Jazz-Legende McCoy Tyner "Ich halte nichts von Trends"

Als Pianist von John Coltrane schrieb McCoy Tyner Jazz-Geschichte. Seit heute tourt der 68-jährige Virtuose durch Deutschland. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE gab er sich skeptisch - vor allem gegenüber elektronischen Instrumenten.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Tyner, Sie hätten auch als Konzertpianist eine große Karriere vor sich gehabt. Weshalb sind Sie Jazzmusiker geworden?

Pianist Tyner: "Ich liebe Klassik"
Karsten Jahnke

Pianist Tyner: "Ich liebe Klassik"

Tyner: Weil ich mich in dieser Musik am besten entfalten kann. Ich liebe klassische Musik. Als Klavierschüler habe ich mir Stücke von Beethoven, Bach und Chopin erarbeitet. Aber irgendwann habe ich die Noten beiseite gelegt und eine Schulband gegründet.

SPIEGEL ONLINE: Und die spielte Jazz?

Tyner: Rhythm & Blues. Aber von da ist der Weg zum Jazz nicht weit. Außerdem spielte ich auf Jam Sessions mit Musikern, die das Repertoire und die Technik des Bebop beherrschten. Die Praxis in Clubs war so wichtig wie die Theorie-Lektionen und das Üben im Klassenzimmer.

SPIEGEL ONLINE: Wer bezahlte ihre Klavierstunden?

Tyner: Meine Mutter. Sie betrieb in Philadelphia einen Schönheitssalon und scheute keine Kosten, mein Talent zu fördern. Zudem haben mich unsere Nachbarn unterstützt. Als wir noch kein Klavier besaßen, durfte ich bei wohlhabenden Kunden üben.

SPIEGEL ONLINE: Und wann haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Tyner: Mit 15 spielte ich mit Profis in den Clubs unserer Stadt und während der Sommersaison im Badeort Atlantic City, nicht weit von Philadelphia.

SPIEGEL ONLINE: Und wie schafft man es von dort zu einem Star wie John Coltrane?

Tyner: Als ich 17 war, kam Coltrane zu einem Gastauftritt nach Philadelphia. Er gehörte damals zur Band von Miles Davis. Im Jazzclub "Red Rooster" begleitete ihn eine lokale Rhythmusgruppe. Ich saß am Klavier. Nach dem Gig versprach Coltrane, mich zu engagieren, wenn er seine eigene Band gründen würde.

SPIEGEL ONLINE: Coltrane hielt Wort.

Tyner: Ich auch. Denn ich hatte einen guten Job im Jazztet von Benny Golson und Art Farmer, als Coltrane mich etwa zwei Jahre später anrief.

SPIEGEL ONLINE: Als Pianist des legendären John Coltrane Quartets wurden Sie schlagartig weltberümt. Das ist über 40 Jahre her. Anders als viele Kollegen aus jener Zeit sind sie nicht in Vergessenheit geraten.

Tyner: Ich hatte das Glück, einer Gruppe anzugehören, die Musikgeschichte geschrieben hat. Das half mir sicher.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb hört man Sie nie auf dem Keyboard? Seit der Jazz zunehmend vom Rock beeinflusst wurde, spielen viele Pianisten auch auf dem Fender-Rhodes und anderen elektronischen Tasteninstrumenten.

Tyner: Ich habe mich nie für diese Instrumente interessiert, die völlig anders klingen als ein akkustisches Klavier. Schon als Teenager hatte ich Jimmy Smith gehört, der auch aus Philadelphia stammt. Ich mag sein Spiel auf der Hammond-Orgel, aber dem Sound der elektronischen Instrumente kann ich nichts abgewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Bigbands mögen Sie gerne.

Tyner: Oh ja. Mehrfach in meiner Karriere habe ich Orchester zusammengestellt und geleitet. Ich schreibe gern Arrangements für Bigbands. Aber es ist teuer, einen so großen Apparat zu unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Mit einer kleineren Besetzung gewannen Sie vor einigen Jahren für Ihr Album "Infinity" einen Grammy. Da war der kürzlich verstorbenen Tenorsaxofonist Michael Brecker dabei. Was bedeutete er Ihnen?

Tyner: Michael war ein angenehmer Mensch und fabelhafter Musiker. Ursprünglich von Coltrane beeinflusst, hatte er seinen eigenen, wundervollen Sound gefunden. Man genoss es, mit ihm zusammen zu sein. Wir alle vermissen ihn.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt kommen Sie wieder einmal zu Konzerten nach Europa. Was bedeutet Ihnen unser Kontinent?

Tyner: Ich liebe Europa wegen seiner musikalischen Tradition und weil er die amerikanische Kunstform des Jazz schätzt, die natürlich ihre Wurzeln in Afrika hat.

SPIEGEL ONLINE: Prägt nicht auch Europa den Jazz?

Tyner: Es gibt großartige europäische Jazzmusiker. Gute Musiker sind einfach gut, ganz gleich woher sie kommen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher gute Europäer fällt Ihnen ein?

Tyner: Joe Zawinul zum Beispiel ...

SPIEGEL ONLINE: Aber der hat in Amerika Karriere gemacht. Heute sagen viele, dass der Jazz seine neuen Impulse in Europa bekommt. Es gibt den Begriff Euro-Jazz.

Tyner: Die Schallplatten-Industrie und Musik-Journalisten erfinden immer wieder neue Trends und Begriffe, um junge Menschen zu beeinflussen und das Geschäft anzuheizen. Ich halte nichts davon.

Das Interview führte Hans Hielscher


Tournee: 1.3. Berlin, 2.3. Hamburg, 3.3. Bremen, 5.3. Frankfurt/Main 7.3. München, 8.3. Heidelberg, 10.3. Dortmund



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