Jazzfest Berlin Trümmer, aus denen Neues entsteht

Das Jazzfest Berlin hat unter der neuen Leitung von Nadin Deventer neue afroamerikanische Akzente gesetzt, die in die Zukunft weisen - jedoch nicht jedem Jazzfan schmeckt das.

Votos/ Roland Owsnitzki

Von Tobi Müller


Am Ende des Jazzfests Berlin wirkte die Bühne wie ein leuchtendes Grab. Der US-Pianist Jason Moran hatte mit jungen britischen Musikern ein musikalisches Denkmal gesetzt, im Gedenken an James Reese Europe und dessen Ragtime-Band Harlem Hellfighters. Wie zum Gebet reichten sich die Musiker nach ihrer Vorstellung feierlich die Hände im Kreis. 100 Jahre ist es nun her, dass der amerikanische Bandleader an der französischen Mittelmeerküste gelandet ist.

Die Harlem Hellfighters, das waren schwarze Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in französischen Regimentern kämpften, weil die USA ihre Truppe weiß halten wollten. Sie brachten eine frühe Form des Jazz nach Europa. Dieser soll explosiv geklungen haben - wie Bomben oder Salven, Musik aus dem Schützengraben. Und gleichzeitig klang die Musik wie ein Gruß aus der Heimat, die körperlich versehrte und sozial ausgegrenzte Soldaten trösten konnte.

"James Reese Europe and the Absence of Ruin" heißt die audiovisuelle Performance von Jason Moran, in der es auch um den Mangel an Gedenkstätten für schwarze Kulturleistungen geht. Dazu hat der Kunstfilmer John Akomfrah schwarz-weiße Bilder gemacht. Städtische Brachen und Bäume leuchten in einem überbelichteten Weiß, als wären es Baumwollfelder des Südens, Schauplatz der Plantagen und der Sklaverei.

Das Jazzfest hat sich deutlich verjüngt

Der Auftritt der neuen Hellfighters um Moran steht für den afroamerikanischen Schwerpunkt des Jazzfests Berlin unter der neuen Leitung von Nadin Deventer, für die Repolitisierung dieser Musik, für ihre wiederentdeckte spirituelle Seite. Auf der Flanke war das Jazzfest immer aufgestellt, aber schon lange nicht mehr so gut wie dieses Jahr.

Noch nie gesehen in diesem Ausmaß beim Jazzfest: junge Musikschaffende, jüngere Hörerinnen und Hörer. Als der Chicagoer Drummer Makaya McCraven gegen 2 Uhr am frühen Sonntagmorgen für sein zweites Set im Klub Prince Charles Berliner Musiker auf die Bühne bittet, wird es erst richtig toll. Afroamerikanischer Groove und freier Geist, gepaart mit schroffen Berliner Kanten.

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Jazzfest Berlin: Die Sprache der Jungen

Neuer Wind war schon bei der Eröffnung des 55. Jazzfests spürbar, als der Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung aus Kamerun die erfrischenden Gedanken des Theoretikers Amiri Baraka zitierte: Weiße Kritiker, so Baraka 1960, verstünden die soziale Dimension des Jazz nicht und reduzieren ihn deshalb auf seine Virtuosität. Und bei John Coltrane habe Baraka gehört, dass Improvisation der Versuch sei, eine neue Sprache zu lernen. Diese Beobachtungen leiteten gut durch das Festival: Jazz kann auch als Musik als utopische Kunst verstanden werden, oder als Sprache nach dem Rassismus. Doch für manche im Saal waren solche Überlegungen bereits eine Provokation. "Spielt endlich Musik, Jazz ist Musik", "Aufhören!"

Keine lose Abfolge heiliger Konzerte

Doch das Programm von Nadin Deventer ließ keinen Grabenkampf der Generationen zu, dafür war es zu vielfältig. Trotzdem schaffte es Deventer am Eröffnungsabend, das ganze Haus so zu bespielen, dass das Jazzfest wie ein Festival aussah und nicht wie eine Abfolge latent heiliger Konzerte, wie es in den früheren Jahren oft war.

Vom punkjazzigen Trio des französischen Gitarristen Julien Desprez auf der Seitenbühne kamen viele Zuschauer mit Pipi in den Augen zurück. Desprez reitet die Stratocaster wie Hendrix, reißt dabei aber jede Hürde nieder. Komplex, direkt, hypervital. Und in der Kassenhalle zeigte das ebenfalls junge Schweizer Trio Heinz Herbert, dass diese Generation sich nicht darum schert, ob hypnotischer Groove, psychedelisches Gewummer oder Krach ansteht. Keiner der Musiker heißt Heinz Herbert, das ist ein Hipstername. Als Kontrapunkt spielte gleichzeitig im Foyer die junge Ausnahmegitarristin und Mary Halvorson mit dem Trio Thumbscrew.

