Jazz-Legende Django Reinhardt: Von der Katastrophe zur Kunst

Von Ralf Dombrowski

Ein Brand verkrüppelte seine linke Hand, so musste er eine neue Art des Spiels erfinden: Django Reinhardt ist das unkonventionellste Genie des Gitarrenjazz. Heute würde er seinen 100. Geburtstag feiern. Unsterblich durch seinen raffinierten Sound ist er schon. Eine Würdigung.

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Django Reinhardt: Radikal individuell
Es war ein Leben voller Katastrophen und es fing in ärmlichen Verhältnissen an. Im Winter 1910 hatte Laurence Reinhardt im belgischen Liberchies ihr Winterquartier aufgeschlagen. Sie lebte mit dem Musiker Jean-Eugène Weiss im Wohnwagen und brachte sich mit komödiantischen Vorstellungen, Korbflechten, Schmuckverkauf durch. Und sie war schwanger. Am 23.Januar brachte sie einen Jungen zur Welt, den das Paar am folgenden Tag auf den Namen Jean Baptiste Reinhardt im Geburtsregister eintragen ließ. Daheim nannten sie ihn "Django", was so viel hieß wie "Ich erwache".

Über die folgenden Jahre ist wenig bekannt. Die Reinhardts reisten durch Europa, der Vater verließ die Familie. Die Mutter versorgte alleinerziehend Django und die jüngeren Geschwister Joseph und Sara. Sie flohen vor den Wirren des ersten Weltkriegs bis nach Algerien und ließen sich nach den Krieg in einer Wohnwagensiedlung an der Porte de Choisy bei Paris nieder. Es war ein Elendsviertel, genannt "La Zone", wo viele Sinti-Familien Station machten, und es wurde für die folgenden Jahre Djangos Heimat. Dort sammelte er mit seinem Bruder Kohle und Altmetall zum Weiterverkauf, dort entdeckte er aber auch die Musik.

Ein einzigartiges Talent

In "La Zone" lernte man durch Zuhören, Nachspielen, und der Junge hatte das außergewöhnliche Talent, sich präzise und spontan Melodien merken zu können. Als Zwölfjähriger bekam er eine sechssaitige Banjo-Gitarre geschenkt, übte sich die Finger wund und spielte zur Verblüffung der Siedlung bald souveräner als gestandene Musiker. Mit dem Akkordeonisten Vétese Guérino bekam der Knabe Arbeit in Cafés, stimmte in den "Bals Musette" Walzer zum Tanz an und trug zum Familieneinkommen bei. Als 18-Jähriger machte Django Reinhardt erste Aufnahmen, heiratete, eine kleine Karriere bahnte sich an.

Doch am 28. Oktober 1928 warf ihn das Schicksal zunächst aus der Bahn. Der Wohnwagen des jungen Paares geriet in Brand. Reinhardt wurde unter den lodernden Trümmern begraben und konnte sich nur mit Mühe retten. Er war schwer verletzt, verlor beinahe sein linkes Bein, und seine linke Hand blieb verstümmelt. Die Ärzte retteten Daumen, Zeige- und Mittelfinger, die anderen Finger blieben verkrüppelt, ein Desaster für jeden Gitarristen. Der junge Mann aber ließ sich nicht unterkriegen.

Sechs einsame Monate übte er trotz Schmerzen im Krankenhaus und entwickelte notgedrungen eine eigene Technik, Harmonien zu reduzieren, Arpeggien horizontal statt vertikal aufzulösen und Linien auf dem Griffbrett zu verteilen. Das Wunder gelang. Django Reinhardt schaffte den Anschluss und konnte weiter als Gitarrist in Tanzlokalen arbeiten.

Hot Club de France, Ellington und der Jazz

Womöglich wäre er Unterhaltungskünstler geblieben, hätte er nicht Stéphane Grappelli getroffen. Der Geiger und der Gitarrist lernten sich 1934 bei einer Session hinter der Bühne kennen, entdeckten ihre gemeinsame Begeisterung für amerikanischen Swing, und bereits kurz darauf gründeten sie zusammen mit den Rhythmusgitarristen Joseph Reinhardt, Roger Caput und Louis Volla am Kontrabass das 'Quintette du Hot Club de France'.

Die Formation entwickelte sich zur ersten Supergroup des europäischen Jazz. Reinhardts Version von "Dinah" wurde ein Hit, der auch in den USA aufhorchen ließ. Swingstars wie der Saxofonist Coleman Hawkins suchten die Nähe des Gitarristen; das Quintett tourte bis 1939 ausgiebig durch Europa. Dann trennte sich Stéphane Grappelli vom Hot Club und Reinhardt gründete neue Ensembles, unter anderem eine Big Band, mit der er im besetzten Paris Erfolge feierte. Im Ganzen aber wurde es ruhiger um ihn, mit Ausnahme einer Amerika-Tournee im Winter 1946, als Gast des Orchesters von Duke Ellington.

