Von Hans Hielscher
Hanns Eisler komponierte nicht nur die DDR-Hymne "Auferstanden aus Ruinen"; der Meisterschüler von Arnold Schönberg schrieb auch Opernmusik und Orchesterwerke; er schuf Kantaten, Soundtracks für Hollywood-Filme und Kampflieder für das Proletariat - Eisler (1898-1962) gehört zu den bedeutenden Musikern des 20. Jahrhunderts.
Nun sorgt ein "Pan European Power Trio" (so das US-Online-Magazine "All About Jazz") dafür, dass seine Songs auch bei einem Jazz-Event zu hören sein werden: Der Deutsche Daniel Erdmann (Tenorsaxofon), der Däne Hasse Poulsen (Gitarre) und der Franzose Edward Perraud (Schlagzeug) spielen in der kommenden Woche Eisler-Kompositionen beim Jazzfestival in Frankfurt am Main.
In ihrer Band Das Kapital improvisieren die drei über Stücke wie das "Solidaritätslied" und das "Einheitsfrontlied" - ein überraschendes Projekt, das unerwartete Anerkennung findet. Für das Album "Ballads & Barricades" erhielt das Trio den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik. "Ein Meisterstück künstlerischer Empathie, kantig, frech und mitreißend", heißt es in der Begründung.
Schon als Kind trällerte er Protestlieder
Als eine Art Fortsetzung erschien kürzlich die CD "Conflicts & Conclusions". Wieder spielt die Band Eisler-Lieder, die nach dem Zusammenbruch des DDR-Sozialismus bestenfalls verballhornt wurden, im Zeitalter der Bankpleiten aber keineswegs grotesk klingen. "Das ist Jazz, der sich aus der neutralen Zone verabschiedet", jubelt der Kritiker Wolf Kampmann in der Zeitschrift "Jazzthing", "das ist unverhohlener Protest gegen Finanzhegemonie und Afghanistan-Einsatz."
Linkes Liedgut hat Kapital-Gründer Daniel Erdmann, 38, schon als Kind in Wolfsburg geträllert. Hanns Eislers umfassendes Werk entdeckte er in den neunziger Jahren während seines Studiums an der Musik-Hochschule in Ost-Berlin, die den Namen des Komponisten trägt. Und natürlich kennt er das politische Engagement vieler Jazz-Größen.
So forderte Sonny Rollins 1958 in seiner "Freedom Suite" die Abschaffung der Rassenschranken in den USA. Jahrzehnte später komponierte er "Global Warming", denn für den Saxofon-Giganten steht "Jazz in der Tradition der Protestmusik". Zu der bekannten sich auch der Schlagzeuger Max Roach und die Sängerin Abbey Lincoln mit ihrer "Freedom Now Suite" und der Bassist Charlie Haden und die Pianistin Carla Bley, die für ihr Liberation Music Orchestra Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg arrangierten.
HipHop und Rap haben die Funktion des Jazz übernommen
Experte im Bereich Jazz und Politik ist der Berliner Soziologe, Musikwissenschaftler und -publizist Christian Broecking. Der 54-Jährige beobachtet und analysiert seit Jahrzehnten die Jazzszene in den USA und trifft ihre afroamerikanischen Akteure immer wieder zu ausführlichen Gesprächen. Fast vier Dutzend dieser Interviews präsentiert er nun in einer wesentlich erweiterten Neuauflage seines Buches "Respekt", jetzt mit dem Untertitel "Die Geschichte der Fire Music".
Zusammenfassend lässt sich sagen, das alle enttäuscht sind, die glaubten, die Gesellschaft mit ihrer Musik verändern zu können. Für schwarzen Avantgarde-Jazz interessierten sich bald mehr Europäer als Amerikaner. Und heute haben längst HipHop und Rap die einst dem Jazz zugeschrieben Rolle als Kulturträger der schwarzen Gemeinschaft abgejagt.
Dass die Mehrheit auch der Afroamerikaner den Einfluss von Rap und HipHop als negativen Einfluss auf die Gesellschaft sieht, erfahren wir aus Broeckings zweiter Neuerscheinung "Der Marsalis-Komplex - Studien zur gesellschaftlichen Relevanz des afroamerikanischen Jazz zwischen 1992 und 2007." Der Autor setzt sich mit dem Wirken von Wynton Marsalis auseinander, dem Trompeter und Kommunikator, der von Traditionalisten als Lichtgestalt verehrt und von Avantgardisten als Totengräber des Jazz verteufelt wird.
Broecking führte nicht weniger als 82 Interviews zur Marsalis-Kontroverse. Schließlich würdigt er Marsalis' Leistung, am New Yorker Lincoln Center "eine eigenständige Jazz-Institution" zu etablieren und damit "die gesellschaftliche Wahrnehmung dieser Musik zu verändern". Der Lincoln-Center-Jazz-Chef hat seine Hochkultur-Halle auch sperrigen Modernisten geöffnet. Aber wofür Marsalis' Herz schlägt, sagt sein Satz: "Wo Swing ist, gibt es Hoffnung."
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