Von Hans Hielscher
Die Rubrik für Schallplatten-Freunde im US-Jazz-Magazin "Down Beat" trägt die Dachzeile "Vinyl Freak". Ein Freak - auch mit "Monstrum" oder "Missgeburt" übersetzbar - ist eine Person, "deren Lebensweise von dem als normal Empfundenen abweicht". Normal unter Musik-Freunden war seit den achtziger Jahren die Compactdisc (CD). Leute, die altbewährte Vinyl-LPs dem neuen digitalen Musikspeicher vorzogen, galten als Außenseiter.
Das hat sich verändert. Vinyl ist wieder in. Der Branchenriese Sony/Columbia lieferte eine LP-Version mit, als er Miles Davis' Meisterwerk "Bitches Brew" 2010 in neuer Verpackung herausbrachte. In diesem Jahr veröffentlichte das Münchner Label ACT das Vermächtnis-Album des Esbjörn Svensson Trios "301" und drei weitere Neuerscheinungen als CD und LP. ACT-Chef Siegfried Loch beschreibt die Vinyl-Alben als "besonders hochwertige Produkte, die in der heutigen digitalen Zeit dazu beitragen, Informationen wieder zu entschleunigen". Zurück zur schönen, schwarzen Scheibe! Edel Content in Hamburg eröffnete mit einer LP von Joo Kraus eine sogenannte "Triple-A-Series" für "Fans von audiophilen Vinyls".
Liebhaber solcher Tonträger möchte auch In+Out Records bedienen und bietet nach der CD eine limitierte LP-Auflage des Albums "Bitches" des Trompeters Nicholas Payton an. "999 Stück handnummeriert, jedes Exemplar ein Unikat", wirbt die Firma aus Freiburg. Das Label NRW Jazz dagegen erklärt den für den Sommer geplanten Start einer Serie von LPs mit dem "überquellenden CD-Markt gerade in dem Mainstream-orientierten Jazzbereich".
Die Kunst des Covers
Die Rückbesinnung auf die Schallplatte begann vor einigen Jahren. "Vinyl Makes Comeback" berichtete "Down Beat" im Mai 2009 aus Amerika. Auch in Deutschland steigen die LP-Umsätze. 2006 wurden 600.000 Exemplare verkauft; zwei Jahre später waren es 900.000. Zuletzt meldete der Bundesverband der Musikindustrie für 2011 gegenüber dem Vorjahr 18,5 Prozent mehr Umsatz. Mehr Platten werden verkauft, weil zu einem Stamm von Nostalgikern junge Fans kommen. Sie erkennen, dass die Klangqualität der Vinyl-Tonträger weit besser ist als die der CDs. Die LP erfasst weiter gehende Tiefen- und Höhenfrequenzen. Dabei nehmen die Vinyl-Fans leichtes Knistern in Kauf. Neben dem guten Klang schätzen sie schöne LP-Cover. In Vinyl-Zeiten hatten zuweilen Künstler wie Andy Warhol Platten-Hüllen gestaltet.
Diese Tradition will Rainer Haarmann wieder beleben. "Bildende Kunst und Jazzmusik vereinen sich in kreativer Weise im Medium Langspielplatte", glaubt der ehemalige Leiter des Festivals JazzBaltica. Der ausgewiesene Kunstkenner hat das Label "Edition Longplay" gegründet und produziert hochwertige LPs. Speziell für sie wählt Haarmann moderne Kunstwerke für die Cover aus - wenn möglich im Kontakt mit den Malern und Musikern. Seine ersten drei Platten stellte er am 21. Mai im Berliner Jazzclub A-Trane vor: Aufnahmen der Pianistin Clara Haberkamp finden sich in einer Plattenhülle mit einem Mädchenporträt der Brasilianerin Rosilene Luduvico. Ein abstraktes Werk des Malers Rolf Rose ziert die Solo-Piano-Platte von Don Friedman aus New York. Für die LP des Bassisten Martin Wind wurde ein Gemälde von Max Neumann als Titelbild ausgewählt. Haarmann möchte die "Schallplatte als Gesamtkunstwerk" sehen.
So rückt denn der Vinyl-Tonträger vom "Freak" wieder in die Mitte der Gesellschaft. Eine Partner-Vermittlungsagentur wirbt in Zeitschriften mit einem Dialog zwischen zwei gut aussehenden Yuppies. Frau: "Der Richtige teilt meine Leidenschaft für Vinyl." Mann: "Meine Traumfrau wünscht sich Diamanten nur für ihre Plattenspielernadel."
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