Jazzszene "Mal schnell das Label wechseln"

Was immer wieder vorkommt, eskalierte in den letzten Monaten: Prominente Jazzer verlassen ihre langjährige Plattenfirma. Was steckt dahinter?

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Wenn ein sensationeller Newcomer von einer Kleinfirma zu einem Major Label geht, zucken viele Jazzfans die Schultern: Das sei so wie im Fußball, in dem Ligavereine Supertalente aus der Kreisklasse unter Vertrag nehmen. Ein Beispiel ist der Wechsel des inzwischen zum Weltstar aufgestiegenen Gregory Porter von Motema Music zu Blue Note vor zwei Jahren. Traurig für Motema, doch so tickt die Welt.

Aber was ist davon zu halten, wenn sich Legenden nach Jahrzehnten von ihrem Stamm-Label verabschieden, wie der Saxofonist Charles Lloyd (früher ECM, neuerdings Blue Note)? Oder wenn etablierte Musiker eine Firma gegen eine andere austauschen - Piano-Star Vijay Iyer ging von ACT zu ECM, Erfolgs- Schlagzeuger Manu Katche von ECM zu ACT. Und warum hat die Diva Dee Dee Bridgewater Emarcy verlassen und bei Okey angeheuert? Weshalb wechselte der Gitarren-Grande John Scofield von Emarcy zu Impulse?

Über die Wechselspiele wollen weder die beteiligten Musiker noch die Label-Leute öffentlich sprechen. Niemand ist daran interessiert, Türen endgültig zuzuschlagen. Auskünfte gibt Wolfram Knauer. Der Leiter des Jazzinstituts Darmstadt hat Monografien über Louis Armstrong und Charlie Parker veröffentlicht und kennt die Jazzgeschichte so profund wie die internationale Szene von heute.

"Die Entscheidung zum Wechsel ist mal darin begründet, dass die Künstler mit den geschäftlichen Verabredungen - sprich dem Geld - nicht zufrieden sind", sagt Knauer, "mal damit, dass ihnen die Plattenfirmen zu sehr in ihre künstlerischen Entscheidungen über Produktionen hineinreden, oder Produktionen verlangen, von denen die Musiker nichts halten." Ein Beispiel: Duke Ellington trennte sich in den 1940er Jahren von RCA, weil ihn das Label drängte, publikumswirksame Stücke aufzunehmen, während er selbst anspruchsvollere eigene Projekte vorhatte.

Im Jazz ist der Produzent wichtiger als das Label

Als Ursache für Krach hinter den Kulissen nennt Knauer auch Meinungsverschiedenheiten über Konzerttourneen, Promotion-Aktionen und die Zahl der verabredeten Produktionen. Bei der Entscheidung eines Musikers für eine bestimmte Plattenfirma stehe "an erster Stelle seltener das Label an sich, als vielmehr wie der Künstler mit dem Produzenten klarkommt".

In der "Nischenkunst Jazz" aber sind Produzenten und Label-Macher oft ein und dieselbe Person. Letzten Endes, so Knauer, bestimme eine "Mischung aus persönlichem und geschäftlichem Verhältnis" die Zusammenarbeit zwischen den Künstlern und den Produzenten/Labelmanagern. Und Konflikte seien auch darin begründet, dass "wir es im Jazz mehr als in anderen Musiksparten mit höchst individuellen Charakteren zu tun haben - auf beiden Seiten".

Um Konflikte zu vermeiden und Geld zu sparen haben Musiker immer wieder ihre eigenen Labels betrieben - vom US-Saxofonisten Branford Marsalis bis zum deutschen Spitzenbassisten Dieter Ilg. Doch die dann zusätzliche Arbeit hat die meisten zermürbt und sie schließlich zur Rückkehr zu einer Plattenfirma bewegt.

Ein Beispiel aus diesem Jahr ist der Trompeter Nils Wülker. Nach einem Fehlstart beim Major Sony hatte sich der Wahl-Hamburger über zehn Jahre mit seinem eigenen Label Ear Treat Music auf dem schrumpfenden Jazz-Markt behauptet. Daraufhin bot ihm der Branchenriese Warner einen Vertrag an, der Wülker sein eigenes Management abnahm und ungleich bessere Produktionsmöglichkeiten bot. Der Musiker, der sich nun auf sein künstlerisches Schaffen konzentrieren kann, unterschrieb - und das "Hamburger Abendblatt" feierte Wülkers "Befreiung aus der Unabhängigkeit".

Nach Hegel ist "Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit". Letztlich geht es wohl nicht ohne die Plattenfirmen.


Aktuelle Alben von Jazzmusikern, die kürzlich ihr Label wechselten:
Dee Dee Bridgewater: "Dee Dee's Feathers" (Blue Note)
Charles Lloyd: "Wild Man Dance" (Blue Note)
Vijay Iyer: "Break Stuff" (ECM)
Manu Katche: "Live In Concert" (ACT)
John Scofield: "Past Present" (Impulse), ab 25.9.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Karbonator 13.09.2015
1.
---Zitat--- Aber was ist davon zu halten, wenn sich Legenden nach Jahrzehnten von ihrem Stamm-Label verabschieden, wie der Saxofonist Charles Lloyd (früher ECM, neuerdings Blue Note)? Oder wenn etablierte Musiker eine Firma gegen eine andere austauschen - Piano-Star Vijay Iyer ging von ACT zu ECM, Erfolgs- Schlagzeuger Manu Katche von ECM zu ACT. Und warum hat die Diva Dee Dee Bridgewater Emarcy verlassen und bei Okey angeheuert? Weshalb wechselte der Gitarren-Grande John Scofield von Emarcy zu Impulse? ---Zitatende--- Und warum wechselten die besagten Künstler jetzt? Irgendwie lese ich nichts darüber aus dem Artikel heraus. Sondern vielmehr allgemeine Ansichten darüber, warum früher mal gewechselt wurde - und darauf basierend ein paar Aussagen darüber, warum man allgemein wechselt. Aber wie sieht es mit den besagten Künstlern aus? Welcher der angenommenen Gründe trifft auf sie zu?
sekundo 14.09.2015
2. Die Künstler
Zitat von KarbonatorUnd warum wechselten die besagten Künstler jetzt? Irgendwie lese ich nichts darüber aus dem Artikel heraus. Sondern vielmehr allgemeine Ansichten darüber, warum früher mal gewechselt wurde - und darauf basierend ein paar Aussagen darüber, warum man allgemein wechselt. Aber wie sieht es mit den besagten Künstlern aus? Welcher der angenommenen Gründe trifft auf sie zu?
wechseln weil sie sich bessere materielle und künstlerische Bedingungen erhoffen. Wer verschlechtert sich schon gern!
djones197063 15.09.2015
3. Keine
Bei den meisten der im Artikel genannten Labels handelt es sich um Marken, die der Universal Music Group gehören, oder - wie ECM - von der UMG vertrieben werden. Bei den Labelwechseln geht es nicht um Auf- oder Abstieg, "Freiheit" oder "Unabhängigkeit", sondern um konzerninterne Strategien.
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