Jazzclubs in Not: Gala hui, Brutstätte pfui 

Von Hans Hielscher

Jazzclubs: Knochenarbeit im Keller Fotos
Viola Hackbarth

In Hamburg schließt das Birdland, in Bielefeld droht dem Ulmenwall-Bunker das Aus. Die meisten Jazz-Spielstätten überleben nur durch Idealismus. Doch statt die so wichtige Live-Kultur in kleinen Clubs zu fördern, bestellt die Politik lieber teure Events.

"Idealbiotop für räudige Kunst" nennt das "Hamburger Abendblatt" den Spielort am Altbau kurz vor der Sternbrücke. "Bar 227" steht an der Fassade. Eine Treppe führt zu einer Höhle im Hochparterre, aus der dienstags Live-Musik auf die dicht befahrene Max-Brauer-Allee schallt. Unter dem Titel "Fat Jazz - urban-X-changes" läuft hier eine Veranstaltungsreihe. Organisiert hat sie Gabriel Coburger. Der Saxofonist zählt zu den Besten seiner Zunft und gilt als unermüdlicher Jazz-Ermöglicher. Sein Projekt in der Bar 227 bringt Avantgarde-Musiker aus Berlin und Köln mit Hamburger Kollegen zusammen - und hält einen der letzten Jazz-Spielorte in der Hansestadt am Leben.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Jazz boomt in Hamburg: Zu den etablierten Festivals Überjazz, Jazz Open und Elbjazz kommt nun auch noch die Verleihung des Echo Jazz in die Stadt. Aber viele auf Jazz spezialisierte Clubs können sich nicht länger halten. Nach dem legendären Onkel Pö und dem Dennis Swing Club schließt Ende Juni mit dem Birdland der derzeit bekannteste Spielort. Nach 28 Jahren verschwindet damit eine Bühne für deutsche und internationale Spitzenmusiker und eine Spielwiese für Talente; bei der Donnerstag-Jam-Session und der Vocal Session am Mittwoch kann jeder einen Auftritt wagen.

Clubs gehen nicht nur in Hamburg unter. Gerade wurde bekannt, dass der in der Jazz-Welt bekannte Bielefelder Bunker Ulmenwall wahrscheinlich schließen muss. Und in der Schweiz finden die Jazz-Klassen-Absolventen von immer mehr Musikhochschulen immer weniger Spielorte. Grassiert das Clubsterben überall im deutschsprachigen Raum?

750 Spielorte im Wegweiser Jazz

Nachfragen beim Jazzinstitut Darmstadt ergeben, dass die Gesamtzahl der Spielstätten relativ stabil geblieben ist. Im "Wegweiser Jazz" sind seit vielen Jahren rund 750 Jazz-Spielorte aufgelistet. Freilich finden sich in der Aufstellung auch Säle, Kneipen und Restaurants, in denen Jazz nur gelegentlich erklingt. Reine Jazz-Spielstätten, so auch die Beobachtung der Darmstädter Experten, werden rarer. Allerdings nehmen mehr Kulturveranstalter Jazz in ihre Konzertreihen.

Das würde den Trend zur Event-Kultur bestätigen. Brutstätten des Jazz sind allerdings immer die Clubs gewesen. Denn dort gewinnen Musiker jene Routine, die ihnen Konzertauftritte ermöglicht. "Ich habe in Clubs spielen gelernt", sagt Lutz Büchner. Der 44-jährige Saxofonist ist seit 1994 Mitglied der NDR Bigband. Da musiziert er fast ausschließlich vom Blatt. Seine Fähigkeit zum Improvisieren pflegt Büchner, wenn er an freien Abenden mit seinem Instrument zur Pony Bar am Uni-Gelände pilgert. Zum Jazz am Mittwochabend treffen sich dort im Hinterraum junge Kollegen. Der Keyboarder Boris Netsvetaev kommt meist vom Brotjob im Musical "König der Löwen". In der Pony Bar experimentiert er dann mit seiner Jazz-Besetzung, dem Hammer-Klavier-Trio.

