Jazz Manfred Krugs zensierte Reliquien

Der Serien-Schauspieler Manfred Krug wird als digitalisierter DDR-Kult zum erfolgreichsten deutschen Jazzsänger.

Von Michael Pilz


Manfred Krug 1964

Manfred Krug 1964

Er ist ein Mann, den die Republik in vielen vertrauenswürdigen Rollen akzeptiert: Krug ist der verknitterte Anwalt aus Kreuzberg, der Serienbrummel mit Herz und Schnauze. Ist universell einsetzbar als Werbeträger für Bierbrauer, Geldinstitute und Telefonfirmen. - Nur dieses eine Talent hatte er dem Westen 20 Jahre verschwiegen, seit er 1977 aus dem Osten gekommen war: seinen Gesang. 1980 hatte er es noch einmal versucht mit der Schallplatte "Lieder von drüben", vergeblich.

1998 ist Manfred Krug plötzlich die erfolgreichste deutsche Jazzstimme, wiederentdeckt auf CD und im Fernsehen.

Schimanski begrub seine Sorgen in Fritten und Mayo. Haferkamp fand Trost im Scheidungsglück. Auch den von Krug gespielten Hamburger Hauptkommissar Stoever plagt der Blues, und für ihn sieht das Drehbuch seit zwei Jahren vor, daß er am "Tatort" eines seiner alten Jazz-Lieder vorträgt. Und der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft verlieh Krug vor kurzem den Deutschen Jazz-Award. Der bescheidene Arbeitskreis Jazz sieht den Preis bereits für 10 000 verkaufte Tonträger vor und dekoriert damit seine seltenen Stars. Michel Petrucciani bekommt ihn oder Aziza Mustafa Zadeh, Klaus Doldinger gelegentlich und Altmeister wie Albert Mangelsdorff oder Alexander von Schlippenbach nie. In einem Berliner Restaurant, in aller Stille, übergab nun eine dankbare Plattenfirma Manfred Krug den Preis für den fabelhaften Absatz von 30 000 Alben mit dem Titel "Jazz - Lyrik - Prosa".

Volkseigener Jazzer

"Es gibt wunderliche, unerklärliche Dinge", sagte Krug und trug die Trophäe heim zu Bambi und Goldener Kamera. "Jazz - Lyrik - Prosa" ist eine jener CDs, die dem nostalgischen Erbe des VEB Deutsche Schallplatten entstammen. Die Nachlaßverwalter mühen sich seit der Wende mit dem einträglichen Digitalisieren des DDR-Kults. Mit mäßigem Gewinn haben sie jene vier Platten neu aufgelegt, die Krug mit seinem Freund Günther Fischer eingespielt hatte. Auch eine CD mit Liedern des schwedischen Aufklärers Carl Michael Bellman verweigerte sich den Hitparaden. Selbst die durchweg gelungene "Manfred Krug Anthologie" verfehlte die Nominierung für den Jazz-Award. Aber das Album "Jazz - Lyrik - Prosa" erfüllt dessen Bedingungen nun dreihundertprozentig wie volkseigene Eisenhüttenkombinate ihre Pläne zu Ehren der Parteitage.

In der Tat beschränken sich die beachtlichen Verkäufe weitgehend auf den Osten, erklären die Verantwortlichen der Firma Amiga. Dieser CD lagen zwei LPs zugrunde, die in der DDR als zensierte Reliquien gehegt wurden, bis ihr Vinyl rettungslos zerschunden war. Das schuf den erstaunlichen Bedarf an einer Wiederauflage dieser Mitschnitte von 1964 und 1965 aus der Kongreßhalle am Alexanderplatz. Der Verlag Volk und Welt hatte damals Dichter, Schauspieler und Musiker auf die Bühne gebracht, und Manne Krug war ihr Star seit einer Hauptrolle im Defa-Musical "Auf der Sonnenseite".

Kuh im Propeller

Vor allem sein Vortrag einer russischen Schwejkiade ist im Beitrittsgebiet bis heute mündlich tradiert: "Die Kuh im Propeller" berichtet vom Pförtner einer Fliegerschule, der die Bauern vom Flugwesen überzeugen soll. "Agitiert nur, agitiert nur", ermuntern ihn die Spötter im Dorfsowjet. Eine auch im DDR-Versammlungswesen gern zitierte Aufforderung, sich um Kopf und Kragen zu reden. Zwischen Lyrik und Prosa sang Krug damals viele immergrüne Lieder zur Begleitung der Jazz- Optimisten Berlin wie "My Funny Valentine" und "When The Saints Go Marchin' In". Offenbar ist er wieder passend, der Opajazz als beschwingte Musik zum richtigen Leben im falschen.

Michael Pilz, 32, ist freier Autor in Berlin-Köpenick.

Manfred Krug auf CD:

"Jazz - Lyrik - Prosa" "Manfred Krug Anthologie" "Manfred Krug spricht und singt Carl Michael Bellmann Fredmans Episteln" Das war nur ein Moment / Ein Hauch von Frühling Greens / Du bist heute wie neu (alle bei Amiga/BMG)



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