Musiker Paul Kuhn: Ein Bierchen auf Paulchen

Von Hans Hielscher

Musiker Paul Kuhn: Zurück zu den Wurzeln – in der Spätkarriere Fotos
Frank Kleinschmidt

Prost! Der Mann am Klavier surfte mit "Es gibt kein Bier auf Hawaii" auch mal auf der Schlagerwelle. Seinen 85. Geburtstag feiert Paul Kuhn aber mit einem Album, das charmant dem Trio-Jazz alter Schule huldigt. Wer Modernes zu Dritt will, sollte sich ans Tingvall Trio wenden.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" rühmt Paul Kuhn für seine Rolle in "Schenk mir dein Herz". Deutschland biete "seinem besten Jazzer immerhin Gelegenheit, sich als wunderbar gelassener Schauspieler zu präsentieren", schrieb die Zeitung eine Woche vor dem 85. Geburtstag des Musikers am 12. März. Es sollte nicht beim TV-Film zur Top-Sendezeit bleiben. Landauf landab würdigen in diesen Tagen die Medien den Jubilar und werben damit für die gerade gestartete Tournee von Paul Kuhn und seine neue CD. Der Senior genießt Publicity wie ein Pop-Star!

Muss ein Jazzer 85 werden, um so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Wenige haben registriert, dass der immer noch höchst aktive Saxophonist Heinz Sauer Ende Dezember seinen 80. Geburtstag feierte. Aber wer kennt auch schon einen Jazzmusiker, der nie aus seinem Genre ausbrach und keine Entertainer-Begabung mitbringt?

Beim Pianisten Kuhn liegen die Dinge anders. Er wurde in der breiten Öffentlichkeit berühmt, als er "Geb'n se dem Mann am Klavier noch n Bier" sang und später mit "Es gibt kein Bier auf Hawaii" die Schlager-Parade aufrollte. Umso besser, dass der gute Laune wie milde Melancholie ausstrahlende Kuhn in seiner Spätkarriere zu seinen Wurzeln zurückkehrte und nun jazzferne Menschen mit seiner Musik begeistert.

Trios führen ein Gespräch in Tönen

Sein neues Album "The L. A. Session" nahm Paul Kuhn in Kalifornien mit zwei Top-Amerikanern auf - dem Bassisten John Clayton und dem Schlagzeuger Jeff Hamilton. Es ist traditioneller Trio-Jazz. Der Pianist spielt bekannte Stücke, improvisiert dann über das Thema und kehrt zur Ausgangsmelodie zurück. Bass und Drums erfüllen - abgesehen von kurzen Soli - die rhythmische Begleitfunktion. Kuhn, der auf 3 von 14 Titeln auch singt, findet schöne harmonische Ideen und swingt elegant. So funktionierte schon das Trio von Oscar Peterson.

Dagegen sind im zeitgenössischen Trio-Jazz Piano, Bass und Schlagzeug absolut gleichberechtigt. "Wir führen ein Gespräch", erklärt Vijay Iyer die Spielweise. Der US-Pianist mit indischen Wurzeln wurde 2012 im internationalen Kritiker-Poll des Magazins "Down Beat" als wichtigster Musiker geehrt, sein Album "Accelerando" gefeiert.

Mit seinen Partnern kommuniziert Iyer in Tönen. Jeder der drei kann Melodiefetzen des anderen aufgreifen. Tempo und Taktfolgen wechseln. Linien und Rhythmen verbinden sich zum Zusammenklang - oder streben wieder auseinander. Diese Spielweise reizt die brillant ausgebildeten jungen Musiker. Ihre Generation will nicht zum tausendsten Mal über Standards wie "How High The Moon" improvisieren. Viele Zuhörer freilich strengt der neue Trio-Jazz an.

Diese Gefahr besteht beim Tingvall Trio nicht, das schon drei Echos gewonnen hat. Der in Hamburg lebende schwedische Pianist Martin Tingvall bekennt sich zwar zur zeitgenössischen Trio-Musik, aber er bevorzugt ein song-orientiertes Repertoire mit von nordischer Folklore beeinflussten Eigenkompositionen. So geht seine Musik mit dem aus Kuba stammenden Bassisten Omar Rodriguez Calvo und dem Schlagzeuger Jürgen Spiegel leicht ins Ohr. Das Album "In Concert" enthält 13 Tingvall-Titel, die während einer Tour des Trios aufgenommen wurden.

