner Berklee College of Music diplomierte Musiker produziert. Sie suchen Beschäftigung. So wächst in dem Dauerkrisenland eine lebhafte Szene heran.

Ablenkung von Sorgen suchen

So gibt es etwa am 28., 29. und 30. August auf der Insel Tinos zum siebten Mal das Festival Jazz on Tinos. Im September folgt in Athen das Django Gipsy Festival. Sängerinnen und Sänger treffen sich auf der an der Ostküste zwischen Athen und Thessaloniki gelegenen Halbinsel Pilion zu drei Sechs-Tage-Kursen. Unter den Dozenten ist Romy Camerun, die unter anderem an der Essener Folkwang-Schule unterrichtet. Vocal Jazz Workshops in der Provinz Korinth auf dem Peloponnes leitet der amerikanische Gesangspädagoge Bob Stoloff.

Die Herbstveranstaltungen in Griechenland folgen auf einen Sommer mit mehr als einem Dutzend Jazzfestivals. Es waren fast ausschließlich Events ohne internationale Gaststars; aber die Veranstalter wollten ihre seit Jahren stattfindenden Feste nicht ausfallen lassen.

"Vielleicht suchen die Leute gerade jetzt Ablenkung von ihren Sorgen", sagt Olga Tabouris, die künstlerische Leiterin des Sani Festivals. Das internationale Musikevent auf der Halbinsel Chalkidiki begann am 11. Juli als eine Zitterpartie. Fünf Tage nach der Volksabstimmung und eine Woche vor der EU-Entscheidung über weitere Finanzhilfen für Griechenland war das Quartett um den Saxofonisten Chris Potter und den Bassisten Dave Holland zwar zur Stelle. Aber würden auch Leute kommen - in einer Zeit, in der die Banken geschlossen hatten und niemand wusste, wie es weitergehen würde? Am Abend entspannte sich die Atmosphäre. Wie in guten alten Zeiten kamen Jazzfans in großen Gruppen aus dem 80 Kilometer entfernten Thessaloniki zum Sani Resort. Auf dem Hügel vor dem malerischen byzantinischen Turm lauschten mehr als 800 Menschen dem Jazz der US-Band. Auch alle folgenden Wochenendkonzerte - unter anderem mit dem Sänger Kurt Elling und dem afrikanischen Star Salif Keita - waren bestens besucht.

Hochkarätiger Jazz statt Pseudo-Folklore

Griechenlands Sani Festival entstand 1993 auf Initiative von Stavros Andreadis. Der Sohn aus einer Unternehmerfamilie wurde Jazzfan, als er in den Siebzigern Bauwesen an der TU Berlin studierte. Im Management des Touristenzentrums von Sani ersetzte Andreadis die bis dahin üblichen Pseudo-Folklore-Darbietungen durch hochkarätigen Jazz.

Beim Sani Festival gastierten Künstler wie Cassandra Wilson, Brad Mehldau und Abdullah Ibrahim. Aus New Orleans kam der Trompeter und Komponist Terence Blanchard, weil er mit dem Sinfonieorchester aus Thessaloniki auftreten konnte. Wann hat ein Jazzmusiker schon mal so eine Möglichkeit! Die Veranstalter beginnen jetzt mit den Vorbereitungen für 2016.

Der Lyra-Virtuose Sinopoulos erinnert sich noch an ein kurioses Ereignis. Vergangenes Jahr hatte er einen Auftritt in Berlin - im Ministerium des späteren Grexit-Befürworters Wolfgang Schäuble. Mit seinem griechischen Quartett spielte er dort im Rahmen einer Konzertreihe "So klingt Europa".


CD:

Sokratis Sinopoulos: "Eight Winds" (ECM) ab 28.8.

Festivals:

Informationen über Festivals, Konzerte und Workshops in Griechenland auf jazzonline.gr und jazz-hellazz.com



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