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Jazz und Wirtschaft: Manager sollten Miles hören

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Durcheinander im Betrieb? Gut so! Wissenschaftler und Unternehmer haben den Jazz als Vorbild für die Wirtschaft entdeckt und fordern: Eine Firma sollte am Rande des Chaos agieren - wie eine gut eingespielte Band.

Der Bandleader nennt ein altbekanntes Stück, sagt die Tonart an, gibt das Tempo vor und los geht's: Die Melodie-Instrumente spielen das Thema, während Piano, Bass und Schlagzeug für den Rhythmus sorgen. Dann improvisieren einzelne Bandmitglieder: Sie spielen, was ihnen einfällt - solange es nur in die Harmoniefolgen des Stückes passt. Im vorgegebenen Rahmen erfinden die Musiker neue Melodien, Kollegen greifen Ideen ihrer Vorgänger auf, die Rhythmusgruppe fällt in einen groovenden Swing. Ein noch nie gehörtes Stück entsteht.

"Jazz ist ein wunderbares Modell für Management", sagt August-Wilhelm Scheer, "weil eine Jazzgruppe mit einem Minimum an Regeln ein Höchstmaß an Kreativität erreicht."

Der Mann weiß, wovon er spricht. Scheer lehrte als Universitätsprofessor Wirtschaftsinformatik, gründete eine Software-Firma mit 3000 Mitarbeitern, wurde 2003 zum Unternehmer des Jahres gekürt - und ist als Bariton-Saxofonist so gut, dass er mit Spitzenprofis in namhaften Jazzbands musizieren kann.

Was ist bloß los in der Welt des Jazz?

Auf der einen Seite wird die Musik angesichts fallender Plattenumsätze, schrumpfender Publikumszahlen bei Konzerten und der Überalterung seiner Stars als ein sterbendes Genre abgeschrieben. Auf der anderen Seite beschäftigt sich die internationale Fachzeitschrift "Organization Science" in einer Sondernummer mit Jazz als Modell für Unternehmen im 21. Jahrhundert; Wissenschaftler schreiben über "jazz based learning" und prägen den Begriff "Jazzonomics" für die Idee, "Jazz als Impulsgeber für die Wirtschaft" zu nutzen - gerade in Krisenzeiten.

Auch für Scheer war und ist Jazz mehr als ein Hobby: Seine IDS Scheer AG hat der Erfolgsunternehmer im Stil einer Jazzband geführt. Nun hat er seine Erkenntnisse unter dem Titel "Jazzimprovisation und Management" publiziert.

Ihm ist klar, dass der Begriff "Improvisation" in der Wirtschaft eher negativ besetzt ist; er komme vor allem ins Spiel, wenn sich Planung als falsch erweise. Doch im turbulenten Umfeld von heute - vor allem in der IT-Industrie - sei es oft gar nicht mehr möglich, Pläne zu machen. Vielmehr müsse auf neue Entwicklungen und Stimmungen reagiert - also improvisiert - werden, schreibt Scheer. Das funktioniere dann besser innerhalb einer Gruppe mit flacher Hierarchie und hohen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten; so wie in einer gut eingespielten Jazzband, in der jeder Musiker "am Rande des Chaos" abwechselnd als Begleiter und als Solist agiert. "Diese Organisationsform", so Scheer, "wird auch von modernen Unternehmen in der Hightech-Industrie angestrebt."

Managern wie Scheer gilt Miles Davis als Vorbild, weil er von seinen Musikern ständig eigene Ideen einforderte. Der Bandleader und Trompeter hatte zudem ein Gespür für neue Trends und gehört deshalb zu den Schöpfern der Jazzstile seiner Schaffensjahre: Bebop, Cool Jazz, Modaler Jazz, Rock Jazz. Viermal im Leben stilbildend an neuen Entwicklungen beteiligt zu sein - davon träumen auch Manager. Denn: "In der Hightech-Welt", schreibt Scheer, "ist die Fähigkeit, sich neuen Technologiewellen zu öffnen und sie mitzugestalten, Voraussetzung für ein längerfristiges Überleben der Unternehmen."

Seine IDS Scheer AG hat der inzwischen 67-jährige im Juni verkauft. Doch als Präsident des Verbands der Informationswirtschaft, Telekommunikation und neuen Medien (Bitkom) und als Mitglied etlicher Gremien mischt Scheer weiter in der Wirtschaft mit. Als Jazzmusiker ist er zusammen mit dem amerikanischen Trompetenstar Randy Brecker auf dem neuen Album der Band Groovin' High zu hören. Die verbreiteten Untergangsängste für seine Lieblingsmusik teilt Scheer nicht. "Derzeit mögen weniger CDs verkauft werden", räumt er ein, "aber nie zuvor hat es in Deutschland an so vielen Schulen Jazzbands gegeben."


