Jazzfestivals Summertime and the livin' is easy

Jazz gibt es nicht nur in dunklen und verrauchten Clubs. Immer mehr Menschen zieht es in Freie, zu Jazzfestivals. Ein Blick auf die bedeutendsten des Monats.

Ralf Dombrowski

"Ab Mai habe ich mich Jahr für Jahr von Festival zu Festival gehangelt", erzählt Tini Thomsen. "Mal gab es gute Gagen, mal lagen sie an der untersten Grenze." Doch Festival-Auftritte seien nicht nur nach dem aktuellen Verdienst zu bewerten; zählen würden auch die Kontakte, aus denen sich neue Engagement ergeben. Jetzt freut sich Thomsen auf Jazz Baltica in Niendorf/Timmendorfer Strand in knapp drei Wochen.

Die 34jährige Saxofonistin und Komponistin hat ihr Metier studiert und Preise gewonnen. Sie ist über Deutschland hinaus in der niederländischen und britischen Szene vernetzt. Aber ihren Lebensunterhalt könnte sie - wie alle Jazz-Profis - ohne die Festivals nie einspielen.

Gottlob gibt es von denen eine Menge. 249 "ein- oder mehrtägige Festivals mit Jazz im Mittelpunkt" verzeichnet der "Wegweiser Jazz" des Jazzinstituts Darmstadt in Deutschland für 2015. Die Aufstellung umfaßt Megaevents wie das Internationale Dixieland Festival Dresden und die Düsseldorfer Jazzrally mit 500.000 beziehungsweise 250.000 Besuchern und Veranstaltungen mit kaum mehr als hundert Leuten. Mit 43 Jazzfesten hält der Juni den Monatsrekord. Die Festivals, so die Darmstädter Dokumentation, "geben Musikern oftmals die einzige Möglichkeit, eigene finanziell aufwendige Projekte zu realisieren". Ein aktuelles Beispiel: Tini Thomsen arrangiert für das Kinderkonzert bei Jazz Baltica Prokofieffs "Peter und der Wolf" für eine Jazz-Combo. Den Text wird Hella von Sinnen vortragen.

Zu Sommerfestivals gehört eine reizvolle Kulisse

Die Komikerin hat Jazz-Baltica-Chef Nils Landgren neben Top-Jazzern wie Joachim Kühn, Omar Sosa und der NDR Bigband engagiert. Der schwedische Posaunist und Musikmanager leitet das Festival seit seinem Umzug 2011 vom feudalen Landsitz Salzau auf das Gelände der Niendorfer Evers-Werft. Wenn das Wetter mitspielt, könnten über 13.000 Besucher kommen. Zeitgleich mit dem Jazzfest an der Ostsee heißt es am Rhein "Bingen Swingt". Zu den Zugnummern des Festivals mit etlichen Spielstätten in der malerischen Stadt zählt der brasilianische Sänger/Keyboarder Ed Motta. Den deutschen Jazz repräsentiert unter anderen die Münchner Saxofonistin Stephanie Lottermoser - eine von immer mehr Frauen, die an die Spitze streben.

Beim Festival in Peitz im Spreewald, wo Musiker wie "Baby" Sommer und Ernst-Ludwig Petrowsky vor dem Fall der Mauer einen eigenständigen DDR-Jazz prägten, bilden in diesem Jahr Duos den Programmschwerpunkt. So musizieren der Saxofonist Emile Parisien und der Akkordion-Virtuose Vincent Peirani und der Organist Fred van Howe und der Schlagzeuger Paul Lovens. Die beiden Gitarristen Uwe Kropinski und Joe Sachse spielen nach einer Lesung aus dem Buch des Festival-Machers Ulli Blobel "Sketches of Spain - über Künstler und Anderes aus El Andaluz".

Jazzkonzert mit Weinprobe - wohl bekomm's!

