Zum Tode Dave Brubecks: Der Jazz-Integrator

Von Ralf Dombrowski

Er ließ sich auf alle Stilformen ein - und blieb dabei doch dem Jazz treu: David Brubeck hat mit seiner Energie, seiner Offenheit und seiner Leidenschaft die Menschen begeistert. Seine Werke verkauften sich millionenfach. Jetzt ist Brubeck am Tag vor seinem 92. Geburtstag an Herzversagen gestorben.

Dave Brubeck: Trauer um die Jazzlegende Fotos
AP

Hartford/Hamburg - Es war eines der letzten Konzerte, für das Dave Brubeck noch einmal nach Europa kam. Im Dezember 2005 erlebte in München "La Fiesta De La Posada" seine deutsche Erstaufführung, eine Nacherzählung der Weihnachtsgeschichte in Form einer Kantate auf der Basis einer mexikanischen Volkserzählung. Brubeck hatte das geistliche Werk drei Jahrzehnte zuvor geschrieben, in der ersten Hochphase seiner kompositorischen Beschäftigung mit spiritueller Musik. Außerdem waren seitdem ein knappes Dutzend Oratorien entstanden, kammermusikalische Werke, Sinfonisches. Vieles, was man nicht von einem Jazzmusiker erwartete, ihm aber so sehr am Herzen lag, dass er dafür noch als 85-Jähriger ins Flugzeug stieg, um bei einer Premiere in der Alten Welt mitzuwirken.

Es war das Prinzip Neugier, das Dave Brubeck antrieb. Geboren am Nikolaustag des Jahres 1920 im kalifornischen Concord, wuchs er in musikalischer Familie auf. Ersten Klavierunterricht bekam er schon als Vierjähriger von seiner Mutter, einer Kirchenorganistin. Im Teenageralter war er gut genug, um sich als Pianist in Tanzorchestern etwas dazuzuverdienen. An ein Leben als Musiker glaubte er aber nicht. Deshalb begann er ein Studium der Tiermedizin - nur um festzustellen, dass ihn die Welt der Klänge doch nicht losließ.

Brubeck wechselte ans Mills College in Oakland, um bei Darius Milhaud Komposition zu lernen, der sich später an einen zielstrebigen, wissbegierigen, ein wenig ruhelosen Studenten erinnern sollte. Dann kam der Zweite Weltkrieg, die Militärzeit, die er zum Teil in Süddeutschland verbrachte, aber auch in Kalifornien, wo er begeistert die Exil-Vorlesungen von Arnold Schönberg besuchte, schließlich kehrte er 1946 an die Universität zurück.

Charakteristisch cool jazzender Sound

Das war auch der Moment, als Dave Brubeck begann, das erworbene Wissen um die Vielfalt der Musik in eigenen extravaganten Gruppen wie seinem Oktett The Jazz Workshop Ensemble umzusetzen. Als Klassiker war er unterrichtet worden, mit Jazz machte er sich in der Praxis vertraut. "Als ich anfing, konnte man Jazz nicht lernen", erinnerte er sich in der Rückschau. "Die einzige Schule war die Bühne und dort vor allem die Big Bands. Da saß ein Trompeter neben drei anderen und die waren mindestens genauso gut wie er selbst. Also musste er sich etwas abschauen und versuchen, noch interessanter als die Konkurrenz zu klingen."

Brubeck verinnerlichte dieses Credo und fand von 1951 an in seinem Quartett die passende Spielwiese für die daraus resultierenden dezenten Experimente mit komplexen Harmoniefolgen, ungeraden Rhythmen und klassischen Stilelementen. Wirklich zündend war dabei die Zusammenarbeit mit dem Saxofonisten Paul Desmond, der ihm nicht nur seinen größten Hit "Take Five" schrieb, sondern auch dafür sorgte, dass das Quartett den charakteristischen cool jazzenden Sound bekam, der spätestens mit dem Album "Time Out" 1959 auch die Haushalte der weißen amerikanischen Mittelschicht erreichte.

Dieser Schritt war Dave Brubeck wichtig. So intellektuell er auf der einen Seite die Musik in möglichst vielen Spielarten zu durchdringen versuchte, so umfassend wollte er auch all jene für Jazz begeistern, die damit kaum oder gar nicht in Berührung kamen. In den fünfziger Jahren startete er seine "Jazz Goes To College"-Reihe, landete nach Louis Armstrong als zweiter Jazzmusiker überhaupt auf dem Titelblatt des "Time Magazine". Er spielte gegen Ende des Jahrzehnts beim Festival in Newport, dem Treffpunkt der bürgerlichen Hipster, arbeitete mit Leonard Bernstein, schrieb Werke für Jazzbands und Sinfonieorchester. Brubeck war einer der treibenden Kräfte des sogenannten Third Streams, eines zeitweilig populären musikalischen Crossovers improvisierter und klassischer Musik.

