Frauen im Jazz Pro Note

ProQuote würde sich freuen: Immer mehr hervorragende Instrumentalistinnen machen Karriere, auch besetzen Frauen nun Funktionärspositionen. Trotzdem wird noch diskutiert: Kann Jazz männlich oder weiblich klingen?

Von Hans Hielscher

Manuel Miethe

"Die U.d.J. wird weiblicher" überschrieb die Union deutscher Jazzmusiker ihre vorletzte Pressemitteilung des vergangenen Jahres. Mit den Saxofonistinnen Alexandra Lehmler, 35, und Silke Eberhard, 42, wählte die in Köln tagende Mitgliederversammlung zwei Frauen in den Vorstand. Damit führt die Jazz-Zunft einen progressiven Trend fort: 2012 wurde die Berliner Pianistin Julia Hülsmann U.d.J.-Vorsitzende. Nach ihr arbeitete Angelika Niescier im Führungsgremium der Interessenvertretung, die derzeit 528 Mitglieder hat, darunter 92 Frauen. Die 44-jährige Saxofonistin Niescier steht für eine Generation von Musikerinnen, die nicht nur ihr Instrument beherrschen und Bands leiten - sie beleben auch mit ihren Ideen und als Organisatorinnen die Szene. So erfand Niescier das Festival "Winterjazz", das am kommenden Freitag zum vierten Mal in Köln stattfindet.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Frauen im Jazz nur als Sängerinnen und Pianistinnen ernst genommen wurden. Heute gehören die Schlagzeugerin Eva Klesse, die Bassistin Eva Kruse und die Gitarristin Sandra Hempel zu den besten in Deutschland auf ihren Instrumenten. Monat für Monat kommen Neuerscheinungen von Instrumentalistinnen heraus. Das Festival "Women in Jazz" lädt 2015 zum zehnten Mal Fans nach Halle an der Saale (bekanntester Gast ist diesmal die US-Sängerin Jane Monheit). Frauen haben sich im Jazz - endlich - als gleichberechtigte Partnerinnen etabliert. Wolfram Knauer vom Jazzinstitut Darmstadt berichtet, dass die lokale Presse vor 15 Jahren überraschend ein Konzert des Instituts groß herausstellte: Die Band des Abends wurde von einer Saxofonistin geleitet. Heute wäre das kein Grund mehr für besondere Aufmerksamkeit, es ist zur Normalität geworden. Das liegt auch daran, dass Mädchen und Frauen sich mehr für Jazz interessieren als früher - oder sich heute mehr Karrierechancen ausrechnen. Am seit 1991 stattfindenden jährlichen Workshop des Instituts für Amateur-Jazzer nehmen jedenfalls neuerdings mehr Frauen teil als Männer.

"Hübsch aussehen"

Immer mehr und immer bessere Instrumentalistinnen findet Jazz-Professor Wolf Kerschek, 45, unter den Studierenden an der Hamburger Musikhochschule. Der unter anderem mit der NDR Bigband arbeitende Musiker erinnert sich an Zeiten, in denen Mädchen keineswegs solche Leistungen vollbrachten. Damals, so Kerschek, hätten manche die Kritik an Unzulänglichkeiten mit der trotzigen Behauptung abgetan, das sei eben "weiblicher Jazz". Gibt es so etwas?

In einem Interview mit dem Magazin "Jazzthetik" antwortet die Saxofonistin Charlotte Greve ausweichend auf die Frage, ob bei Musikerinnen "andere Energien und Sensibilitäten als normalerweise ins Spiel kommen". Greve, 26, gewann 2012 den Echo Jazz als "Newcomer des Jahres" und brachte mit ihrem Lisbeth Quartett (sie selbst plus drei Männer) drei hoch gelobte Alben heraus. Das Attribut "weiblich", so Greve, werde nicht immer mit einer positiven Beschreibung verbunden. Und das sei berechtigt, denn neben guten Musikerinnen gebe es "noch mehr, die einfach nur mittelmäßig sind, und den Rest damit ausgleichen, dass sie hübsch aussehen". Am allerwichtigsten, resümiert die Hochbegabte im "Jazzthetik"-Interview, sei "gut klingende Musik, egal welches Geschlecht dahinter steht".