Mini-Gagen sind üblich

Das Trio und Saxofonist Büchner haben mitgespielt, als der Vibrafonist Wolfgang Schlüter im vergangenen Jahr mit der NDR Bigband das Album "Visionen" aufnahm. Veteran Schlüter erhält dafür am 23. Mai als herausragender Instrumentalist einen Jazz Echo. "Wenn ich ein paar Dankesworte sprechen kann", sagt der 78-Jährige, "werde ich die Gelegenheit nutzen und erklären, wie wichtig Clubs für den Jazz sind." Schlüter ist davon überzeugt, dass ihn nach seinem Studium "sieben Jahre Knochenarbeit in Jazzkellern" zum Weltklassemusiker gemacht haben.

Im Hamburger Bar-227-Club treten Stars der Free-Jazz-Szene wie der Klarinettist Rudi Mahall und der Saxofonist Matthias Schubert neben Nachwuchsmusikern auf. Organisator Coburger erhält für seine Serie von mehr als 40 Konzerten 3.600 Euro aus der Reihenförderung der Kulturbehörde. Mit dem Geld zahlt er Musikern die Reisekosten. Gäste bringt er privat unter. Bei 7 Euro Eintritt und einem Fassungsvermögen von maximal 80 Leuten bleiben den Jazzern Mini-Gagen. Das ist üblich in der Clubszene.

Anders die Lage in der Event-Kultur. Die Gala zur Verleihung des Echo Jazz unterstützt die Stadt mit 100.000 Euro. Kultursenatorin Barbara Kisseler erklärt das so: "Mit dem Echo wird Hamburg auf der Landkarte des Jazz positioniert."


Termine:
Die Clubs "Bar 227",
"Birdland" und "Pony Bar" in Hamburg und "Bunker Ulmenwall" in Bielefeld bieten bis zur Sommerpause im Juli Live-Jazz.

CDs:
Gabriel Coburger Quartet: Weirdo. Wizmar Records; 12,90 Euro;
Wolfgang Schlüter Quartet & NDR Bigband: Visionen. Skip Records; 19,99 Euro.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Es ist wie immer...
wachhund70 27.04.2013
So funktioniert es nun mal... Wir wollen Spitzenkräfte und sparen an der Ausbildung. Deja vu? Das Schulsystem wird gerade auf diese Art an die Wand gefahren!
2.
qvoice 27.04.2013
Jazz ist heute nicht sehr populär. Wenn es nicht genug Besucher gibt, muss eben geschlossen werden. Warum sollen andere zahlen?
3. Jazz findet ja kaum noch statt!
chaps 27.04.2013
Weder in Clubs, wo sich die Macher auf umsatzstärkere Musik konzentrieren und im Radio und Fernsehen auch nicht (bis auf ein paar Ausnahmen). Wie soll man die Jugend für Jazz interessieren?
4.
rulamann 27.04.2013
Zitat von sysopViola HackbarthIn Hamburg schließt das Birdland, in Bielefeld droht dem Ulmenwall Bunker das Aus. Die meisten Jazz-Spielstätten überleben nur durch Idealismus. Doch statt die so wichtige Livekultur in kleinen Clubs zu fördern, bestellt die Politik lieber teure Events. http://www.spiegel.de/kultur/musik/jazzclub-sterben-a-896546.html
Jatz war/wird niemals populär, warum auch? Wer sich nur mit bestimmten Musikstilen entspannen/anregen kann verarmt geistig und kulturell, kleiner Tip fangen Sie mit chick corea an. Statt diese Läden zu unterstützen wird in irgendeine jämmerliche Austellung mit fragwürdiger Malerei/30 Jahre Obelix oder in Christo-Tücher Geld gebuttert das es nur so batscht.
5. Andere Dinge werden auch subventioniert!
chaps 27.04.2013
Zitat von qvoiceJazz ist heute nicht sehr populär. Wenn es nicht genug Besucher gibt, muss eben geschlossen werden. Warum sollen andere zahlen?
Kultur wird schon seit Anbeginn der BRD subventioniert. Man denke an Theater und dergleichen. Es werden sogar für horrende Summen neue Gebäude gebaut. Da könnte man auch ein bisschen in den Jazz investieren.
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