Wie sich Jazz als Sprache anhört, die stets neu gelernt werden will, wenn sie nicht in kunstbesoffener Routine sterben will, zeigten die Projekte aus Chicago immer wieder. Etwa, wenn die Flötistin Nicole Mitchell mit ihrem Black Earth Ensemble auf der großen Bühne steht und dabei eine verstörend schöne, dabei völlig offene Improvisation hinlegt, inklusive eines gospelartigen Finals des Sängers Avery R. Young.

Den schönsten Auftritt lieferte die Trompeterin Jamie Branch ab. Etwas zerknautscht betrat sie im Trainingsanzug die Bühne, mit fahrigen Bewegungen, als fühlte sie sich herausgefordert, als könnte die Situation jederzeit eskalieren. Sie spielte kurze Phrasen, dann trank sie, vermutlich nicht nur Tee, und spielte wieder. Sie machte einfach, was sie wollte. Nach einer halben Stunde hatte sie alle beieinander, die Band funktionierte. Dann zerstörte die Leaderin in der Zugabe alles.

Das sind die Trümmer, aus denen Neues entsteht. Jazz als Ritual, das von Gewalt erzählt - in friedlicher Absicht.



insgesamt 6 Beiträge
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1848 04.11.2018
1. Dampf nix dahinter
Der höchste Standard ist im Jazz : MUSIKALITÄT ein Percussionist an der Gitarre mag Leuten gefallen , die auch Heavy Metall für Jazz halten, Julien Desprez hip und jung zu sein hat für die heranwachsenden Charme...... Nachhaltig MUSIKALISCH NIX als LUFTPUMPEN-Musik .... Musikalität , die das tiefe Innere berührt , ist immer eine Symbiose aus technischer Virtuosität gegossen in Melodien , die die Seele berühren...egal ob du 16 oder 86 bist...das ist Jazz ..
RalfBukowski 04.11.2018
2. @1848
Für mich ist Jazz jedenfalls nicht irgendein Herumgetute und Getrommel (->Free Jazz). Ich mag Barnie Kessel, Herb Ellis, Gerry Mulligan, Modern Jazz Quartett, Stan Getz, Chet Baker, Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und klar: Miles, bis auf die schrägen Sachen. Ich mag was von Pastorius - nicht alles - und Hancock - nicht alles. Ich glaube, auf dem Festival wäre ich nicht glücklich geworden.
brux 04.11.2018
3. Aua
Das Jazzfest hat sicherlich die afroamerikanische Dimension nicht neu entdeckt. Ich kann mich deutlich an diesen Schwerpunkt in den 80er Jahren erinnern. Ist der Autor einer der Millenials, die glauben, die Welt hätte vor ihnen nicht existiert? Und aus der Geschichte des Jazz wissen wir, dass die afroamerikanische Bevölkerung Jazz kaum goutiert. Das Publikum ist und bleibt weisse Mittelschicht. Miles Davis soll darunter bekanntlich sehr gelitten und deshalb oft mit dem Rücken zum Publikum gespielt haben. Kann man wissen.
P-Schrauber 04.11.2018
4. Mag lieber Blues,
das ist auch schwarze Musik im eigentlichen Sinne sogar schwarze US Folklore, es gibt auch sehr guten modernen Blues: Michael Burks und Janiva Magness seehr gut, meine Empfehlung, aber auch und vor allem Joe Bonamassa: https://www.youtube.com/watch?time_continue=102&v=L32pu4FTlfo Was da auf dem Festival in Berlin so gespielt wurde ist künstlerisch schwierig anzuhören, zu viel viel free flow wenig wirklich musiklaischer Inhalt, Musik muss ins Ohr gehen (meiner Meinung nach, siehe im Youtube Link) was da in Berlin gespielt wurde nicht war auch von der Performance unterdurchnittlich.
dresdeners 04.11.2018
5. @RalfBukowski
Ist Ihnen klar, dass alle Musiker, die Sie da zitieren, tot sind? Bis auf Herbie Hancock, aber der ist auch schon fast 80. Das hat ja nichts mit einem Festival zu tun, Sie sprechen von einer Plattensammlung. Ein Musikfestival ist meiner Auffassung nach dafür da, aktuelle Strömungen zu zeigen, gesellschaftliche Entwicklungen zu spiegeln, und im Idealfall auch eine Zukunft zu eröffnen. Ich finde die Neuausrichtung des Jazzfestes daher grundsätzlich richtig und wichtig. Kunst und Musik verändern sich eben im Laufe der Zeit, davon ist auch der Jazz nicht gefeit, zum Glück!
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