Die Frage, ob Frauen anders klingen, bleibt also offen. Antworten findet vielleicht das Darmstädter Jazzforum 2015, ein hochkarätiges akademisches Ereignis, das im Oktober unter dem Titel "Gender und Identität im Jazz" Experten aus aller Welt zusammenbringen wird. Manche behaupten, in sogenannten "Blindfold Tests" an der Spielweise erkennen zu können, ob eine Frau oder ein Mann am Klavier sitzt oder das Altsaxofon bläst.

Eindeutig zu identifizieren sind Frauen in der Rubrik "Vocalists". Deshalb soll die erste Tageskarte Jazz 2015 mit Hinweisen auf zwei Januar-Neuerscheinungen enden: Die Berliner Sängerin Esther Kaiser, 39, singt Stücke aus dem Repertoire der 2010 verstorbenen Abbey Lincoln; und Lyambiko, 36, die Afrodeutsche, die den Namen ihres Vaters aus Tansania annahm, bringt ausschließlich Songs, die von Frauen stammen. Die einzige Komposition eines Mannes auf der Platte, Charles Mingus' "Goodbye Pork Pie Hat", wurde durch den Text und die Darbietung von Joni Mitchell über die Jazzwelt hinaus bekannt.


Veranstaltungen:
Festival "Winterjazz", 9. Januar in Köln
Festival "Women in Jazz", 24. März bis 3. April in Halle (Saale)
Darmstädter Jazzforum "Gender und Identität im Jazz", 1. bis 4. Oktober

CDs:
Esther Kaiser: "Learning How To Listen - the Music of Abbey Lincoln" (GLM)
Lyambiko: "Muse" (Sony Music)

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
hschmitter 04.01.2015
1.
Kann Essen männlich oder weiblich schmecken? Riechen von Männern gegossene Rosen anders als von Frauen gegossene? Wie wäre die Menschheitsgeschichte verlaufen, wenn der Erfinder des Otto-Motors eine Erfinderin gewesen wäre? Arbeiten weibliche Postzusteller anders als männliche?
horstvonork 04.01.2015
2. Bittte um Korrektur
"Lyambiko, 36, eine Afrodeutsche, die den Namen ihres Vaters aus Tansania annahm, bringt ausschließlich Songs, die von Frauen stammen." Nach dem 2012er Album dürfte diese Aussage falsch sein: diese großartige und sympathische Künstlerin widmet ein ganzes Album George Gershwin.
Widerstandsgewächs 04.01.2015
3. Gender macht vor nichts halt
aber es ist an der Zeit die ganzen alten Jazzmusiker auf ihre Einstellung zum weiblichen Geschlecht zu untersuchen und neu zu bewerten und mit einem Gütesiegel zu belegen, weil sich doch der eine oder andere als übler saxofonierender Sexist entpuppen könnte. Dies gäbe auch etliche Themen für wissenschaftliche und politische Forschungsaufträge, z.B. unter dem Thema, das Saxophon als Gestaltungsmittel sexistischer Präsidenten und die Auswirkungen auf die amerikanische Demokratie! Fa..Gott oh Gott.....
Kismett 04.01.2015
4. Hélène Grimaud
Ich kenne nur eine einzige überragende zeitgenössische Musikerin: Hélène Grimaud. Eine unglaubliche musikalische Begabung. Technisch reif wie Wilhelm Kempff, aber mit einer direkten Verbindung ins Elysium der Musik. Die anderen Frauen in der Musik sind doch nur gehypte Mediengestalten.
chaps 04.01.2015
5. Da ist nichts
Ich behaupte mal da gibt es keinen Unterschied, den man hören kann. Hört man bei Barbara Dennerlein dass es eine Frau die Orgel spielt? Und zwar ohne dass man vorher weiß, welches Geschlecht da am Werke ist? Man hört nur gute Musik!
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