Weitere Beispiele für modernen Trio-Jazz für ein Mainstream-Publikum sind die Neuerscheinungen des italienischen Pianisten Claudio Filippini ("Facing North", Cam Jazz, ab 5.4.) und des norwegischen Bassisten Mats Eilertsen ("Sails Set" mit Harmen Fraanje, Piano, Hubro Music).

Altmeister Paul Kuhn glaubt indes, dass der Jazz eine abgeschlossene Geschichte sei, "eine Kunst wie die Klassik, wie Bach, Beethoven, Mozart". Aber so wie gute Interpreten die klassischen Werke bewahren, würden gute Jazzer ihre Musik immer wieder beleben.


Paul Kuhn
CD: Paul Kuhn: The L.A. Session. In+Out Records; 17,89 Euro.
Tourdaten:
Paul Kuhn & The Best mit den Streichern des legendären Filmorchester Babelsberg: noch 16.3. Berlin, 27.3. Friedrichshafen, 28.3. Lörrach, 1.4. Stuttgart.
Paul Kuhn Trio: 10./11.4. Köln, 27.4. Zürich, 28.4. Freiburg, 3.5. Berlin-Beelitz.

Tingvall Trio
CD: Tingvall Trio: In Concert. Skip Records; 16,99 Euro. Erscheint am 5. April.
Tournee ab 2. Mai.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Kuhn Jazz
nwj 16.03.2013
Paulchen Kuhn wird als ein Teil Deutschlands in die Geschichte eingehen. Großartig!!!
2. 1/3
bikenstrings 16.03.2013
Zitat von nwjPaulchen Kuhn wird als ein Teil Deutschlands in die Geschichte eingehen. Großartig!!!
Klar, deswegen kriegt er auch 1/3 des Beitrags. Die restlichen 2/3 wird über andere berichtet; Paulchen ist ja nicht so wichtig. Und überhaupt bin ich der Wichtigste: Responding Spirits Part One | MICHAEL-ZELLER-BAND (http://routenote.com/r/bikenstrings/4260142740011)
3. Schöne erinnerungen an Paul Kuhn
Delphianer 16.03.2013
Gerne werde ich an Paul Kuhn erinnert. Soweit ich mich erinnere war er auch Dirigent der erinnernswerten Eurovisions-performance von Mary Roos, ca 1972, als diese mit "Nur die Liebe lässt uns leben" Dritte wurde. Das war damals was! Happy Birthday, Paul!
4. schon vor 40 jahren modern
ServicePackXXL 16.03.2013
Zitat von DelphianerGerne werde ich an Paul Kuhn erinnert. Soweit ich mich erinnere war er auch Dirigent der erinnernswerten Eurovisions-performance von Mary Roos, ca 1972, als diese mit "Nur die Liebe lässt uns leben" Dritte wurde. Das war damals was! Happy Birthday, Paul!
"wollt ihr nur eure platten spielen, heute abend? nein, warum? ich dachte nur, dass es nicht nur so moderne sachen sind wie paul kuhn oder so...". 36:35 Ein Herz und eine Seele - 12 - Sylvesterpunsch - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=IIMUHsxyzGk)
5. Jazzer
feuercaro1 16.03.2013
Man sollte nicht vergessen, dass der große Paul Kuhn seinerzeit von seiner Produktionsfirma genötigt wurde, diesen Schlagerkram zu machen - weil er sich gut verkaufte. Dazu passt der alte Witz: Treffen sich ein Schlagersänger, ein Rockmusiker und ein Jazzer in der Kneipe. Schlagersänger: "Ey, ich hab letztes Jahr eine halbe Million mal mein neues Lied verkauft!" Rockmusiker: "Das ist doch nix! Mein letzter Titel wurde über 1 Million mal an den Mann gebracht!" Der Jazzer schweigt. Schlagersänger und Rockmusiker fragen ihn schließlich: "Und was hast Du letztes Jahr verkauft?" Jazzer: "Mein Auto."
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