Ausstellung "I Got Rhythm" Jazz in Öl

Wie Jazzmusiker Maler beeinflusst haben, zeigt die Ausstellung "I Got Rhythm. Jazz und Kunst seit 1920" in Stuttgart. Sie beswingt in Bild und Ton.


Ein Saxofon am linken Bildrand, ein Saxofonist in der Mitte, hinter ihm ein schwarzer Schlagzeuger. Vor der Kapelle amüsieren sich leicht bekleidete Damen und Herren in dunklen Anzügen. Der mondän-dekadente Salon bildet den Mittelteil von Otto Dix' Triptychon "Großstadt" von 1926/27. Die Bildtafeln links und rechts zeigen Huren und Kriegskrüppel - das Elend der Bevölkerung in den "Roaring Twenties" nach dem Ersten Weltkrieg. Der Kontrast spricht für sich.

Aber auch die Mitteltafel des Triptychons hat eine Botschaft: Saxofone und schwarze Künstler polarisierten die Gesellschaft. So forderte damals der "Deutsche Frauenkampfbund gegen die Entartung des Volkslebens" das "Verbot von Saxophonen und Negertänzen". Andere feierten das Jazz-Instrument als Symbol einer neuen Zeit. Max Beckmann malte 1930 ein "Selbstbildnis mit Saxophon"; das Instrument gab Beckmann "den Habitus des progressiven Menschen, wobei die phallische Anspielung auch auf die Freiheit der Emotionalität hindeutet, die im Jazz hervorgebrochen ist" (so der Kunsthistoriker Klaus Wolbert).

Beckmann ist auf der Ausstellung "I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920" im Stuttgarter Kunstmuseum mit dem Figurenbild "Begin the Beguine" vertreten, das auf das gleichnamige Stück von Cole Porter verweist. Dix' "Großstadt"-Triptychon ist das vielleicht wichtigste Exponat der Themenschau. Dix und Beckmann waren frühe Jazzfans; sie mussten in der Nazizeit aus Deutschland emigrieren. Das gleiche Schicksal erlitt ihr Kollege George Grosz. Der Jazzenthusiast aus Berlin ließ sich in New York nieder und malte eine Serie von Aquarellen, wie das "Negerpaar in Harlem". Als Lehrbeauftragter unterrichtete Grosz in den USA Romare Bearden, den ersten bekannten afroamerikanischen Künstler, der Bilder zu Jazzthemen malte.

Jackson Pollock überträgt Jazz auf die Leinwand

Beardens Darstellung einer Jazzband gehört zu den über 120 Werken von 62 Künstlern aus 14 Ländern, die in Stuttgart zu bewundern sind. Unter 69 Leihgebern für die Ausstellung finden sich die Londoner Tate Gallery und das Pariser Centre Pompidou. Die Stuttgarter Kuratoren beschafften Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner, Piet Mondrian, Henri Matisse, Andy Warhol, Jackson Pollock, A.R. Penck und vielen anderen.

All diese Künstler waren fasziniert vom Jazz, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als die Musik der Zukunft galt und mittlerweile als erstes weltweites Pop-Phänomen eingeschätzt wird. So war die afroamerikanische Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Josephine Baker populärer (und umstrittener) als heutzutage Lady Gaga. Bei Auftritten des jungen Frank Sinatra flippten Scharen von Teenagern aus. Jazz war Teil der Jugendkultur, war Tanzmusik und markierte den Beginn der afroamerikanischen Emanzipation. Der Trompeter und Sänger Louis Armstrong wurde im Radio gleichermaßen in Jazz- und Schlager-Sendungen gespielt. Bis in die Sechzigerjahre füllten die Sängerin Ella Fitzgerald und Bigbands von Lionel Hampton und Duke Ellington Arenen.

Und Jazz beeinflusste die bildende Kunst. Seine Abstraktionen seien die Übertragung des Jazz auf die Leinwand, erklärte Jackson Pollock. Sein Gemälde "White Light" schmückt die Plattenhülle des Albums "Free Jazz" des Avantgarde-Saxofonisten Ornette Coleman von 1961. Der Musiker sah seinerseits eine Wesensverwandtschaft zwischen seinem Sound und Pollocks expressivem Action-Painting. Plattencover entwarf auch Andy Warhol. Als Unterstützer der Bürgerrechtsbewegung schuf er 1964 das Bild "Little Race Riot", das in Stuttgart zu sehen ist. Es zeigt einen Polizeieinsatz mit Hunden gegen schwarze Demonstranten.

Wer in der Ausstellung den Audioplayer und Audioguide nimmt, hört zu Warhols Werk Musik von Charles Mingus; zu Max Beckmanns "Begin the Beguin"-Gemälde erklingt die Cole-Porter-Komposition in einer Version von Artie Shaws Bigband; zum Bild "N-Komplex" des aus der DDR stammenden Strichmännchen-Malers A.R. Penck läuft Free Jazz von Peter Kowald.

Livejazz präsentierte das Kunstmuseum in der Ausstellungs-Eröffnungswoche. Wolfgang Dauner, der Stuttgarter Jazzpianist, Keyboarder und Komponist spielte im Duo mit seinem Sohn Florian. Der 44-Jährige ist Schlagzeuger bei den Fantastischen Vier, genießt aber auch einen exzellenten Ruf als Jazz-Drummer. Das Konzert unter dem Titel "Elektronische Mythen" wurde aufgezeichnet und kommt nach Wolfgang Dauners 80. Geburtstag am 30. Dezember als Postweihnachtsgeschenk auf dem Markt.


Ausstellung:
"I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920". Kunstmuseum Stuttgart. Bis 6. März 2016

Katalog:
"I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920", Prestel Verlag, gebunden, Deutsch/Englisch, 288 Seiten, 119 Farbabbildungen, 35 Euro; Buchhandel: 49,95 Euro

Konzerte im Kunstmuseum:
5.3. Peter Brötzmann Trio, China Moses + Band
6.3. Rüdiger Carl & Sven-Ake Johansson, Alexander von Schlippenbach-Sextett, Rolf Kühn Unit.

Infos: kunstmuseum-stuttgart.de

Konzerte von Wolfgang Dauner:
15.1. Lörrach (Duo),
16.1. Darmstadt (Duo),
23.1. Stuttgart (Jubiläumskonzert)

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
windpillow 20.12.2015
1. Roaring Twenties
Werde mir die Ausstellung sicher anschauen. Zumindest die Bilder von Otto Dix, Max Beckmann und George Grosz. Bei Warhol, Pollock und Penk Bildern hab ich da aber schon so meine Zweifel, daß diese je etwas mit Jazz-Musik zu tun hatten, geschweige denn das spezielle Jazz-Feeling in ihre Bilder zu integrieren wie es Dix oder Beckmann gelang. Auch sehe ich zwischen Jazz-Musik und den Fantastischen Vier Rappern -bzw. deren Schlagzeuger- absolut keinen Zusammenhang. Ebenso ist die Bezeichnung "Elektronische Mythen" für Musik-Erinnerungen an Jazz völlig unangebracht, den ca. 1930 gab es -Gottseidank- noch keine Elektronik in der Jazz-Musik.
chirho 20.12.2015
2. Pollock
Jackson Pollocks Bild "White Light" wurde auf Ornette Colemans "Free Jazz" verwendet! Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
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