Von Ralf Dombrowski
Hartford/Hamburg - Es war eines der letzten Konzerte, für das Dave Brubeck noch einmal nach Europa kam. Im Dezember 2005 erlebte in München "La Fiesta De La Posada" seine deutsche Erstaufführung, eine Nacherzählung der Weihnachtsgeschichte in Form einer Kantate auf der Basis einer mexikanischen Volkserzählung. Brubeck hatte das geistliche Werk drei Jahrzehnte zuvor geschrieben, in der ersten Hochphase seiner kompositorischen Beschäftigung mit spiritueller Musik. Außerdem waren seitdem ein knappes Dutzend Oratorien entstanden, kammermusikalische Werke, Sinfonisches. Vieles, was man nicht von einem Jazzmusiker erwartete, ihm aber so sehr am Herzen lag, dass er dafür noch als 85-Jähriger ins Flugzeug stieg, um bei einer Premiere in der Alten Welt mitzuwirken.
Es war das Prinzip Neugier, das Dave Brubeck antrieb. Geboren am Nikolaustag des Jahres 1920 im kalifornischen Concord, wuchs er in musikalischer Familie auf. Ersten Klavierunterricht bekam er schon als Vierjähriger von seiner Mutter, einer Kirchenorganistin. Im Teenageralter war er gut genug, um sich als Pianist in Tanzorchestern etwas dazuzuverdienen. An ein Leben als Musiker glaubte er aber nicht. Deshalb begann er ein Studium der Tiermedizin - nur um festzustellen, dass ihn die Welt der Klänge doch nicht losließ.
Brubeck wechselte ans Mills College in Oakland, um bei Darius Milhaud Komposition zu lernen, der sich später an einen zielstrebigen, wissbegierigen, ein wenig ruhelosen Studenten erinnern sollte. Dann kam der Zweite Weltkrieg, die Militärzeit, die er zum Teil in Süddeutschland verbrachte, aber auch in Kalifornien, wo er begeistert die Exil-Vorlesungen von Arnold Schönberg besuchte, schließlich kehrte er 1946 an die Universität zurück.
Charakteristisch cool jazzender Sound
Das war auch der Moment, als Dave Brubeck begann, das erworbene Wissen um die Vielfalt der Musik in eigenen extravaganten Gruppen wie seinem Oktett The Jazz Workshop Ensemble umzusetzen. Als Klassiker war er unterrichtet worden, mit Jazz machte er sich in der Praxis vertraut. "Als ich anfing, konnte man Jazz nicht lernen", erinnerte er sich in der Rückschau. "Die einzige Schule war die Bühne und dort vor allem die Big Bands. Da saß ein Trompeter neben drei anderen und die waren mindestens genauso gut wie er selbst. Also musste er sich etwas abschauen und versuchen, noch interessanter als die Konkurrenz zu klingen."
Brubeck verinnerlichte dieses Credo und fand von 1951 an in seinem Quartett die passende Spielwiese für die daraus resultierenden dezenten Experimente mit komplexen Harmoniefolgen, ungeraden Rhythmen und klassischen Stilelementen. Wirklich zündend war dabei die Zusammenarbeit mit dem Saxofonisten Paul Desmond, der ihm nicht nur seinen größten Hit "Take Five" schrieb, sondern auch dafür sorgte, dass das Quartett den charakteristischen cool jazzenden Sound bekam, der spätestens mit dem Album "Time Out" 1959 auch die Haushalte der weißen amerikanischen Mittelschicht erreichte.
Dieser Schritt war Dave Brubeck wichtig. So intellektuell er auf der einen Seite die Musik in möglichst vielen Spielarten zu durchdringen versuchte, so umfassend wollte er auch all jene für Jazz begeistern, die damit kaum oder gar nicht in Berührung kamen. In den fünfziger Jahren startete er seine "Jazz Goes To College"-Reihe, landete nach Louis Armstrong als zweiter Jazzmusiker überhaupt auf dem Titelblatt des "Time Magazine". Er spielte gegen Ende des Jahrzehnts beim Festival in Newport, dem Treffpunkt der bürgerlichen Hipster, arbeitete mit Leonard Bernstein, schrieb Werke für Jazzbands und Sinfonieorchester. Brubeck war einer der treibenden Kräfte des sogenannten Third Streams, eines zeitweilig populären musikalischen Crossovers improvisierter und klassischer Musik.
Und immer wieder sorgte er dafür, dass eine Musik wie der Jazz überhaupt viele Leute erreichte. Sein Gastspiel an der Berliner Mauer 1961 etwa sorgte für große Medienresonanz, drei Jahre später lud ihn gar das Weiße Haus zum Konzert. Brubeck avancierte neben Louis Armstrong zur wichtigsten Integrationsgestalt des Jazz. Er begeisterte über Schichten, Hautfarben, Geschmäcker hinweg die Menschen für Musik und blieb dabei selbst offen nach allen Seiten. Als die Rockmusik en vogue wurde, gründete er mit seinen Söhnen ein eigenes Quartett, das den elektrischen Sound verarbeitete. Als in den neunziger Jahren der Neotraditionalismus aufblühte, nahm er Platten mit Young Lions wie Joshua Redman oder Roy Hargrove auf und unterstützte damit deren Karriere.
Diese Mischung aus Neugier und Flexibilität, Leidenschaft und Ratio, Intuition und extremer künstlerischer Selbstorganisation machte Dave Brubeck zu einem der produktivsten und zugleich integersten Musiker des Jazz. Seine Experimente mit Form- und Stilüberschreitungen, mit Barockmusik und Avantgarde, indischen Traditionen und Orchestralem, Clubsound und Konzerthallenästhetik inspirierten über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg Musiker von Bill Evans bis Al Jarreau.
Seine Energie schien unerschöpflich und doch war sie endlich. Am Mittwochmorgen starb Dave Brubeck im Krankenhaus von Norwalk im Bundesstaat Connecticut an Herzversagen, einen Tag vor seinem 92. Geburtstag.
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