Jazz in Norwegen Reiztöne aus dem Hinterwald

Das Epizentrum des europäischen Jazz und die spannendste Jazzszene der Welt haben Fachjournalisten in Norwegen ausgemacht. Darbende Musiker vermuten dort das Paradies. Wie ist die Lage wirklich im Land der Trolle und Fjorde?


Bandleader Geir Lysne möchte am Ende des Interviews noch etwas sagen: Viele Veranstalter von Festivals und Konzerten würden gar nicht daran denken, eine Bigband zu engagieren; die Kosten, glaubten sie, seien nicht aufzubringen. Doch für sein Geir Lysne Ensemble spiele das keine Rolle. "I have the support to come", ruft der 43-Jährige den Promotern in aller Welt zu. Denn Norwegens Regierung finanziert die Reisen seiner Band. Sie hat realisiert, dass Lysne eine der interessantesten Großformationen des zeitgenössischen Jazz leitet - und betrachtet ihn deshalb als Kulturbotschafter des Landes.

Wie Lysne können rund 400 Jazzmusiker, die im norwegischen Jazz-Forum zusammen geschlossen sind, öffentliche Förderung beantragen. Das Forum betreibt fünf regionale Jazz-Zentren mit professionellen Mitarbeitern, die sich um Jazzclubs, die 20 Festivals des Landes und Vorhaben von einzelnen Musikern kümmern. Geld beschaffen die Zentren von Lokalbehörden, der zuständigen Provinz oder dem Staat, vertreten durch den Norwegischen Kulturrat. So gibt es Mittel für Proberäume, Instrumente und Reisen, ferner für Produktionen von Tonträgern. Das erklärt auch, warum sich auf etlichen norwegischen CDs folgende Aufschrift findet: "With kind support by the Ministry of Culture and Church Affairs / Ministry of Foreign Affairs". Hochschulen und Gymnasien bieten obendrein Studienprogramme mit Jazz-Bezügen. Die "Frankfurter Allgemeine" lobt daher Norwegens "mustergültige staatliche Förderung des einheimischen Talents". Darbende Jazzmusiker in aller Welt halten das Land für ein Paradies.

"Diese Vorstellung ist maßlos übertrieben", sagt jedoch der Crossover-Gitarrist, Komponist und Tontüftler Alex Gunia. Der 45 Jahre alte Kölner mit US-Erfahrung lebt seit vier Jahren in Oslo und kennt die Szene bestens. "Zu Beginn des 20. Jahrhundert war Norwegen das vielleicht ärmste Land Europas", erklärt der Deutsche, "seit den achtziger Jahren gehört es aufgrund seines Ölbooms zu den reichsten Ländern." Aber anders als viele Ölstaaten, die ihre Profite in Protzprojekten verpulvern, stellen die Norweger viel für Bildung und Kultur bereit. Gunia: "Weil Jazz in Norwegen als Teil der nationalen Kultur gilt, gibt es dafür erhebliche Mittel." Wer etwas haben will, müsse allerdings auch etwas vorweisen: So hat Geir Lysne 25.000 Euro und monatelange Arbeit in "The Grieg Code" investiert; Geld jedoch bekam er erst, als das Werk vorgeführt werden konnte.

Nun wird das Bigband-Album "The Grieg Code" als ein Beispiel für Norwegens Jazz gepriesen und - wieder einmal - darüber diskutiert, wie das Land seinen eigenständigen Stil entwickeln konnte. Eine Erklärungsvariante: Das "country far out" (Lysne) mit seinen Trolle und Fjorden lag in den fünfziger und sechziger Jahren nicht auf der Route der Europa-Tourneen amerikanischer Jazz-Stars. Zudem ließen sich in Oslo keine US-Jazzer nieder, anders als in Kopenhagen oder Stockholm. Also erlebten Norwegens junge Musiker weniger Blues und Bebop als ihre Kollegen anderswo in Europa. Sie spielten kaum die US-Standards, experimentierten stattdessen lieber mit einheimischer Folklore, darunter samischen Obertongesängen. Den entstehenden neuen Jazz Made in Norway hörte die Welt zum ersten Mal Anfang der siebziger Jahre, als das Münchner Label ECM den Saxofonisten Jan Garbarek auf den internationalen Markt brachte.

Inzwischen ist zu den Folklore-Einflüssen die Computer-Technik gekommen. Die norwegische Band "Supersilent" führte den "elektronischen Klang des Miles Davis der siebziger Jahre in neues Terrain, indem sie freizügig synthetische Klänge mit turbulenten Grooves mischte" (US-Magazin "Down Beat"). Der Trompeter Nils Petter Molvaer und der Keyboarder Bugge Wesseltoft gehörten zu den ersten, die Mainstream-Jazz mit DJ-Sounds koppelten. Norwegens eigenwilligste Klänge - für die einen die Musik der Zukunft, für die anderen Reiztöne von Hinterwäldlern - produziert das Osloer Label Rune Grammofon. Das gerade erschienene Album eines Musikers und Possenreißers mit dem Künstlernamen Jono el Grande hat einen vielsagenden Titel: "Neo Dada".


CDs Geir Lysne Ensemble: "The Grieg Code" (ACT); Jono el Grande: "Neo Dada" (Rune Grammofon).



insgesamt 2 Beiträge
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Galaxia, 08.05.2009
1. Halelujah
Zitat von sysopDas Epizentrum des europäischen Jazz und die spannendste Jazzszene der Welt haben Fachjournalisten in Norwegen ausgemacht. Darbende Musiker vermuten dort das Paradies. Wie ist die Lage wirklich im Land der Trolle und Fjorde? http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,622991,00.html
Wie waers mit export von Alpenhoernern?
wakaba 09.05.2009
2. Komiteejazz?
So toll ist das Zeugs aus Norwegen auch nicht. Wie immer Geschmacksache.
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