Was folgte, hätte die Aufbauphase einer zweiten Karriere werden können. Reinhardt begann, Bebop-Elemente in seine Kompositionen zu integrieren, probierte verstärkte Gitarren aus und holte den Saxofonisten Hubert Fol in seine Band. Er trat sogar mit dem Trompeter Dizzy Gillespie in Brüssel auf. Alles sah nach einem Neustart im Anschluss an eine stilistische Orientierungsphase aus. Doch am 16. Mai 1953 brach Django Reinhardt in seinem Lieblingscafé in Samois-sur-Seine zusammen und starb noch am selben Tag an den Folgen eines Schlaganfalls im Alter von 43 Jahren.

Das andere Erbe

Noch immer streiten Experten, ob Django Reinhardts Musik wirklich Jazz gewesen sei. Denn in seinem Stil liefen viele Traditionen zusammen: die Walzer-Folklore der Bals Musette und der gedämpfte, swingende Viertel-Beat der Dreißiger; Tonleitern der Sinti-Musik, die bis auf indische Raga-Wurzeln zurückreichen, und Elementen der Flamenco-Phrasierung; eine individuell verstandene Idee von Bebop und der gestalterische Output eines Gedächtnisses, das spontan auf Tausende Melodien zurückgreifen konnte; schließlich eine Spieltechnik, die aufgrund der behinderten linken Hand auf komplett eigene Harmonisierungen, Klangfarben, Stimmführungen zurückgriff.

Es gab daher keine echte Reinhardt-Schule, auch wenn Gitarristen wie Diz Disley, Pierre Cavalli, später Marc Fosset, Häns'che Weiss oder Bireli Lagrène klar an den Sinti-Swing der frühen Jahre anknüpften. Zu individuell war Reinhardts Spielweise, zu intuitiv und letztlich auch zu unakademisch, um sie als Lehrgebäude an die Nachwelt weiterzugeben. Die Wirkung aber, die von ihm und seinen Pionierleistungen langfristig ausging, ist ebenso umfassend wie grundlegend.

Sie betrifft nicht nur Gitarristen wie Philip Catherine, Larry Coryell oder Christian Escoudé, die einzelne Elemente vom Saiten-Bending über Oktavierungen bis hin zu chromatischen Linienführung weiterentwickelten. Django Reinhardt steht vielmehr für die Eigenständigkeit des frühen europäischen Jazzbewusstseins. So wie Amerika Louis Armstrong, Duke Ellington, Charlie Parker hatte, so bewies der Gitarrist, dass improvisierende Musik in der Alten Welt eigene Wurzeln haben konnte.

In der Rückschau wurden er damit nicht nur zu einem Ahnherrn stilistischer Unabhängigkeit, sondern zum Impulsgeber von Entwicklungen, die über virtuose Stil-Großenkel wie Diknu Schneeberger deutlich hinausreichen. Die Zusammenstellung "Django's Spirit" beispielsweise, frisch zum Jubiläum erschienen, spannt den Bogen vom Original über Lagrène und Co. und die Klangwelt des Balkans bis zu japanischem Revuesound und Remix-Projekten.

Und das Erstaunliche ist, dass im Unterschied zur klassischen Jazzgeschichte auf diesem Feld noch alles offen zu sein scheint.


CDs:
V.A.: Djangos' Spirit - A Tribute To Django Reinhardt (Trikont/Indigo 804052)
Django Reinhardt: Retrospektive 1934-53 (3 CDs plus Bonus DVD, Saga / Universal 532 081-2)
Diknu Schneeberger Trio: Rubina (City Park CIPA-3022-2)

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. Django forever
jazzlistening 23.01.2010
Gerade seine unakademische und nichttheoriebasierte Spielweise machte ihn so herausragend. Es führt eine Verbindungslinie von Charlie Christian zu Django Reinhard, Wes Montgomory, Joe Pass und Barney Kessel. Interessant ist, daß einige "Tricks" und Akkorde (E7#9) sich bei Django beobachten lassen, die später Jimi Hendrix zugeschrieben wurden. Andere "akademische" Gitarristen (z.B. John McLaughlin, Pat Metheny, Robben Ford etc.) sollten mal mehr Django hören.
2. googeln
sic tacuisses 23.01.2010
Sie mal unter Mike + Moro Reinhardt
3. Djangology
y2m 23.01.2010
Vor Django nie etwas in dieser Richtung gemocht - und auch nach jahrelangem Hören ist die Musik langweilig geworden. Um so beeindruckender seine Musik, wenn man um sein Schicksal weiß.
4. Titel
Nachtschwester Ingeborg 23.01.2010
Was soll man da lange reden, einfach anhören http://www.youtube.com/watch?v=DY0FF4iR9Cw
5. 100 Django Reinhardt
Bibija 23.01.2010
Zitat von sysopEin Brand verkrüppelte seine linke Hand, so musste er eine neue Art des Spiels erfinden: Django Reinhardt ist das unkonventionellste Genie des Gitarrenjazz. Heute würde er 100. Geburtstag feiern. Unsterblich durch seinen raffinierten Sound ist er schon. Eine Würdigung. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,673164,00.html
Django Reinhardt und Stephan Grapelli waren zusammen in London als England Hitler den Krieg erklärte. Django ist sofort nach Paris zurückgefahren und Stephan Grapelli ist in London geblieben. So entstand die Trennung.
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