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Jazz- und Rock-Pionier: Gitarrenerfinder Les Paul gestorben

Ohne ihn wäre Rockmusik nicht so laut, denn es gäbe die elektrische Gitarre nicht: Der amerikanische Musikpionier Les Paul, Jazz-Gitarrist und Erfinder moderner Studio-Techniken und E-Gitarren, ist im Alter von 94 Jahren gestorben.

White Plains/New York - Ende der Sechziger, also eigentlich in dem Moment, in dem die elektrische Gitarre mit Jimi Hendrix' lauten Feedback-Gewittern und den ziselierten, vielschichtigen Rockopern von Led Zeppelin und The Who bis hin zu Pink Floyd ihren endgültigen Siegeszug antrat, neigte sich die erstaunliche Karriere Les Pauls bereits dem Ende zu. Allerdings hätte es all die Fender Telecasters, Stratocasters, all die Gibson SGs, mit denen die Rockheroen ihre Hymnen untermalten, ohne Les Paul vielleicht nicht gegeben.

Musik-Pionier Les Paul: Vater der E-Gitarre Zur Großansicht
REUTERS

Musik-Pionier Les Paul: Vater der E-Gitarre

Geboren 1915 als Lester William Pollsfuss in der Kleinstadt Waukesha im US-Bundesstaat Wisconsin, entdeckte Les Paul bereits im Kindesalter ein Faible für Musik. Zunächst mit Mundharmonika, dann mit Banjo und bald mit Gitarre, begann er Vorbildern wie Django Reinhardt nachzueifern, deren Sound er später mit seinen ersten Jazz-Trios in New York und Chicago imitierte. Parallel zu seiner musikalischen Passion verfügte Paul aber auch über einen großen technischen Sachverstand. Schon als Teenager bastelte er sich einen eigenen Verstärker und fing bald an, über das Design und die Funktionsweise elektrischer Gitarren, in den dreißiger und vierziger Jahren der Gipfel der Innovation, nachzudenken.

Pionierarbeit mit Holzblöcken

Unzufrieden mit dem Klang der gängigen Instrumente, schnappte er sich eine seiner Epiphone-Gitarre und modifizierte sie so, dass sie nicht mehr über einen hohlen offenen Klangkörper verfügte, der beim elektrischen Spiel immer Probleme mit dem unkontrollierbaren Feedback bescherte, sondern aus einem geschlossen Holzblock bestand. "The Log", den Klotz, nannten die Techniker bei Epiphone, in deren Werkstatt Paul seinen Prototyp anfertigte, denn auch dieses ungewöhnlich aussehende Instrument, die erste Solid-Body-Gitarre der Welt, der Vorläufer der modernen E-Gitarre.

Epiphone verzichtete jedoch auf die Produktion des Geräts, so dass es bis 1952 dauerte, bis ein Serienmodell auf den Markt kam, das Les Pauls Namen trug. Gebaut wurde und wird die Gibson Les Paul bis heute, von der Firma Gibson, die sich jedoch über mehrere Jahre lang von Paul vom Konzept seiner Erfindung überzeugen lassen musste. Die Gibson Les Paul ist heute ein fester Bestandteil moderner Rockmusik, zu ihren treuen Fans und Virtuosen zählen Jimmy Page, Pete Townshend, Frank Zappa, Gary Moore, Duane Allman und selbst Stratocaster-Ikone Eric Clapton spielte in seinen Anfangjahren eine Les Paul von Gibson.

Pophits in den Fünfzigern, Scheidung in den Sechzigern

Neben seiner Pioniertätigkeit auf technischer Seite - unter anderem legte Les Paul mit zahlreichen Experimenten im Studio auch die Grundlagen für das moderne Multitrack-Recording - erspielte er sich einen Ruf als versierter Jazz-Gitarrist und Popmusiker, der in den späten Vierzigern und Fünfzigern zahlreiche Hits hatte, darunter Jazz-Standards wie "How High The Moon".

Schon fast legendär ist eine Anekdote von 1948: Der musikversessene Les Paul erlitt bei einem Autounfall so schwere Verletzungen an seinem rechten Arm, dass Gitarrespielen unmöglich schien. Paul jedoch überzeugte die Ärzte davon, ihm den Arm in einem rechten Winkel zu fixieren, dass er trotzdem in der Lage war, sein geliebtes Instrument zu bedienen. Über ein Jahr dauerte es, bis die Verletzung auskuriert war.

Kurz darauf heiratete er zum zweiten Mal, die junge Country-Sängerin Colleen Summers, die sich bald in Mary Ford umbenannte. Mit ihr hatte Paul seine größten Charterfolge und Mitte der fünfziger Jahre sogar eine eigene TV-Show, die "Les Paul and Mary Ford at Home Show", wo das Musikerpärchen aufgepeppte Standards wie "Tiger Rag" zum Besten gab.

Damals nutzte Les Paul selbst entwickelte Effekte wie das heute allgegenwärtige Overdubbing, dem Übereinanderlegen mehrerer Gitarrenspuren zwecks Erzeugung eines vielschichtigen Klangs. Bereits 1947 hatte Les Paul eine Version des Jazz-Songs "Lover" aufgenommen - für acht Gitarren, die er alle selbst gespielt und mit einem experimentellen Dubbing-Verfahren übereinander gelegt hatte. Die futuristische Nummer war ein Hit für Capitol Records, die Paul sofort für mehrere Alben unter Vertrag nahmen.

1964, nach einer bitteren Scheidung von Mary Ford, begann Les Pauls kreative Ader auszutrocknen. 1967 begab der von seinen Anhängern und Verehrern liebevoll "The Wizard of Waukesha" genannte Pionier in eine Art Vorruhestand. Erst in den achtziger Jahren tauchte Les Paul wieder auf und zeigte sich zu regelmäßigen Sessions mit Freunden und Fans in einigen New Yorker Clubs. In den neunziger Jahren begann eine Arthritis sich auf das virtuose Spiel Pauls auszuwirken, hielt ihn jedoch nicht davon ab, auch im hohen Alter noch einige seiner Lieblingsstandards zum Besten zu geben. "Wenn man dickköpfig ist, geht alles", scherzte er einmal in einem Interview mit der "Washington Post", "ich spiele mit den Fingern, die mir noch geblieben sind"

bor

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