Jazz-Trios Drei Freunde sollt Ihr sein!

Klavier, Bass, Schlagzeug - wer in der klassischen Besetzung spielt, muss sich etwas überlegen, um noch aufzufallen. Ein Blick auf die spannendsten Neuerscheinungen in dieser Kategorie.

Tomasz Sikora/ ECM Records

"Das Trio mit dem schwer zu merkenden Namen", nennt der Rezensent des Magazins "Jazz Podium" die Formation, die gerade beim Edel-Label ECM das erstklassige Album "Faithful" herausbrachte. Marcin Wasilewski/ Slawomir Kurkiewich/ Michal Miskiewicz steht auf der Plattenhülle. Der polnische Pianist Wasilewski will klarstellen, dass sein Bassist und Drummer nicht die Erfüllungsgehilfen eines Tastenvirtuosen sind, sondern gleichberechtigte Mitglieder der Band. Das betonen heute viele Musiker. Amerikas wichtigstes zeitgenössisches Piano-Trio nennt sich "The Bad Plus"; das deutsche Führungstrio des Pianisten Michael Wollny tritt als "em" auf. Schon der 2008 verstorbene Esbjörn Svensson hatte seine Dreier-Truppe "E.S.T." getauft. Vorbei sind die Zeiten, in denen es für Stars - wie etwa Oscar Peterson - selbstverständlich war, Trios mit ihrem eigenen Namen zu schmücken.

Von der Benennung abgesehen: Die Klavier-Bass-Schlagzeug-Kombination ist die weitaus häufigste Jazz-Formation Wie kann sich ein Trio in der Flut der Konkurrenten noch profilieren? Bleibt es "akustisch" oder nutzt es die elektronischen Möglichkeiten? Spielt es bekannte oder eigene Stücke? Peppt es den Klang eines Albums mit Gesang oder Beiträgen von Gastinstrumentalisten auf?

Ein Blick auf einige der Neuerscheinungen aus diesen Tagen:

Der deutsch-kolumbianische Pianist Bruno Böhmer Camacho bringt auf seiner CD "Nostalgic Vision" fast ausschließlich Eigenkompositionen. Zweimal verstärkt er sein Trio durch den Trompeter Julian Wasserfuhr; zudem ist einmal ein Gitarrist und einmal ein Akkordeonspieler dabei. Bei fünf Stücken singt der in Kolumbien aufgewachsene 25-Jährige, und das eher wie ein Barpianist als ein Jazzer. Aber die als "lateinamerikanische Variante von Jazz und Pop" angepriesene Platte wird dadurch immerhin abwechslungsreicher.

Abwechslung in die Musik der Standard-Trios bringen auch Loops und andere elektronische Effekte, die Mischa Schumann bereits auf seiner CD von 2007 verwendete. Nun aber brachte er ein rein "akustisches" Trio-Album heraus. Ist das die Folge einer Entwicklung? Der Hamburger verneint die Frage. Zu Recht ist er vom traditionellen Zusammenspiel mit Paul Imm (Bass) und Heinz Lichius (Drums) begeistert. Aber er kann sich durchaus vorstellen, demnächst wieder mit den klangtechnischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters zu arbeiten.

Das "Hammer Klavier Trio" will New York erobern

Der Schwede Jacob Karlzon spielt auf seiner Trio-CD "The Big Picture" neben dem herkömmlichen Flügel auch etliche Keyboards und führt programmierte Elektro-Sounds ein. In dem Titel "Utopian Folksong" klingt sein Keyboard wie eine Rock-Gitarre. Anschließend verabschiedet sich Karlzon mit einem besinnlichen Piano-Solo - zwei Musikepochen auf einer Platte.

Von Interesse für das neue Album des US-Pianisten Bill Carrothers könnte der Ort der Aufnahme-Session sein. Mit seinen Bass- und Schlagzeugkollegen ist der 47-Jährige im legendären "Village Vanguard" aufgetreten. Die treffend eingefangene Atmosphäre aus dem New Yorker Jazzclub gibt der Doppel-CD ("First Set" - "Second Set") ihre besondere Note.

Auf eine Reise in die Welt-Metropole des Jazz freut sich eine junge Band aus Hamburg. Das "Hammer Klavier Trio" - Boris Netsvetaev (Piano/Keyboards), Philipp Steen (Bass) und Kai Bussenius (Drums) - wird im Juni bei der Gala der New Yorker Jazz Journalists Association (JJA) und in einigen Clubs der Stadt spielen. Zu dem überraschenden Unternehmen kam es so: Der rührige Manager des Trios hatte von einem "Shortform Online Video"-Wettbewerb der JJA gehört. Er schickte eine Aufzeichnung seiner Band vom Hamburger "Überjazz"-Festival in die USA - und gewann zwar keinen Preis, wohl aber eine Einladung. Sponsoren tragen die Reisekosten des Trios. Watch out New York, Hamburg is coming!



insgesamt 3 Beiträge
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akmz 28.05.2011
1. Hirnlos
"Schon der 2008 verstorbene Esbjörn Svensson hatte seine Dreier-Truppe "E.S.T." getauft. Vorbei sind die Zeiten, in denen es für Stars - wie etwa Oscar Peterson - selbstverständlich war, Trios mit ihrem eigenen Namen zu schmücken." Und wofür steht die Abkürzung E.S.T.? Sind sie noch ganz dicht? Die These war aber auch schon vorher hinfällig. Und Rhythmusgruppen, die nicht nur Erfüllungsgehilfen sind, gibt es auch schon seit mehr als 50 Jahren. Der Name ist doch erstmal Marketing und hat nichts mit der Musik zu tun.
Vin Taroel 28.05.2011
2. errare humanum e.s.t.
Nun mal halblang, so schlimm ist das ja wohl nicht. Richtig ist jedoch, dass Svensson sein Trio "Esbjörn Svensson Trio" getauft hatte und nicht etwa "E.S.T." oder sonstwie. Das kann man auf den ersten Demos und Platten auch nachvollziehen, so ist z.B. die "Plays Monk" vom Esbjörn Svensson Trio und nicht von E.S.T. Das griffige Kürzel fand erst später den Weg auf die Plattenhüllen.
trompetenmann 28.05.2011
3. Naja,
Zitat von sysopKlavier, Bass, Schlagzeug - wer in der klassischen Besetzung spielt, muss sich etwas überlegen, um noch aufzufallen. Ein Blick auf die spannendsten Neuerscheinungen in dieser Kategorie. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,764904,00.html
für meinen Geschmack liegt das in erster Linie daran, dass diese Besetzung klangfarblich einfach am wenigsten Abwechslung bietet und mich alleine aus dem Grund schon mal nicht vom Hocker reißt. Vielleicht ist das eher etwas für Jazzpuristen mit schwarzem Rollkragenpulli ;)... Ein Schlagzeug in einer Triobesetzung ist eigentlich "unnötig", interessant wird es erst dann, wenn das Schlagzeug durch ein Melodieinstrument ersetzt wird - dann fängt ein Jazztrio erst an, interessant zu werden und Spass zu machen. Wen wundert es also, wenn sich diese klassischen Triobesetzunghäufig Verstärkung durch Gastmusiker holt?
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