Jazz-Propagandakrieg "Wirkungsvoller als Bomber-Geschwader"

Auch Jazz wurde im Kalten Krieg als Waffe eingesetzt. Via Voice of Amerika begeisterte der Rundfunkmoderator Willis Connover Millionen Hörer im Ostblock und in der Dritten Welt für die Musik des Westens. Jetzt erinnert ein Buch an die vergessene Kultfigur.


Die Anregung zu dem Projekt kam von einem Osteuropäer. "Sie müssen eine Biografie über Willis Connover schreiben", drängte der aus Russland stammende Bassist Victor Dvoskin auf einer Party den Historiker Terence Ripmaster. Der Amerikaner – obwohl ausgewiesener Jazzfan und Jazzautor – hatte nie von Connover gehört. Erstaunlich, aber doch erklärlich. Denn der Radiomann mit der wohlklingenden Stimme hatte zwar zwischen 1955 und 1996 fast täglich Jazzsendungen präsentiert; aber Connovers Programm lief über die staatlich finanzierte Voice of America, deren Kurzwellen-Programme rund um die Welt zu empfangen sind, nicht aber in den Vereinigten Staaten.

"Broadcasting Jazz to the world": Im Kulturkampf des Krieges mit Jazz werben

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So war denn Connover dem tschechischen Bassisten George "Jiri" Mraz und dem russischen Trompeter Valery Ponomarev ein Begriff; so bekannte der ungarische Gitarrist Attila Zoller, dass "die Jazzsendung der Stimme Amerikas mein Leben veränderte"; und der kubanische Trompeter Arturo Sandoval kam sogar in Haft, weil er den "Feindsender" mit dem Moderator Connover hörte. Doch in den USA kannte kaum jemand den Rundfunkmann.

In dem jetzt erschienenen Buch "Willis Connover – Broadcasting Jazz To The World" erzählt Autor Ripmaster die Lebensgeschichte des 1920 in Buffalo geborenen Jazzliebhabers. Connover war ein trinkfester Kettenraucher, insgesamt fünfmal verheiratet. Er schlug sich als Mitarbeiter kleiner Privatsender in Washington D.C. durch, als Mitte der fünfziger Jahre seine große Chance kam: Die Voice of America, unter Präsident Roosevelt 1942 vom Office of War Information gegründet, sollte im Kulturkampf des Kalten Krieges mit Jazz für die Sache des Westens werben. Connover wurde mit der Gestaltung der Programme betraut.

Schon ein Jahr nach dem Beginn der Sendungen 1955 begannen Hörer, Fanclubs zu gründen; 1964 existierten solche in 84 Ländern, etwa in Südkorea, Indien, Ghana, Südafrika, in der UdSSR und auf Kuba. Der Jazzmoderator wurde eine Art Kultfigur; seine Art zu Sprechen setzte Maßstäbe. "Die russischen Fans klangen alle wie Willis Connover", staunte Dave Brubeck nach einem Moskau-Besuch.

Den tiefen Eindruck, den Willis Connover auf eine Generation von Jazzfans hinterlassen hat, kann ich nachvollziehen. Denn ich war selber ein Hörer seiner Sendungen. Als Oberschüler in Ost-Berlin lauschte ich nach der Erkennungsmelodie "Take The 'A' Train" seiner Stimme, nachts von null bis ein Uhr. Die Sendung war manchmal ganz klar zu hören, um dann völlig zu verschwinden. Schlimm, wenn dann gerade ein Lieblingstück lief. Jazzplatten, die in West-Berlin zu haben waren, konnten wir uns nicht leisten. Wir hatten nicht einmal einen Plattenspieler. Also war ich voll aufs Radio angewiesen. Die "Stimme Amerikas" kam zu uns auf Langwelle über einen Transmitter im nordafrikanischen Tanger. Jazz hörte ich zudem im amerikanischen Soldatensender AFN und im Südwestfunk Baden-Baden mit dem deutschen Jazzpapst Joachim Ernst Berent.

Schätzungsweise 30 Millionen Menschen im Ostblock hörten die propagandafreien Jazzsendungen der Stimme Amerikas. Ihren Moderator ehrten in den neunziger Jahren die von Verfolgten zu Präsidenten aufgestiegenen Politiker Lech Walesa und Vaclav Havel. "Connover war wirkungsvoller als eine Flotte von B-29-Bombern", urteilte die "New York Times" 1996 in ihrem Nachruf auf den an Kehlkopfkrebs verstorbenen Rundfunk-Mann.


Buch Terence M. Ripmaster: "Willis Connover – Broadcasting Jazz To The World". iUniverse, Inc. New York, Lincoln, Shanghai; 220 Seiten; 18,95 Dollar.

Ein SPIEGELspecial über den Kalten Krieg mit einem weiteren Beitrag über den Jazz erscheint Ende Juli.



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samojede 04.07.2008
1. wirkungsvoller als Bombergeschwader
wir Jazzinfizierten (Jahrg.34) lernten Connover erst nach dem Krieg kennen ("This ist the Voice of America from Tanger") und verfielen seiner wundervollen Stimme, seinem gutverständlichen Englisch sowie seinem wirklich erstklassigen Musikgeschmack. Die Decke über dem Kopf (wg. der Eltern) hingen wir am Radio und prägten unsDinge ein, die ich heute noch wörtlich auswendig kann, denn mitschreiben ging in der Dunkelheit ja nicht. Später hat mich noch einmal ein Amerikaner so fasziniert: Es war Nick Clooney vom AFN Frankfurt, der Vater von George Clooney, Eine rundum wundervolle Zeit
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