Und immer wieder sorgte er dafür, dass eine Musik wie der Jazz überhaupt viele Leute erreichte. Sein Gastspiel an der Berliner Mauer 1961 etwa sorgte für große Medienresonanz, drei Jahre später lud ihn gar das Weiße Haus zum Konzert. Brubeck avancierte neben Louis Armstrong zur wichtigsten Integrationsgestalt des Jazz. Er begeisterte über Schichten, Hautfarben, Geschmäcker hinweg die Menschen für Musik und blieb dabei selbst offen nach allen Seiten. Als die Rockmusik en vogue wurde, gründete er mit seinen Söhnen ein eigenes Quartett, das den elektrischen Sound verarbeitete. Als in den neunziger Jahren der Neotraditionalismus aufblühte, nahm er Platten mit Young Lions wie Joshua Redman oder Roy Hargrove auf und unterstützte damit deren Karriere.

Diese Mischung aus Neugier und Flexibilität, Leidenschaft und Ratio, Intuition und extremer künstlerischer Selbstorganisation machte Dave Brubeck zu einem der produktivsten und zugleich integersten Musiker des Jazz. Seine Experimente mit Form- und Stilüberschreitungen, mit Barockmusik und Avantgarde, indischen Traditionen und Orchestralem, Clubsound und Konzerthallenästhetik inspirierten über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg Musiker von Bill Evans bis Al Jarreau.

Seine Energie schien unerschöpflich und doch war sie endlich. Am Mittwochmorgen starb Dave Brubeck im Krankenhaus von Norwalk im Bundesstaat Connecticut an Herzversagen, einen Tag vor seinem 92. Geburtstag.

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insgesamt 12 Beiträge
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    Seite 1    
1. An Herzversagen gestorben
escribella 06.12.2012
Lieber Spiegel, das ist ein schöner Artikel über David Brubeck, doch dass er an Herzversagen gestorben ist, überrascht mich in keiner Weise. Nicht wegen seines Alters, sondern schlicht und ergreifend aufgrund der Tatsache, dass JEDER Mensch aufgrund von Herzversagen stirbt. Wenn das Herz aufhört zu schlagen, tritt kurze Zeit später der klinische Tod ein, und wenn der Mensch nicht wiederbelebt wird, bleibt es auch dabei. Es klingt vielleicht pathetisch, aber richtig wäre: «Einen Tag vor Brubecks 92.Geburtstag hörte sein Herz auf zu schlagen». Oder so, irgendwie. Dieser alte Zopf vom Tod durch Herzversagen gehört endlich abgeschnitten, im Interesse der Sprachpflege, die ja zum Glück noch sehr lebendig ist.
2. Rip
lucas 06.12.2012
...für mich unvergessen sein Take Five, da selbst Musicus spele ich es immer wieder gern, heiz den Engeln da oben kräftig ein es gibt dort auch Flügel
3. richtig einer der ganz grossen
hobbysechs00 06.12.2012
Aber seit desmond tot ist war die welt schon ärmer geworden .
4. Entwicklung
prabo 06.12.2012
Da ist ein Mensch gestorben, der mehrere Stufen über all diesen schmutzigen Politikern. Wie kann ein Mensch so tief sinken, und sich für Macht interessieren. Leute wie Dave Brubeck müssten globale Entscheidungen treffen, weil sie einen Sinn für Harmonie haben. Farewell
5. Ein Quartett besteht immer aus mehr als einer Person...
Deep Thought 06.12.2012
Leider führt der übtriebene Starkult fast stets dazu, dass man den größten Teil einer Mannschaft bzw Musikergruppe einfach ignoriert. Das Gute an diesem Artikel ist, daß der Autor immerhin Paul Desmond erwähnte, der sicherlich eine SEHR große Bedeutung für den Erfolg des Quartetts hatte und nach der Trennung viele traumhaft gute Platten machte, die es lohnt, zu geniessen. Was unter den Tisch fällt, ist der Grund für die Trennung, die wohl darin bestand, daß Brubeck Desmond bei den Urheberrechten stets über den Tisch zog und zum absoluten Hauptprofiteur machte. Ich selber konnte die "2 Generations of Brubeck" selber in den 70er Jahren live geniessen, an das Konzert erinnere ich mich noch heute gerne. Es war einfach toll, dieser hochmusikalischen Familie zuzuhören, zu sehen, wieviel SPASS sie beim gemeinsamen Konzert hatten. Dr eimliche Star der Tournee war aber ein Mundharmonikaspieer,der sich "Mad Cat" nannte, es war der beste Harmonikaspieer, den ich je gehört habe... Wie dem auch sei - die Tonträger wie "Time out" etc sind absolute Schätze des Jazz. Wer Das Brubeck Quartett gerne hört, sollte sich aber nicht die Chance nehmen, Paul Desmonds Vermächtnis auch einmal anzuhören...
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