Jazzfest Berlin Die Zeit der Hochbegabten

Das Jazzfest Berlin will vielen gefallen, den Strengen und den Schmusewilligen. Für die Entkrampfung dieses Spagats sorgt nur eines: krasse Klasse. Und die gab es.

Votos - Roland Owsnitzki

Von Tobi Müller, Berlin


Ein Schlaks mit Wuschelfrisur betritt die Bühne der Berliner Festspiele und wippt in Richtung Flügel. Es ist Freitag, 20 Uhr, der deutsche Pianist Michael Wollny erhält den besten Platz im Programm. Wenn Wollny sich verbeugt, sieht es ein bisschen aus wie Yoga. Was er in der nächsten Stunde zeigt, dehnt vor allem das Denken in Korsetten.

Als "bekennender Romantiker" wurde er vorgestellt. Das ist nicht falsch. Aber der sanfte Wollny packte den Flammenwerfer aus bei seinem Berliner Soloauftritt und schoss den Weg frei aus dem Stilknast. Romantik? Ja, auch. Und Expressionismus. Und Blues. Und Bach. Und Thelonious Monk. Und vieles mehr (außer Stille).

Es ist das dritte und letzte Jazzfest, das der britische Journalist Richard Williams geleitet hat. Es dauert noch bis Sonntagabend. Der siebzigjährige Williams hat dem Festival viel Freiheit zugemutet und damit allermeistens gewonnen. Denn das Jazzfest ist auch eine kulturpolitische Bühne, im Hintergrund reden die Länderanstalten der ARD mit und Musikverbände, die Jazzlobby halt.

Weit weg vom alten Westberliner Charme

Williams gelang es, diese Interessen zu berücksichtigen und dennoch ein Programm jenseits von Orthodoxie und Dünkel zu gestalten. Wie so oft in der Kultur weist Wachstum den Weg. Mehr für mehr. Weit weg vom alten Westberliner Charme der Berliner Festspiele, etwa im Kreuzberger Club Lido, zeigte das Festival zeitgenössischen und wieder politisierten Jazz, etwa mit Shabaka and the Ancestors.

Es gibt Abende wie den Donnerstag, zurück im Stammhaus in Wilmersdorf, an denen die verschiedenen Interessen zu stark fremdeln. Der US-amerikanische Drummer und Komponist Tyshawn Sorey ist dieses Jahr Artist in Residence. Williams hat am Ende seiner kurzen Berliner Zeit dieses Format eingeführt, das hoffentlich erhalten bleibt, wenn Nadine Deventer nächstes Jahr übernimmt.

Sorey hat fast jeden Tag einen Auftritt, mit wechselnden Musikern. Am Donnerstag eröffnete er das Hauptprogramm im Haus der Berliner Festspiele mit seinem Trio, das seit zehn Jahren zusammenspielt. Danach folgte die NDR-Bigband unter der Leitung des Norwegers Geir Lysne. Erst avanciertester Jazz, dann Schmusesound, der unter dem Titel "Abstracts from Norway" das konkrete Klischee der gehobenen Harmlosigkeit verstärkte. Eine Enttäuschung, auch als Programmation, die diesen Spagat an einem Abend vollführen wollte oder musste.

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Jazzfest Berlin: Ein kluger Spagat

Ganz anders Tyshawn Sorey selbst. Sein Trio gleitet auf dem aktuellen Album "Verisimilitude" von impressionistischen Kompositionen in freie Improvisation. Die Nähte dazwischen: übergangslos. Das Album ist toll, der Auftritt toller. Sorey setzt selbst in ruhigen Gewässern kräftige Akzente, ohne dass man denkt, der Bandleader mache eine Arschbombe nach der andern. Cory Smythe am Piano gibt viel Richtung vor, bei größtmöglicher Zurückhaltung, dieser Skipper schreit auch bei Sturm nicht. Und Chris Tordini findet in diesen Extremen dennoch eine Welle für sich. Wo die Musik frei wird, bleibt sie stets fein, das unterscheidet sie von ihren Vorläufern aus den Siebzigern.

Tags darauf sitzt Sorey wieder auf der Bühne, diesmal mit der deutschen Saxophonistin Angelika Niescier, die am Freitagnachmittag den Albert-Mangelsdorff-Preis erhielt. Als Niescier mit Sorey und seinem Bassisten Tordini drei befeuerte Stücke spielte, blieben keine Fragen offen. Das ist Free Jazz, wenn die Sonne am höchsten steht und man sich auf der staubigen Straße begegnet: Es werden ein paar komplizierte Grußworte getauscht - das sind die Themen der Stücke -, dann folgt ein musikalischer Schusswechsel zwischen Sportschützen. Macht Laune. Vielleicht sind wir wirklich einen Schritt weiter, wenn man sagen kann: Angelika Niescier machte die männlichste Musik des Festivals.

