Jazz-Sänger Cicero, Hamel, Cascaro Landung auf Planet Pop

Lanxess Arena Köln, O2 World in Berlin und Hamburg - Hallen, die sonst nur Popstars füllen, erwarten Roger Cicero. Der 41-jährige Hamburger steht für eine Reihe von Sängern, denen die Jazz-Nische viel zu klein geworden ist.

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Als der amerikanische Jazzpianist und -Vokalist Nat King Cole (1919-1965) nicht mehr über Standards improvisierte, sondern Schlager wie "Mona Lisa" trällerte, und als er dabei statt mit seinem Trio mit Bigbands und Streichern auftrat, da stieg er aus der Jazzszene zum Weltstar auf. Das war vor 60 Jahren. Vor sechs Jahren gastierte Roger Cicero noch an Spielorten wie Angie's Nightclub in Hamburg; er sang - wie im Jazz üblich - in englischer Sprache. Dann brachte Cicero "Männersachen" heraus; das Album mit deutschen Texten wurde ein Bestseller, fortan füllte Cicero mit seinen Konzerten große Hallen.

Für seine am 22. Februar beginnende Tournee durch 31 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden die Kölner Lanxess Arena und die O2 World Stadien in Berlin und Hamburg gemietet. Der Sänger mit dem Hut ist ein Popstar geworden. An Ciceros Jazz-Vergangenheit erinnert nur noch die Bigband, die allerdings völlig zur Begleitkapelle degradiert ist. Auf dem neuen Album "In diesem Moment" hat von 13 Titeln nur ein einziger ein Instrumental-Solo; bei "Adieu & Kuss" darf Gabriel Coburger ein paar Takte lang vorführen, was er auf dem Tenorsaxofon drauf hat. Ist dem Massenpublikum nicht mehr zuzumuten?

Ein Holländer mit Fan-Gemeinden in Asien

Auch die Niederlande haben ihren Roger Cicero. Er heißt Wouter Hamel, hat wie Cicero Jazzgesang studiert und musste sich, wie er sagt, "erst lösen von den ganzen perfekten, erdrückend großen Jazz-Standards". Dann begann Hamel eigene Stücke zu schreiben - Musik im Bereich Singer/Songwriter Richtung Pop. Prompt wurde der jungenhaft wirkende 34-Jährige in Holland ein Star; nach einer Asien-Tournee feiern ihn Fan-Gemeinden in Japan und Südkorea. Mitte Februar bringt Hamel sein Album "Lohengrin" auf den Markt. Gute Songs, leider ohne Soli für die Musiker seiner ausgezeichneten Band.

Da haben es der Gitarrist und der Keyboarder in der Combo von Jeff Cascaro besser. Der 43-jährige Bochumer lässt auch seine Instrumentalisten mal ins Scheinwerferlicht. Cascaro lehrt Jazzgesang an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar; mehr Menschen kennen ihn als Soul-Sänger aus deutschen Landen. Für sein drittes Album hat Cascaro neben eigenen Titeln den Al-Green-Hit "Let's Stay Together" aufgenommen. Die CD "The Other Man" wird Fans gefallen, die meinen, dass man nicht unbedingt schwarz sein muss, um Black Music zu spielen.

Vom Bundesjugend-Jazzorchester zum Avantgarde-Künstler des 21. Jahrhunderts

Wie Jeff Cascaro kommt Theo Bleckmann aus dem Ruhrpott. Doch der "New York Times" erschien der Sänger, Performer und Komponist eher wie jemand "from another planet". Denn Bleckmann ist ein Lautmaler, der seine Stimme - je nach Projekt - akustisch klingen lässt oder digitalelektronisch verändert. Der 45-Jährige, dessen Karriere im Bundesjugend-Jazzorchester begann, arbeitet Genre-übergreifend. Das illustrieren seine letzten beiden CDs: 2011 brachte Bleckmann eine Hommage an die britische Pop-Ikone Kate Bush heraus ("Hello Earth"). Jetzt ist er bei einer Einspielung von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" mit dem italienischen Barockmusik-Ensemble Forma Antiqva dabei. Zusammen mit dem Jazzpianisten Uri Caine hat Bleckmann die vier Sonette, die Vivaldi seinen Konzerten voranstellte, vertont. Er rezitiert, singt und verfremdet Klänge mit elektronischen Effekten. Während andere Sänger vom Jazz in Pop-Gefilde wechseln, entwickelte sich Bleckmann zum Avantgarde-Stimmkünstler des 21. Jahrhunderts. Atemberaubend!


Die Tournee von Cicero & Bigband beginnt am 22.2.



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QuixX 04.02.2012
1.
Zitat von sysopLanxess Arena Köln, O2 World in Berlin und Hamburg - Hallen, die sonst nur Popstars füllen, erwarten Roger Cicero. Der 41-jährige Hamburger steht für eine Reihe von Sängern, denen die Jazz-Nische viel zu klein geworden ist. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,813161,00.html
Jazz bedarf gegenüber Rock/Pop eine Reihe weiterer harmonischer Klischees eingeprägt im Kopf der Zuhörer. Bleibt zu hoffen, dass die Abtrünnigen diese nach und nach einflechten, ohne dass die musikalisch bisher einfältigen Konsumenten ihre Weiterentwicklung vergegenwärtigen.
myanus 06.02.2012
2. Warum?
Mir fehlt bei dem Artikel die Antwort auf das Warum. Ist Pop die "bessere" Musik, die mehr Spaß macht oder geht es den Jazz-"abtrünnigen" nur darum auch mal an die Fleischtöpfe der GEMA zu kommen? Ohne jede Affinität zu Jazzmusik bin über Ciceros "Männersachen" gestolpert. Manches war Quatsch aber vieles hat mir sehr gefallen, wohl weil es zwar ein wenig poppig aber nicht Pop war. Die Platte "hatte was". Jetzt wo Cicero Pop macht, ist für mich dieser "hat was"-Effekt weg. Für Pop ist er mir nicht poppig genug und da gibts etliche, die das einfach besser können. Wenn er mit seinem "neuen Stil" wirklich mehr Platten verkauft und größere Hallen füllt, war es die richtige Entscheidung denn nichts ist unmoralischer als Geld nicht zu verdienen, das man verdienen könnte, musikalisch hat er mich dabei allerdings ausgekuppelt.
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