Jazzclubs Segelboote für Selbstausbeuter

Immerhin: Mit 500.000 Euro will der Bundestag Spielstätten für Jazz unterstützen. Das Vorhaben hilft den Clubs im Lande, die – wie das Hamburger "Birdland" – fast überall von Idealisten betrieben werden.


"Das ist unser Segelboot", sagt Dieter Reichert und weist auf den Kellerraum, der an einem Nachmittag ganz anders wirkt, als an Abenden, wenn die Musik spielt und bis zu 200 Menschen zuhören. Jetzt hockt niemand an den Tischen vor den holzgetäfelten Wänden mit den Bildern von Jazz-Ikonen, keine Drängelei an der Bar, auf der Bühne thront einsam ein Flügel. Im Dämmerlicht schimmert der Marmorfußboden.

Szenenfoto von "Birdland"-Auftritt: Idealisten für den Jazz
Birdland

Szenenfoto von "Birdland"-Auftritt: Idealisten für den Jazz

Reichert ist ausgebildeter Architekt – und Hobbymusiker. In den achtziger Jahren hatte er den Keller seines Mietshauses im Stadtbezirk Eimsbüttel zum Musizierraum ausgebaut: zum Übungsstudio und Treffpunkt für Freunde. Bald entwickelte sich das Gewölbe jedoch zur bekanntesten Jazzadresse in Hamburg; heute kennt man Reichert dort als Betreiber des "Birdland". So wie manch anderer ein Segelboot, hält sich Reichert seinen Club.

Vier Mal in der Woche gibt es Jazz live. Das ist möglich, weil Reichert die Jazz Federation Hamburg gegründet hat, einen Förderverein mit rund 700 Mitgliedern, die monatlich zwischen acht und zwölf Euro Beitrag zahlen und dafür freien Zutritt zu allen Birdland-Veranstaltungen haben. Reichert erledigt zusammen mit seiner Frau Heidi, einer Anwältin, die Verwaltung; ihre Söhne Ralph, 39, und Wolf, 35, kümmern sich um das Programm und organisieren die wöchentlichen Jam Sessions. Alle arbeiten ehrenamtlich.

Ähnlich wie die Reicherts in Hamburg setzen sich vielerorts in Deutschland Idealisten für den Jazz ein. In einem Interview in der "Frankfurter Rundschau" würdigte Monika Griefahn, die SPD-Sprecherin im Bundestag für Kultur und Medien, Anfang Januar das Engagement von Jazzclub-Betreibern, die "Spielstätten oft aufrecht erhalten unter der Bedingung einer beträchtlichen Selbstausbeutung". Für sie hatte Griefahn eine gute Nachricht: Der Bundestag stellt eine halbe Million Euro für den Jazz zur Verfügung; das Geld soll an Spielstätten gehen, damit sie anspruchsvolle Programme gestalten können.

Die Förderung von Spielstätten finden die meisten in der Jazz-Zunft vernünftig. Denn es sind vor allem Clubs wie die "Unterfahrt" in München, der "Jazzkeller" in Frankfurt, das "Quasimodo" in Berlin sowie das "Birdland" und das "Stellwerk" in Hamburg, in denen sowohl international bekannte Musiker als auch lokale Nachwuchstalente auftreten können. Und im Gegensatz zu den zahlreichen Festivals erhalten die Clubs bislang nur sporadisch Unterstützung von kommunalen und regionalen Stellen. Zudem leiden die Spielstätten auch unter der Krise der Plattenindustrie. Denn die Labels müssen sparen und teilfinanzieren seltener als früher Clubauftritte ihrer Stars.

Und der Nachwuchs? Sollte nicht lieber Geld für die Ausbildung von Jazzmusikern bereit gestellt werden, wie zuweilen gefordert wird? Tatsächlich macht die Spielstätten-Förderung mehr Sinn. Denn an qualifizierten Nachwuchs-Jazzern herrscht wahrlich kein Mangel.

"An manchen Abenden sind hier mehr Musiker als Zuhörer", erzählt Birdland-Chef Reichert und meint damit Musiker auf der Bühne und vor der Bühne. Seine beiden Söhne haben auch Jazz zu ihrem Beruf erkoren: Ralph ist Saxofonist und Wolf spielt Schlagzeug. Doch wie fast alle Jazzer können sie von Auftritten allein nicht leben und erteilen Unterricht an ihren Instrumenten.


Jazzclub Birdland, Gärtnerstraße 122, 20253 Hamburg, telefonische Programmauskunft: 040/40 52 77.

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