Frauen im Jazz Die Ton-Angeberinnen

Mit Trommeln und Trompeten rücken Frauen in die erste Reihe des deutschen Jazz vor - damit sind die Zeiten vorbei, als Jazzerinnen sich vor allem auf Gesang und Piano spezialisierten.

Juan Martin Koch

Die Tochter hatte gerade ihr neues Album herausgebracht, als die Mutter Ende Oktober beim Jazzfest Berlin gastierte: Clara Haberkamp, 23, (Piano) und Ilona Haberkamp, 56, (Saxophon) repräsentieren zwei Generationen "weiblichen Jazz" in Deutschland. Beide haben Musik studiert. Aber der Berufsbeginn unterschied sich: Während Clara ganz selbstverständlich in die Jazzszene einstieg, fiel Ilona sehr auf, als sie Ende der siebziger Jahre mit ihrem Altsaxophon bei Jam-Sessions auftauchte. Abgesehen von Sängerinnen respektierte die maskulin geprägte Jazzwelt damals Frauen höchstens am Piano.

"Heute werden Mädchen und Frauen sogar auf Blechblasinstrumenten ernst genommen", sagt die Saxophonistin Haberkamp und verweist auf Posaunistinnen und Trompeterinnen in deutschen Schul-Bigbands und Jugendjazzorchestern. Anderswo haben sich Frauen längst auch auf "Männer-Instrumenten" durchgesetzt und werden hier als Zugnummern engagiert. So werben die Leverkusener Jazztage (bis 17.11.) mit Konzerten der niederländischen Saxophonistin Candy Dulfer und der US-Schlagzeugerin Cindy Blackmann-Santana; bei Enjoy Jazz in Heidelberg (noch bis 16.11.) treten die Amerikanerinnen Geri Allen (Piano), Esperanza Spalding (Bass) und Terri Lyne Carrington (Drums) auf. Und beim gerade zu Ende gegangenen Jazzfest Berlin - wo interessanterweise keine einzige Sängerin als "main act" im Programm stand - spielte die 29-jährige Gitarristin Monika Roscher mit ihrer Bigband auf der großen Bühne. Ilona Haberkamp trat mit ihrem Projekt über Jutta Hipp im Jazzclub A-Trane auf.

Die tragische Heldin des deutschen Jazz

Jutta Hipp ist die tragische Heldin des deutschen Jazz. Die Leipzigerin begeisterte sich als Teenager in der Nazi-Zeit für den verfemten Jazz und stieg in der Nachkriegszeit zur vielleicht wichtigsten europäischen Jazz-Pianistin auf. Die Deutsche ging 1956 in die USA, erhielt einen Plattenvertrag beim Prestige-Label "Blue Note". Weil sie dem Konkurrenzkampf in Amerika nicht gewachsen war, scheiterte sie. Die Musikerin wurde Näherin und starb 2002 arm und einsam in New York. Nun arrangierte Ilona Haberkamp Kompositionen von Hipp für ihre Band und vertonte Texte der Verstorbenen.

Die Saxophonistin aus dem Ruhrgebiet kennt die Szene seit fast vier Jahrzehnten. 1984 gehörte Haberkamp zu den Gründerinnen von "Reichlich Weiblich", der ersten deutschen Frauen-Bigband, die zeitgenössischen Jazz pflegte. Sie spielte in etlichen Combos und arbeitete als Theatermusikerin. Dass sie es in ihrem Beruf nicht leicht hatte, konnte Haberkamps Tochter Clara nicht abschrecken, auch Jazzmusikerin zu werden. Schon als Elfjährige gewann sie einen Preis bei "Jugend jazzt". Anders als einst ihre Mutter bewegt sich Clara Haberkamp nun in einem Milieu, in dem junge Frauen nicht nur alle möglichen Instrumente spielen, sondern auch komponieren, Bands leiten und früh Anerkennung finden. 2012 gewann die 25-jährige Saxophonistin Charlotte Greve mit ihrem Lisbeth Quartett den Echo "Newcomer des Jahres".

