Jazz-Umfragen Schlechte Karten für Europäer

Seit 73 Jahren versucht das amerikanische Jazz-Magazin "Down Beat" mit Leser- und Kritikerumfragen die besten Künstler zu ermitteln. Aber was im Sport möglich ist, bleibt in der Musik fragwürdig.


Bei den Pianisten landete er hinter Herbie Hancock und Brad Mehldau an dritter Stelle, und auch sein Trio schaffte es hinter Pat Metheny nur auf Platz zwei. Dennoch dominiert Keith Jarrett flächendeckend die Titelseite von "Down Beat". "The Timeless Pianist Enters The Down Beat Hall of Fame", trompetet das Jazz-Magazin in seiner Dezember-Ausgabe neben einem Foto des Künstlers.

Musiker Jarrett auf dem "Down Beat"-Cover: Amerikaner lieben Ranglisten

Musiker Jarrett auf dem "Down Beat"-Cover: Amerikaner lieben Ranglisten

Der Piano-Star Jarrett wurde von einem "Veterans Committee" in die Ruhmeshalle der Allzeit-Großen gewählt; das zählt mehr als die Ergebnisse der Leserumfrage und die Abstimmung der Kritiker über die besten Musiker und Bands des abgelaufenen Jahres.

Es ist verwirrend. Nicht weniger als drei so genannte Jazz Polls veranstaltet die führende Jazz-Zeitschrift "Down Beat" jährlich – und nimmt dabei unterschiedliche Resultate in Kauf.

So kürten die Kritiker Dave Douglas als den eindrucksvollsten Trompeter, während sich die Lesermehrheit wieder einmal für Wynton Marsalis entschied. Als beste Sängerin wählten die Fachleute Cassandra Wilson, die Leser dagegen stimmten für Diana Krall. Und während die Münchner Plattenfirma ECM bei den Kritikern vor "Blue Note" die Nase vorn hatte, machten die Leser "Blue Note" zum "Label of the Year 2008".

Amerikaner lieben Ranglisten, obwohl die – jedenfalls im Bereich der Künste – immer fragwürdig bleiben. Bei den Down-Beat-Jazz-Polls beginnt das Dilemma mit den Juroren: Höchstens zwei Dutzend von 117 befragten Kritikern sind keine US-Bürger, und man kann davon ausgehen, dass wahrscheinlich 90 Prozent der an der Abstimmung teilnehmenden Leser in den Vereinigten Staaten leben. Also ist es kein Wunder, wenn – abgesehen von ECM und Musikern, die wie Toots Thielemans und Joe Zawinul, ihre Karriere in den USA machten – kaum Europäer in den Ranglisten erscheinen.

Ausnahmen bildeten 2008 das Esbjörn Svenssons Trio (beim Publikum auf Platz sechs und bei den Kritikern auf Platz fünf unter den Combos) und Barbara Dennerlein (unter den Organisten an achter Stelle bei der Leserumfrage). In der nur den Kritikern zur Verfügung stehenden Sparte "Rising Stars" erscheint die WDR Big Band in dritter Position – hoch verdient, aber nur zu erklären, weil das Kölner Orchester in den vergangenen Jahren erfolgreiche Alben mit den US-Größen Michael Brecker, Maceo Parker und Joe Zawinul auf den Markt brachte. Ohne diese CDs wäre die WDR Big Band in Amerika niemals gebührend wahrgenommen worden.

Die Jazz-Poll-Manie hatte 1934 mit der Gründung von "Down Beat" in Chicago begonnen. Die neue Zeitschrift forderte ihre Leser auf, jährlich über die besten Musiker und Bands abzustimmen. Später kamen zur Leserumfrage die "Critics Polls" und die Nominierungen für die "Hall of Fame". Dem Beispiel von "Down Beat" folgten die US-Zeitschriften "Esquire" und "Metronome". Sie präsentierten ihre "Poll Winners" auf Schallplatten und in Konzerten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ermittelten auch europäische Länder in Umfragen ihre besten Jazzer. In der Bundesrepublik der fünfziger Jahre kauften Fans das Magazin "Die Gondel", das neben züchtigen Aktfotos und unterhaltendem Lesestoff auch Informationen über Jazz druckte und zum German Jazz Poll aufrief. Unter den Siegern, die anschließend als German All Stars auftraten, waren der Geiger Helmut Zacharias, der Pianist Paul Kuhn und der Bassist Hans Last, der später als James Last weltberühmt wurde.

Mit dem nachlassenden Masseninteresse am Jazz verschwanden immer mehr Polls. Doch "Down Beat" macht – nun schon seit 73 Jahren – unverdrossen weiter. Mit dem 2008 in die "Hall of Fame" aufgenommenen Keith Jarrett ehrt das Magazin einen auch in der Welt der Klassik bekannten Musiker. Der kapriziöse Künstler fasziniert sein Publikum, auch wenn er – wie etwa am 1. Dezember in Londons Royal Festival Hall – sein Solokonzert unterbricht, um einen Störer abzukanzeln.

Dass Jarrett seine Macken hat, wusste schon sein Bewunderer Joachim Ernst Berendt, der Anfang der achtziger Jahre schrieb: "Es gibt in Jarretts Persönlichkeit – und in seiner Musik! – etwas von jenem an Bayreuth erinnernden Gehabe spätromantischer Künstler, das Verehrung und Weihrauchstimmung dadurch zu fordern scheint, dass sie sich selbst verehren." Klar, dass so einer in die Ruhmeshalle gehört.


CD Keith Jarrett / Gary Peacock / Jack DeJohnette: "Yesterdays" (ECM, erscheint am 23. Januar).



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W. Robert 04.01.2009
1. Smells funny
Die “Lesermehrheit” hat mit Herbie Hancock, Pat Metheney, Cassandra Wilson und Wynton Marsalis eben die eher poppigen Musiker mit der Tendenz zum “Jazzrock” gewählt. Das entspricht auch dem Bekanntheitsgrad dieser Künstler, die auch der etwas gebildetere Popmusik-Fan evtl im Plattenregal hat. Klar, dass es ein Label wie ECM da schwer hat. In Europa, insbesondere in Deutschland, fehlen zunehmend die Auftrittsmöglichkeiten jenseits der von den Rundfunkanstalten organisierten Gelegenheitskonzerte. Das mag erklären, warum Europa für den amerikanischen Jazz kaum noch eine Rolle spielt, während es in der Vergangenheit gerade Europa war, das das Überleben des Jazz gewährleistet hatte. Der Jazz vekommt immer mehr zu gepflegter Langeweile, da die jungen Musiker reichlich konform in Schulen wie Berkeley ausgebildet werden und zu einem akademischen Einheitsstil tendieren. Die alten Heroen wie Dizzy Gillespie oder Champion Jack Dupree oder Eddie Harris zeichneten sich durch einen authentischen Stil aus, der mit dieser Generation eben verschwindet. Von der Experimentierfreudigkeit der 60er und 70er Jahre ist wenig zu spüren. Wenigstens kann man sich im Internet-Radio noch anhören, wie ein Miles Davis oder Django Reinhardt oder Charles Mingus mal geklungen haben. http://findarticles.com/p/articles/mi_qn4159/is_20050313/ai_n12943562/pg_2?tag=artBody;col1
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