Eine doppelte Öffnung gelingt Williams, dem künstlerischen Leiter des Jazzfestes, mit politisch grundiertem Jazz, der gleichzeitig zum Wohlklang will. Die in London beheimatete Brasilianerin Mônica Vaconcelos stellte ihr Album "The Sao Paulo Tapes" vor, das Lieder von Komponisten versammelt, die Opfer der Militärdiktatur in Brasilien wurden. Schön, sehr gefällig, da konnte auch Ingrid Laubrock am Tenorsax nicht viel mehr als Ornamente des Wilden beisteuern.

Wie eine personalisierte Playlist auf Spotify

Die Band des musikalisch etwas konservativen, aber immer spannenden Trompeters Ambrose Akinmusire erinnerte an den Blues von afroamerikanischen Gefängnisinsassen der Dreißigerjahre. Gesangssamples wehen geisterhaft herüber, und der Vokalist Dean Bowman begleitet sie mit einer Art Blues Holler, den man so vorgetragen auch parodistisch begreifen kann, was wiederum ein Spiegel des weißen Publikums sein könnte. Schwierig, aber interessant! Doch langweilig nach einer halben Stunde.

Alle Fragen nach Schmusen, nach Politik oder Freiheit und was sonst noch jeder und jede so für Vorlieben hat, rücken in den Hintergrund, wenn die Besten auf der Bühne sind. Wie Tyshawn Sorey. Oder Michael Wollny. Zwei völlig unterschiedliche Musiker. Aber beide laufen auf Betriebssystemen und Geschwindigkeiten, die sich nicht von Geschmack aufhalten lassen. Wollny spielt am Freitag wie eine personalisierte Playlist auf Spotify, in zirka zehnfachem Tempo.

Dabei begann es fast beschaulich. Er setzte sich gar nicht erst. Mit der rechten Hand holte er eine tempofreie Bassfigur, mit der linken langte er in die Seiten. Haut sie, streichelt sie. Es war der Vorhang, der uns in eine andere Welt lockte, in der nichts Gesetz ist und jede Überraschung gleich schlüssig wirkt, selbst die Popeffekte, die er natürlich auch drauf hat. Nach einer Stunde spuckte Wollny das Publikum wieder aus, mit einem kleinen elegischen Stücklein eines unbekanten finnischen Komponisten.

Wollny ist ein Star des deutschen Jazz und man begreift sofort warum nach so einem Auftritt. Dass seine Musik und die von Tyshawn Sorey gleichermaßen mitreißen können an einem einzigen Festival, spricht dafür, dass es so etwas wie einen klugen Spagat gibt. Richard Williams hatte ihn - fast immer - drauf. Thank you, Sir.


Das Jazzfest Berlin findet vom 31.10.2017 bis zum 05.11.2017 statt, mehr Informationen zum Programm auf berlinerfestspiele.de



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
monoman 04.11.2017
1. Just for the records:
Meines Wissens nach schreibt sich der Bigbandleader richtig Geir Lysne. Liegt vermutlich an den norwegischen Schriftzeichen ;-) - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Redaktion Forum
lynx2 04.11.2017
2. Wieso, welche 'norwegischen Schriftzeichen'?
Zitat von monomanMeines Wissens nach schreibt sich der Bigbandleader richtig Geir Lysne. Liegt vermutlich an den norwegischen Schriftzeichen ;-) - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Redaktion Forum
Ich kennen nur das 'ö' mit Strich durch, das auch die Dänen haben und das 'a' mit Kringel drauf und das 'ae'. Wieso sollen die im Namen Geir Lysne vorgekommen sein?
moontrane 04.11.2017
3. Tobi Müller!
Danke, Herr Müller, toller Artikel! Sehr anschaulich, Free Jazz als Duell, Angelika Niescier als männlichste Musikerin. Ihr Album "NYC Five" ist für mich eine der besten Aufnahmen des vergangenen Jahres.
cipo 05.11.2017
4.
Zitat von lynx2Ich kennen nur das 'ö' mit Strich durch, das auch die Dänen haben und das 'a' mit Kringel drauf und das 'ae'. Wieso sollen die im Namen Geir Lysne vorgekommen sein?
Er heißt mit vollem Namen Geir Øystein Lysne. ;)
sekundo 14.11.2017
5. Ein fachlich
Zitat von cipoEr heißt mit vollem Namen Geir Øystein Lysne. ;)
fundiertes, ausführliches und schneidig formuliertes Fazit des Jazzfestes Berlin. Nur die alles und alle bewegende Frage, ob Herr Ostein nun mit Ö der mit O geschrieben wird, muss leider unbeantwortet bleiben, wird aber die Jazz-Kommissare weiter beschäftigen.
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