Piano-Trios Flotte Dreier

Die Piano-Bass-Schlagzeug-Band ist die häufigste Formation im Jazz. Damals wie heute. Wie kann sich ein Trio zwischen den Konkurrenten profilieren?

Astrid Dill

In Dreier-Besetzung setzten einst Pianisten wie Oscar Peterson und Bill Evans Maßstäbe, später Keith Jarrett oder Esbjörn Svensson; zu den geschätzen Trio-Bossen von heute gehören Michael Wollny und Martin Tingvall. Ist ihr Erfolg ein Anreiz? Auf dem Tonträgermarkt überschwemmen Trios den Nischensektor des Jazz. Monat für Monat erscheinen etliche Neuproduktionen. Kann da ein Klavier-Trio noch seinen eigenen Klang finden?

David Helbocks Trio unterscheidet sich von allen anderen durch den Einsatz einer Bass-Ukulele. "Die klingt stumpfer als ein Bass", sagt der gebürtige Österreicher, der heute in Berlin lebt - und passe damit besser zu seinem Piano-Stil. Helbock verzichtet in seinem neuen Album auf den Einsatz von Elektrontik; er verändert den Klang des Flügels nur durch "Inside-Piano-Sounds" - das heißt, er reißt die Seiten des Instruments an oder dämpft sie. Wenn die Ukulele wie ein walking bass marschiert oder Vier-Takte-Breaks gespielt werden, erinnert das Trio an Jazztraditionen. Helbock spielt eigene Stücke und bietet seinen Hörern auch Improvisationen über bekannte Melodien - etwa von Beethoven oder aus den Star-Wars-Filmen.

Gibt es clubtauglichen Akkustikjazz?

Ausschließlich eigene Kompositionen enthält hingegen die Trio-CD "Lineage" des Kölner Pianisten Pablo Held. Der 29-Jährige bildet mit dem Bassisten Robert Landfermann und dem Schlagzeuger Jonas Burgwinkel seit zehn Jahren "ein Traum-Gespann" ("Die Zeit"). Die drei kennen sich seit ihren Studienjahren am Kölner Konservatorium. Ihre Musik ist komplexer als Helbocks Einspielungen, denn Held liebt schnell wechselnde Harmoniefolgen und Taktarten. Sein Trio fasziniert durch die traumwandlerische Kommunikation seiner Mitglieder.

Den Münchner Pianisten Walter Lang beschäftigt die "Vision von einem clubtauglichen Akkustikjazz". Drum'n'Bass-, House- und HipHop-Grooves ohne Computer und Drum Machine? Das versucht Langs Trio ELF, wobei Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer die Hauptarbeit leisten muss. Das neue Album "MusicBoxMusic" wurde vom Zauber der Spieluhren inspririert. Ihr motorisches Ticken bestimmt die Beats der Stücke; Swing ist nicht mehr gefragt.

Ein Song von Prince im Jazzgewand

Das Trio The Bad Plus kombiniert zeitgenössischen Jazz mit Rock und Pop; auf dem neuen Album "It's Hard" dekonstruiert und rearrangiert es unter anderem Songs von Kraftwerk und Prince. Seit 16 Jahren spielen die Amerikaner Ethan Iverson (Piano), Reid Anderson (Bass) und David King (Schlagzeug) gemeinsam - und haben ihrer Band einen Namen verpasst, der signalisiert: Hier wird nicht ein Klaviervirtuose von zwei Rhyrthmusknechten begleitet, sondern hier agieren drei gleichberechtigte Musiker.

Diese inzwischen verbreitete Auffassung vom "mehr demokratischen und interaktiven" Klavier-Trio hatte in den Sechzigern der Pianist Bill Evans mit seinem Bassisten Scott LaFaro und dem Drummer Paul Motian entwickelt. Die Band setzte sich damit ab von völlig auf ein Piano-Star fixierten Formationen wie dem Oscar Peterson Trio.

Wie mitreißend das spielte, demonstrieren die Wiederveröffentlichungen von Einspielungen aus den Jahren 1969 bis 1971. Damals nahm Peterson in den Schwarzwald-Studios des Industriellen und Jazzenthusiasten Hans Georg Brunner-Schwer etliche Alben auf, die auch als CDs zu haben sind - so auch das Album "Walking The Line", in dem Peterson von George Mraz (Bass) und Ray Prince (Drums) begleitet wird. Mraz, der sich gerade aus der kommunistischen Tschechoslowakei abgesetzt hatte, trug damals noch den Vornamen "Ji¿í".

Alben:
David Helbock Trio: "Into the Mystik" (ACT) (bei Amazon bestellen)
Pablo Held Trio: "Lineage" (Pirouet) (bei Pirouet bestellen)

Trio ELF: "MusicBoxMusic" (Yellowbird /Enja) (bei Amazon bestellen)

The Bad Plus: "It's hard" (Okeh / Sony) (bei Amazon bestellen)

The Oscar Peterson Trio: "Walking The Line" (MPS / edel) (bei Amazon bestellen)



insgesamt 3 Beiträge
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gummibando 14.08.2016
1. Da fehlt noch was …
In der Auflistung fehlt m.M.n. noch das Neil Cowley Trio (neues Album im September) sowie Gogo Penguin. Wäre Massive Attack ein Jazz-Trio, würde es so klingen wie diese drei Jungs aus Manchester.
ollowain13 14.08.2016
2. Nicht zu vergessen...
... Cholet-Känzig-Papaux: Absolutes Klasse-Album "Beyond the Circle", aber auch ihr jüngstes Werk "Exchange" ist richtig schön, nur nicht ganz so spektakulär. Dann sollte natürlich John Law mit seinem Projekt "Art of Sound" nicht fehlen. Es gibt 4 unter diesem Label veröffentlichte Alben, 2 davon allerdings Solo-Piano (auch sehr schön übrigens). Aber das erste ist eines der besten Jazz-Alben überhaupt.
johant 14.08.2016
3. Tolle Sounds
Super eingespielt, sehr ausgecheckte Insidepianosounds und trotzdem viele mystische Stimmungen. Habe schon ein Live Konzert des Helbock Trios erleben dürfen...
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