Lesen: August-Wilhelm Scheer: "Jazz-Improvisation und Management" ( www.ids-scheer.com); Marco Ostrowski: "Jazzonomics" (in der Zeitschrift "Jazzpodium" vom 7.8.2009)

Hören: Oliver Strauch's Groovin'High: "Live With Randy Brecker" (Jazz'n'Arts Records)

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1. Durcheinander im Betrieb
Meinungsmarktbeiträger 31.07.2009
Zitat von sysopDurcheinander im Betrieb? Gut so! Wissenschaftler und Unternehmer haben den Jazz als Vorbild für die Wirtschaft entdeckt und fordern: Eine Firma solle am Rande des Chaos agieren - wie eine gut eingespielte Band. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,638583,00.html
Klasse Idee, nur leider in Deutschland nicht umsetzbar. Hier beherrschen immer mehr Regeln (z.B. feinst detaillierte Verfahrensanweisungen) Normen, Richtlinien und Verordnungen den Alltag und dies führt entgegen der Intention auch zu einem Chaos im Betrieb - nur, dass der mit "Schlecht so!" beschrieben werden kann, denn viele eigentlich einfache Vorgänge werden so verkompliziert oder gar blockiert. Kreativität wird so zumeist von vorn herein erstickt ...
2. Herr Professor und sein Horn
Matthias_H 31.07.2009
> und ist als Bariton-Saxofonist so gut, dass er mit Spitzenprofis in namhaften Jazzbands musizieren kann. Einspruch. Herrn Professor Scheers Saxophonspiel bewegt sich nur knapp über "lausig", und wer ihn schon einmal gehört hat, weiß, wovon ich rede. Dank seines unbestritten großzügigen Sponsortums gibt es in der saarländischen Jazzszene aber zahlreiche Musiker, die so sehr von ihm abhängig oder ihm zumindest so verbunden sind, dass sie ihn schon einmal mitspielen lassen.
3. Netter Ansatz, aber...
samjones 31.07.2009
... bei dem Thema wurde leider etwas unterschlagen, dass die Instrumentalisten in so einer Jazzband unglaubliche Experten sind. Gerade in der Combo von Miles Davis. Hier ist ein schier unendlicher Fundus an Hintergrundwissen (z.B. Harmonielehre), meisterlicher Beherrschung des eigenen Instruments und Erfahrung im Spielen mit anderen Bands und verschiedensten Musikstilen am Start. Dass diese Experten dann in einer gemeinsamen Runde auch übermenschliche Ergebnisse produzieren, dürfte keine Überraschung sein. Und wer eben z.B. nicht einen Song chromatisch durchspielen konnte (also in jeder Tonart), dem flog rasch ein Becken vor die Füße oder die Drumsticks in den Rücken - und war damit raus. Nur als Hinweis, dass eine Jazz-Band meist brutaler, als jede Firma ist und vor der Improvisation (ob nun im Jazz oder in der Wirtschaft) die eigene Meisterschaft steht.
4. Saarland?
Jörn Bünning 31.07.2009
Zitat von Matthias_H> und ist als Bariton-Saxofonist so gut, dass er mit Spitzenprofis in namhaften Jazzbands musizieren kann. Einspruch. Herrn Professor Scheers Saxophonspiel bewegt sich nur knapp über "lausig", und wer ihn schon einmal gehört hat, weiß, wovon ich rede. Dank seines unbestritten großzügigen Sponsortums gibt es in der saarländischen Jazzszene aber zahlreiche Musiker, die so sehr von ihm abhängig oder ihm zumindest so verbunden sind, dass sie ihn schon einmal mitspielen lassen.
Aus dem Artikel: Als Jazzmusiker ist er zusammen mit dem amerikanischen Trompetenstar Randy Brecker auf dem neuen Album der Band Groovin' High zu hören. Wusste noch gar nicht, dass Randy Brecker aus der saarländischen Musikszene kommt. MW waren die Brecker-Brothers gesuchte Studiomusiker der US-Funk-Szene und sind es auch noch.
5. Ach, so einfach ist das also ...
Hugo Habicht 31.07.2009
Da gibt es einen emiritierten Professor, der hat ein 3000 Mann Unternehmen gegründet vom bequemen Professorenstuhl aus, von dem aus er übrigens jede Menge Subventionen abgestaubt hat für Software, die nie funktioniert hat: CIM - Computer Integrated Manufacturing, und der nebenbei (nicht ausgelastet?) mit Software, die auch an seinem Institut entwickelt wurde und ausnahmsweise mal funktioniert hat, eine private Firma ohne Risiko gegründet hat. Und der erzählt uns jetzt was von "Unternehmen sollten am Rande des Chaos agieren, wie eine Jazz-Kapelle", weil er selbst als Laie in einer spielt. Und fertig ist ein neues Management-Paradigma!
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