Jazz und Fotografie: Bebop-Baronin am Drücker

Von Hans Hielscher

Pannonica de Koenigswarter war die Mäzenin des Bebop, ihre Exzentrik ebensogroß wie ihre Großzügigkeit. Kein Wunder, dass sich Musiker von Art Blakey bis Thelonious Monk von ihr fotografieren ließen - und ihr die persönlichsten Wünsche anvertrauten.

In die Weltnachrichten kam der Name der Dame aus traurigem Anlass: Baronin Pannonica de Koenigswarter bewohnte die luxuriöse Suite im New Yorker Stanhope-Hotel, in der am 12. März 1955 Charlie Parker starb. Der Genius des modernen Jazz war 34 Jahre alt, aber die Obduktionsärzte glaubten, den Körper einen 60-Jährigen vor sich zu haben – Folgen eines rastlosen Künstlerlebens mit Heroin-, Alkohol- und Fastfood-Exzessen.



Bei der reichen Pannonica fanden Parker und seine Kollegen eine Gegenwelt mit gemütlichem Lager, gepflegtem Essen, Drinks und Zigaretten. Ihre Gastgeberin wurde von Weißen als "Neger-Hure" beschimpft. Die Musiker aber verehrten sie als ihre Muse und widmeten ihr Kompositionen, die als Jazzklassiker bis heute gespielt werden, etwa "Pannonica" von Thelonius Monk" und "Nica's Dream" von Horace Silver.

"Nica malte ein bisschen, wobei sie eine Mischung aus Acrylfarbe, Milch, Whisky und Parfum benutzte", schrieb die "New York Times" über die exzentrische Fremde, die sich Anfang der fünfziger Jahre in der Stadt niederließ. Die geborene Rothschild aus dem englischen Zweig der Bankiersfamilie hatte sich von ihrem Mann getrennt, einem französischen Diplomaten, mit dem sie fünf Kinder hatte. Viele Jahre lebte die Familie in Afrika. Dort war Pannonicas Interesse für schwarze Menschen und ihre Kultur erwacht.

So lag nahe, dass sie im New York mit ihrem Bentley in die Nachtclubs an der 52. Straße und nach Harlem fuhr, wo schwarze Jazzmusiker den neuen Stil des Bebop erfanden. Absolut unbefangen schloss die wohlhabende Weiße Freundschaft mit den am Existenzminimum lebenden Künstlern. Sie half ihnen mit Geld und im Umgang mit Behörden, sie kümmerte sich um Kranke und bezahlte den Musiker Taxis, die sie zu jeder Zeit zu ihrem Quartier bringen konnten.


Das war - nach Jahren in Hotel-Suiten - ein Haus in New Jersey mit wunderbarem Blick über den Hudson auf Manhattan. Einst hatte der Regisseur Joseph von Sternberg die Villa bewohnt. Nun taufte sie Bebop-Pianist Monk "Cat House" – treffend im doppelten Sinn: Schwarzen Jazzmusiker nennen einen Kumpel "Cat"; und Pannonica beherbergte in ihrem Heim neben den Freunden ein wechselndes Rudel von Katzen.

Im Cat House hatte Nica die Idee, ihre Gäste zu fotografieren und zu fragen: Was sind deine drei Wünsche? So entstanden zwischen 1961 und 1966 Bilder und Statements vom 300 Musikern. Drummer Art Blakey wünschte sich: 1. dass du mich liebst; 2. dass mein Sohn endlich seine Probleme löst; 3.dass ich mich scheiden lasse, um dich zu heiraten. Saxofonist Sonny Rollins träumte davon: 1. Geld zu haben; 2. alles auf dem Saxofon spielen zu können, was ich mir vorstelle; 3. näher an der Natur zu sein.

Erstaunlicherweise erwähnten die Musiker kaum gesellschaftliche Themen wie Rassismus, Religion und Politik. Vermutlich wollten sie im warmen Nest bei Pannonica keine kontroversen Diskussionen. Zu den wenigen Weißen in der Sammlung der Mäzenin gehört der deutsche Posaunist Albert Mangelsdorff, der in den sechziger Jahren mehrmals in den USA gastierte.

Die Polaroid-Fotos von den Musikern und die Bögen mit ihren drei Wünschen steckte Pannonica in eine Kiste. Die wurde irgendwo im Cat House verstaut. Die Baronin starb 1988 mit 74 Jahren. Streitlustig bis zum Schluss wollte sie noch kurz vor ihrem Tod Clint Eastwood verklagen, weil er ihren Part in seinem Charlie-Parker-Film "Bird" mit einer Schauspielerin besetzt habe, die "wie ein Pferd" aussehe.

Entsprechend ihrem Wunsch wurde die Asche von Pannonica de Koenigswarter zu den Klängen von Monks "Round Midnight" im Hudson verstreut. Und ihre Fotos und die Aufzeichnungen ihrer Musiker-Freunde wären wohl vergammelt und vergessen worden, wenn es nicht Nadine de Koenigswarter gäbe.

"Pannonica hat mich immer als ihre Enkelin vorgestellt", erzählt die 48-jährige Künstlerin im Telefongespräch aus Paris, "deshalb steht das in allen Veröffentlichungen. Tatsächlich bin ich ihre Großnichte." Nadine verbrachte mehrere Jahre in New York und fährt bis heute immer wieder ins Cat House, wo Ausstellungen und Konzerte veranstaltet werden.

Sie fand dort die Kiste mit den Unterlagen und hat im vergangenen Jahr Nicas Fotobuch herausgebracht. Zu ihrer großen Freude wurde es von der französischen Akademie du Jazz zum Buch des Jahres 2006 gewählt. Nun sind Ausgaben in englischer und deutscher Sprache geplant.


Pannonica de Koenigswarter: "Les Musiciens de Jazz et leur trois voeux". Editions Buchet/Castel, Paris 2006. 320 S., 35 Euro

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Tonangebend: Pannonicas Bebop-Musiker