Jazzfest Berlin: Songs für 300 griechische Wehrmachtsopfer

Von Hans Hielscher

Die Kritiker ätzen über das Berliner Jazzfest: Stars von gestern musizieren für halbtote Rentner. So ein Unsinn! Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Und die Jugend mit HipHoppern für das Genre zu begeistern, klappt eh nicht. Dann lieber mit politischer Musik.

Jazzfest Berlin: Veteranen auf der Bühne Fotos
Jan Kricke

Der Rezensent der "Berliner Zeitung" nannte das Alter von drei im Programm auftretenden Musikern - Archie Shepp, 75, Pierre Favre, 75, Günter "Baby" Sommer, 69. Dann kategorisierte er den Jazz als ein "historisch gewordenes Genre" und lästerte, dass sich der neue Leiter des Berliner Jazzfestes gleich "zu Beginn seiner Amtszeit als Bestattungsunternehmer" betätige. Bäng!

Der Kritiker hätte in seiner Seniorenliste auch noch Rolf Kühn anführen können. Der Klarinettist, der vor über 50 Jahren mit Benny Goodman spielte, ist 83. Aber Kühn lebt mit den musikalischen Entwicklungen der Zeit; in Berlin trat er mit dem Schlagzeuger Christian Lillinger auf. Der ist 28 und kann zu Garagen-Rock so gut trommeln wie zu Swing oder Bebop. Lillingers Haartolle und Outfit passen zur Band, mit der er bekannt wurde: Hyperactive Kid.

Ob es gut oder schlecht läuft im Jazz - Veteranen auf dem Bandstand und Senioren im Saal sind immer wieder ein Thema. So auch nach dem Berliner Jazzfest vom vergangenen Wochenende, das 19 ausverkaufte Veranstaltungen und 6000 Besucher verbuchen konnte: ein Erfolg.

Während zu bejahrten Stars auf der Bühne exzellent ausgebildete Musiker aus Lillingers Generation stoßen, dominieren im Publikum die Älteren. "Es gibt mehr junge Leute, die hervorragenden Jazz spielen, als junge Leute, die Jazzplatten kaufen", sagt Siggi Loch, der Act-Labelchef und Initiator der CD-Serie "Young German Jazz". Und die Jungen kommen auch kaum zu Konzerten.

Frauen-Schicksal und Wehrmachts-Massaker

Bert Noglik kennt das Problem. Doch der frisch gekürte Chef des Berliner Jazzfestes glaubt nicht, dass man Jugendliche für den Jazz ködern könne, "indem man sich bei ihnen anbiedert und HipHop oder 17-Jährige auf die Bühne bringt". Weil die meisten Menschen eh keine Jazzer kennen, sind die Namen der US-Stars Wayne Shorter und Archie Shepp auf den Festival-Plakaten nicht größer gedruckt, als die von deutschen Musikern wie Julia Hülsmann und Nils Wogram. Ohnehin hält Noglik nichts von einer Star-Parade. Der Leipziger Autor und Kurator wagte mehr und regte Projekte an, "in denen sich Geschichte und Politik im Medium des Jazz widerspiegeln".

So geht es bei "Remembering Jutta Hipp" um die Pianistin, die als Mädchen in der Nazi-Zeit in "Feindsendern" verbotenen Jazz hörte und nach dem Krieg zur bedeutendsten Frau in der aufblühenden deutschen Jazzszene aufstieg. 1955 ging Jutta Hipp ins Jazz-Mekka New York; sie erhielt als erste Europäerin einen Platten-Vertrag beim führenden Label Blue Note. Doch weil sie dem Leistungsdruck in Amerika nicht gewachsen war, verschwand die sensible Deutsche nach wenigen Jahren aus dem Jazzgeschäft; bis zu ihrem Tod 2003 lebte Jutta Hipp als Näherin in Brooklyn. Kompositionen der weithin Vergessenen spielte ein Quintett mit dem New Yorker Saxofonisten Joe Lovano und der Berliner Pianistin Julia Hülsmann. Zeitzeuge Rolf Kühn erzählte von Begegnungen mit Jutta Hipp - eine bewegende Jazz-Geschichte.

