Jazz-Trios Die Chefin bringt uns Flötentöne bei

Piano, Bass und Schlagzeug - diese Standard-Besetzung ist so etwas wie das Streichquartett des Jazz. Doch nun dürfen es auch mal Trompete, Flöte oder Tabla sein. Vier neue Alben zeigen, wie aufregend unterschiedlich Trios klingen können.

Nora Peisger

Über einem elektronischen Sound-Teppich und dem Beat von tiefen Trommeln erklingt eine Trompete - melodische Tupfer verdichten sich allmählich zu einem erkennbaren Song. "Ouagadougou", benannt nach der Hauptstadt von Burkina Faso, basiert auf Akkordfolgen der afrikanischen Kwela-Musik. Komponiert haben das Stück Uli Beckerhoff, Michael Berger und Stefan Ulrich. Die drei bilden das Trio BBU, das sich mit der Besetzung Trompete, Keyboards und Drums (plus Electronics) von der Masse der Dreierformationen absetzt, die aus Piano, Bass und Schlagzeug bestehen.

Diese sogenannten Standard-Trios dominieren die Jazz-Szene. Größen wie Oscar Peterson und Keith Jarrett haben das Format geprägt. Monat für Monat erscheinen bis zu zwei Dutzend Alben; es sind CDs von Unbekannten und von Stars wie Brad Mehldau. Das Klavier-Bass-Schlagzeug-Trio scheint mehr denn je "in" zu sein. Im Jazz hat das Format eine ähnliche Bedeutung gewonnen wie das Streichquartett in der klassischen Musik.

Flöten-Trio mit Frau als Chefin

Doch es gibt Ausnahmen. So wie der Trompeter Beckerhoff mit seinem Drummer und seinem Keyboarder formieren sich andere originelle Dreierkombinationen. Zufall oder Trend? Neben BBUs CD erscheinen in diesem Monat in Deutschland drei weitere Debütalben mit Gegenmodellen zum Standard-Trio.

Klarinette und Klavier improvisieren über sonoren Tabla-Tönen. So musiziert das Trio Ek Safar von Nicolas Schulze, Heiner Stilz und dem aus Indien stammenden Soumitra Paul. Die drei verzichten auf elektronische Möglichkeiten. Ihre akustische Musik basiert teilweise auf Ragas, Grundstrukturen von klassischen indischen Melodien. Es entsteht ruhige, minimalistische Musik. Wer Entspannung sucht, wird die Trio-CD "One Journey" mögen.

Lebhaft und rockig klingt dagegen das Zusammenspiel der Kölner Flötistin Charlotte Ortmann mit Caspar van Meel (Bass, E-Bass, Effekte) und dem Schlagzeuger Dominic Brosowski. Die Befürchtung, die Querflöte könnte in einer Band ohne Harmonie-Instrument verloren wirken, bestätigt sich nicht. Denn die beiden Männer schaffen einen dichten rhythmischen Teppich; zudem greift Meel auf dem E-Bass gitarrenhafte Akkorde. So findet Charlotte Ortmanns Flöten-Trio seinen eigenen Sound.

Ohne Klavier arbeitet auch die Dreiergruppe des Bassisten Matthias Akeo Nowak. "Anders als das Trio mit Piano", so der 36-Jährige, "ist das Trio mit Gitarre offener; von der Spielweise her ebenso wie von der Möglichkeit, ad hoc mit verschiedenen Stimmungen zu experimentieren." Nowak bildet mit dem Gitarristen Riaz Khabirpour und dem Schlagzeuger Oliver Rehman das Koi Trio. Der Name erinnert an Nowaks japanische Mutter; musikalisch orientiert sich das Trio an Charles Mingus (1929-1997). Wie der legendäre Bassist und Komponist liebt Nowak Collagen von gegensätzlichen Sounds und überraschende Tempowechsel. Sein Trio hat ein interessantes Album eingespielt.