Rückblickend stellt sich 2012 als das Jahr mit einem Ruck für die Frauen im deutschen Jazz dar. Damals wurde die hoch geachtete 44-jährigen Berliner Pianistin Julia Hülsmann zur Vorsitzenden der seit 1973 bestehenden Union Deutscher Jazzmusiker gewählt - offenbar ein Zeichen mit Signalwirkung: Die Zahl der weiblichen UDJ-Mitglieder schnellte von 6 auf 74. Das ist ein knappes Fünftel bei derzeit 419 Mitgliedern. Angesichts der vielen Studentinnen an den Hochschulen mit Jazz-Ausbildung ist weiteres Wachstum programmiert.


Konzerte mit Instrumentalistinnen
Leverkusener Jazztage noch bis 17.11. mit Candy Dulfer (10.11.) und Cindy Blackman-Santana (14.11.).
Enjoy Jazz in Heidelberg noch bis 16.11. mit Geri Allen, Terry Lyne Carrington, Esperanza Spalding (12.11. in Heidelberg).

CDs von Instrumentalistinnen
Ilona Haberkamp Quartet: Cool is Hipp is Cool. Laika Records; 16,99 Euro.
Clara Haberkamp: Nicht rot, nicht weiß, nicht blau. Laika Records; 16,99 Euro.
Monika Roscher Bigband: Failure in Wonderland. Enja; 14,99 Euro.
Lisbeth Quartett: Framed Frequencies. Traumton Records, erscheint am 10. Januar.



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
patsche2712 09.11.2013
1. Jazz...
...vermag mich auch mit fast 40 immer noch nicht zu begeistern. Es ist und bleibt Fahrstuhlmusik, der das mitreißende und manchmal auch aufrüttelnde Element fehlt....
gerdwill 09.11.2013
2. hoppla
Zitat von patsche2712...vermag mich auch mit fast 40 immer noch nicht zu begeistern. Es ist und bleibt Fahrstuhlmusik, der das mitreißende und manchmal auch aufrüttelnde Element fehlt....
in keiner Musikgattung gibt es mehr mitreißendes und aufrüttelndes als gerade im Jazz. Kein Musikgenre hat eine tiefere Sozialisation erlebt in den Jahrzehnten,wie gerade der Moderne Jazz, alle Elemente des Lebens werden vor allem, oder gerade auch durch den Mix unterschiedlicher Kulturen erlebt. Sie müssen sich halt die Mühe machen sich zu informieren, Hörbeispiele und Veranschaulichungsmaterial studieren, dann verstehen Sie eben das was Sie gerade nicht verstehen. ...noch was hüten Sie sich vor solchen Urteilen, wie Fahrstuhlmusik oder ähnlich abqualifiziertes, wenn Sie sich nicht auskennen.
spon-facebook-10000320424 09.11.2013
3. nun gut...
..., dass man mit Jazz nichts anzufangen vermag, ist dem eigenen Musikgeschmack und der musikalischen Sozialisation geschuldet. Dass dem Jazz das Aufrüttelnde fehlt ist aber furchtbarer Unsinn. Einfach mal eine Jazzsession besuchen! Was ich aber eigentlich los werden wollte: Das Enjoy-Jazz-Festival ist in Heidelberg und Mannheim und Ludwigshafen! Nicht alleine in Heidelberg...! :-)
patsche2712 09.11.2013
4. Ich komme...
...ursprünglich aus Moers und hatte oftmals Gelegenheit, mir entsprechende Jazzdarbietungen auf den jährlich stattfindenden Moers Festival anzuschauen. Un ex auf den Punkt zu bringen, ein Großteil war aus meiner Sicht stinklangweilig....
johnnyrees 09.11.2013
5.
Ich muss dem Poster #1 rechtgeben. Fahrstuhlmusik trifft es ziemlich genau. Das sieht die intellektuelle Jazzelite aber sicherlich anders. Dies ist jedoch gerade das tolle an Musik: Es lässt sich so herrlich über Geschmäcker streiten.
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