Werftgelände, Kleinstadt am Rhein, Spreewald-Landschaft - zu den Sommer-Jazz-Festen gehört eine reizvolle Kulisse. Dafür steht besonders das Palatia Jazz Festival in Rheinland-Pfalz. Vom 25. Juni bis Ende Juli bietet es Konzerte in Burgen, Schlössern, Weingütern, Parks und Kirchen entlang der deutschen Weinstraße. Ein Höhepunkt wird der Auftritt des US-Trompeter Christian Scott in der Klosterruine Limburg in Bad Dürkheim. Dort wird - wie an jedem der Festvialspielorte - eine besondere Weinkarte angeboten. So stellen sich neben den Musikern aus aller Welt auch die lokalen Winzer vor. Wohl bekomm's!

Abgesehen von den kulinarischen und landschaftlichen Reizen erklärt die Jazzmusikerin Thomsen den Erfolg der Festivals so: Während die Leute in Clubs und Konzertsälen die Musik mehr oder weniger konzertriert hinnehmen müssen, können sie auf Festivals von Bühne zu Bühne wechseln, etwas trinken, essen, quasseln und mittels ihrer Handys kommunizieren. Für die Musiker wäre das nicht ideal, aber so sei nun mal die Mehrzahl der Menschen heute konditioniert. Und der Jazz muss mit der Zeit gehen.

Sommer-Jazz-Festivals in Deutschland
Jazz-Werkstatt Peitz
10. - 12. 6.
Peitz im Spreewald
www.jazzwerkstatt.eu
Jazz Baltica
24. - 26. 6.
Niendorf/ Timmendorfer Strand
www.jazzbaltica.de
Jazzfest Bingen swingt
24. - 26. 6.
Bingen am Rhein
www.bingen.de
Palatia Jazz Festival
25.6. - 30.7.
Rheinland-Pfalz
www.palatiajazz.de
Eldenaer Jazz Evenings
1./2.7.
Greifswald Eldena
www.eldenaer-jazz-evenings.de
Jazzopen Hamburg
Jazzopen Stuttgart
8. - 17.7.
Stuttgart
www.jazzopen.com
Zeltvital Tollhaus Karlsruhe
8.7. - 7.8.
Karlsruhe
www.tollhaus.de
Jazzfestival Unterföhring
14. - 17.7.
Unterföhring
www.buergerhaus-unterfoehring.de
Jazz & Joy Worms
19. - 21.8.
Worms
www.kvg-worms.de
Sommerton-Festival
26./27.8.
Schloss Diersfordt bei Wesel/ NRW
www.sommerton.de


insgesamt 2 Beiträge
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spon-facebook-1137711456 05.06.2016
1. Jazzfestival Esslingen nicht zu vergessen
Während viele Festivals zwar noch Jazzfestival heissen, der Programmschwerpunkt bzw. die Programmhighlights aber nicht mehr auf Jazz liegen, macht Esslingen a.N. etwas anderes: John Scofield, Anishai Cohen, Chris Potter, Jakob Collier, Jochen Rückert klingt nach hochkarätigem Jazzprogramm! www.jazzfestival-esslingen.de
steppenrocker 06.06.2016
2. Fragen über Fragen
Fangen wir mit einem Fehler an: Das in der Übersicht erwähnte Festival in Karlsruhe heißt nicht "Zeltvital" sondern "Zeltival" und hat mit Jazz fast nichts zu tun, es spielen in dem vier Wochen dauernden (und sehr guten ) Festival gerade mal Gregory Potter und John McLaughlin und ein zwei oder drei Acts aus dem Grenzbereich des Jazz. Ansonsten gibt es meist Rock, Pop und Weltmusik. Das Eldenaer Jazz Festival umfasst gerade mal sechs Acts, das Jazzfestival Unterföhring sogar nurl drei. Warum die hier erwähnt werden, erschließt sich mir nicht. Stattdessen wird das exzellente A'Larme! Festival im Berliner Radialsystem unterschlagen, vier Tage (27. - 30.7.) mit hervorragenden Leuten wie Peter Brötzmann, Mats Gustafsson, Joe Mc Phee, John Butcher etc. Zudem ist das in Mulhouse stattfindende alljährliche Jazz Métèo absolut empfehlenswert, Mulhouse ist nur 10 km hinter der deutsch - frz. Grenze. Den Wein gibt's nach den morgendlichen Konzerten in der Chapelle Saint-Jean zudem umsonst. Wie so oft leider kein guter Artikel in der Tageskarte Jazz.
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