Im Musik-Film-Projekt "Wanted! Hanns Eisler" sezierte das deutsch-dänisch-französische Saxofon-Gitarre-Drums-Trio "Das Kapital" Stücke des Komponisten, der zu den großen Musikern des 20. Jahrhunderts gehört, den meisten aber nur als Schöpfer der DDR-Nationalhymne bekannt ist. Ein für das Projekt produzierter Film lieferte eine optische Dimension zu den Klangbildern der Band. Das dritte, für das Jazzfest produzierte Werk, "Songs for Kommeno", handelt von einem griechischen Dorf, in dem die deutsche Wehrmacht 1943 über 300 Menschen ermordete. Bei einem Besuch in Kommeno erfuhr der Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer von dem Massaker. Er verarbeitete seine Betroffenheit in einem Requiem mit griechischen Musikern. Die "politischen" Produktionen beeindruckten das Publikum. Den größten Beifall erhielten die "Songs for Kommeno". Die Hommage an das griechische Dorf ist bereits als CD mit einem ausführlichen Booklet zu haben. Freilich monierte eine Besucherin nach dem Konzert: "Sommer hätte doch auch den Opfern der Nazi-Zelle ein Denkmal setzen können." So denken wohl vor allem Jüngere. Aber Sommer (der seinen Spitznamen vom Armstrong-Drummer "Baby" Dodds hat) ist Jahrgang 1943, ein Kriegskind; und ihn bewegt, "was die schreckliche Generation unserer Väter angerichtet hat".

Für die 20- und 30-Jährigen von heute ist das die Generation der Groß- und Urgroßväter; aber das spricht mitnichten gegen Sommers Tragödie aus dem Zweiten Weltkrieg. "Historisches Bewusstsein ist nötig, um die aktuelle Auseinandersetzung mit Neo-Nazis zu führen", sagt Festival-Chef Noglik. Selbstverständlich wäre er auch dabei, wenn jüngere Musiker zeitnähere Themen aufgreifen.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Gaz grosses Kino !!!
heribertschulz 10.11.2012
6000 (Böse Zungen behaupten, die Hälfte kamen in den eigenen Särgen, was natürlich vollkommener Unsinn ist) Köln: Arsch huh: 70000 und wo ist Ihr Bericht ??
2. Der Rezensent der
robert_et_lee 10.11.2012
Völlig uninteressanter Artikel. Archie Shepp wird es egal sein - mir auch!
3. Jazz & Politik
bikenstrings 10.11.2012
Dass Jazz immer wieder mit Politik in Verbindung gebracht wird, mag mit dem nonkonformistischen Lebensgefühl der Kreativen hinterm Sax-Mundstück einhergehen. Das ist ja OK, aber hauptsächlich ist Jazz Musik. Man kann sie analysieren, geniessen und sogar selbst machen. Der Kreative sucht immer nach dem Neuen. Die Basis, die Roots sollten in Ehren gehalten werden, aber das reizende Neue war schon immer das Lebenselixier des Jazz; siehe Miles Davis oder James Blood Ulmer. Für mich steht fest-nur Free Jazz kann erregen! Aber er muß gut sein-was das auch immer heißt. Das ist für mich gut: http://www.michael-zeller-band.de/page17/page18/page18.html
4. Ja gibt's denn noch...
westerwäller 10.11.2012
Zitat von sysopDie Kritiker ätzen über das Berliner Jazzfest: Stars von Gestern musizieren für halbtote Rentner. So ein Unsinn! Die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Und die Jugend mit HipHoppern für das Genre zu begeistern, klappt eh nicht. Dann lieber mit politischer Musik. Jazzfest Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/jazzfest-berlin-a-866271.html)
... Jazz-Anhänger? Ich dachte, der letzte Oberstudienrat mit Baskenmütze und Volvo wäre gestorben...
5.
chaps 10.11.2012
Zitat von bikenstringsDass Jazz immer wieder mit Politik in Verbindung gebracht wird, mag mit dem nonkonformistischen Lebensgefühl der Kreativen hinterm Sax-Mundstück einhergehen. Das ist ja OK, aber hauptsächlich ist Jazz Musik. Man kann sie analysieren, geniessen und sogar selbst machen. Der Kreative sucht immer nach dem Neuen. Die Basis, die Roots sollten in Ehren gehalten werden, aber das reizende Neue war schon immer das Lebenselixier des Jazz; siehe Miles Davis oder James Blood Ulmer. Für mich steht fest-nur Free Jazz kann erregen! Aber er muß gut sein-was das auch immer heißt. Das ist für mich gut: Responding Spirits Part One (http://www.michael-zeller-band.de/page17/page18/page18.html)
Wobei ich nicht nur Free-Jazz gelten lassen würde. Jazz ist generell ein Lebensgefühl, sowohl bei den Musikern wie auch bei den Anhängern.
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