Die ungewöhnlichen Dreierbesetzungen bereichern mit ihren neuen Klängen die Trio-Landschaft. Dass die nun zahlenmäßig immer umfangreicher wird, erklärt Uli Beckerhoff. Als Top-Trompeter, Professor an der Essener Folkwang Musikhochschule und künstlerischer Leiter der Bremer Messe Jazzahead kennt er die Szene wie kein Zweiter: "Es gibt auch wirtschaftliche Gründe", so Beckerhoff, der schon vor mehr als 20 Jahren mit einer Trompete-Keyboard-Drums-Besetzung Furore gemacht hatte, "ein Trio kann besser überleben als ein Quartett oder eine noch größere Besetzung."


CDs:
Beckerhoff / Berger / Ulrich: Cinema. Berthold Records;
Ek Safar: One Journey. Double Moon Records;
Charlotte Ortmann: Ride On. HGBS Musikproduktion;
Matthias Akeo Nowak: Koi Trio. Personality Records.



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cipo 27.10.2012
1.
Zitat von sysopNora PeisgerPiano, Bass und Schlagzeug - diese Standard-Besetzung ist so etwas wie das Streichquartett des Jazz. Doch nun dürfen es auch mal Trompete, Flöte oder Tabla sein. Vier neue Alben zeigen, wie aufregend unterschiedlich Trios klingen können. http://www.spiegel.de/kultur/musik/jazz-trios-cds-von-nowak-ortmann-ek-safar-beckerhoff-berger-ulrich-a-863161.html
Jetzt muß der Autor nur noch erklären, was daran neu sein soll? Klarinettist Benny Goodman nahm schon 1936 ein Album mit Pianist Teddy Wilson und Schlagzeuger Gene Krupa auf. Jimmy Giuffre (ebenfalls Klarinette & Sax) hatte 1956 ein Trio mit Gitarrist Jim Hall und erst Bassist Ralph Pena bzw. Jim Atlas, dann Ventilposaunist Bob Brookmeyer. Bekannt ist auch Giuffres schlagzeugloses Trio mit Steve Swallow und Paul Bley Anfang der 60er Jahre. Vibraphonist Red Norvo wiederum spielte 1949 mit Gitarrist Tal Farlow und Bassist Charles Mingus im Trio. Sonny Rollins nahm seinen Klassiker "Way Out West" 1957 auch nur mit Ray Brown und Shelly Manne auf. Der Pianist Herman Blount (der später als Sun Ra bekannt wurde) hatte kurze Zeit ein Trio mit Tenorsaxophonist Coleman Hawkins und Geiger Stuff Smith. In den 80ern gab's dann jede Menge Ensembles wie Codona mit Pocket-Trompeter Don Cherry, dem Tabla-/Sitarspieler Collin Walcott und Perkussionist Naná Vasconcelos oder das Magico-Trio von Jan Garbarek (Sax), Charlie Haden (Bass) und Egberto Gismonti (Gitarre & Klavier). Ganz zu schweigen von dem Klarinettisten Tony und seinem 1964er Trio-Album "Music for Zen Meditation" mit Koto-Spieler Shinichi Yuize und Shakuhachi-Spieler Hozan Yamamoto. Die Liste läßt sich locker ins Unendliche fortsetzen.. Kurzum: Der Aufhänger des heutigen Artikels scheint etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen.
steppenrocker 28.10.2012
2. Ärgerlich
Ich kann dem vorherigen Kommentar nur zustimmen, der Verfasser hat offensichtlich besser recherchiert als Herr Hielscher. Zudem gibt es im Moment unendlich viele erstklassige Trio-Neuerscheinungen, z.B. von Eve Risser (die dem Pianotrio tatsächlich neue Facetten abringt), von Mats Gustafsson (mit Raymond Strid und John Russell) oder von Jon Irabagon. Ich könnte locker noch zehn weitere aufzählen. Stattdessen wird etwas quasi-Neues konstruiert, wofür man dann zweit- oder gar drittklassige Alben bespricht. Metal (mit Amtlich) und Pop (Abgehört) haben zu Recht ihre durchaus guten Kolumnen. Jazz hätte auch eine verdient, denn diese wird dem vorhandenen Interesse der Leser nicht gerecht. Was das Ganze schließlich noch mehr in den ärgerlichen Bereich rückt, ist die Tatsache, dass Berichtenswertes komplett ignoriert wird. In den letzten beiden Wochen sind mit John Tchicai und David S. Ware wichtige Musiker gestorben, was dem Spiegel keine Meldung wert war.
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