Jazzinstitut Darmstadt Und Freitagabend wird gejammt

Die Wiege des Jazz sind die USA, die Heimat aber ist Darmstadt: Denn hier, im Jazzinstitut, gibt es 55.000 LPs, 20.000 CDs, Videos, DVDs und Zeitschriften. Doch das größte bibliografische Jazz-Archiv Europas leidet an Platzproblemen.


Momentan ist es in dem Barockbau aus dem frühen 18. Jahrhundert äußerst ungemütlich. Auf den drei Etagen des Kavaliershauses im Darmstädter Stadtteil Bessungen brechen Handwerker Mauern auf; Spezialisten verlegen Kabel und bringen das digitale System auf den neuesten Stand. Der Jazz-Index des Instituts - geordnet nach Musikernamen und Schlagworten - ist die weltweit umfangreichste Computer-Bibliografie zu Jazz. Draußen laden Arbeiter Kisten in Lkw zur Fahrt ins zehn Kilometer entfernte Griesheim; dort errichten die Darmstädter Jazzforscher ein Außenlager.

Denn Europas größte öffentliche Jazzsammlung leidet an akuten Platzproblemen. Zu über 55.000 katalogisierten LPs, 20.000 CDs, Tausenden Schellackplatten, Videos, DVDs, Büchern und Zeitschriften kommt wöchentlich neues Material. Jazzexperten und Fans schicken Sammlungen und Nachlässe, die nach ihrer Meinung für die Nachwelt erhalten werden müssen. So trafen im vergangenen Jahr die "Jazz-Nachrichten 1982 - 87" der AG Magdeburg in Darmstadt ein sowie die Sammlung des verstorbenen Jazzjournalisten Werner Wunderlich: 300 Umzugskartons mit Büchern, Tonträgern und Sende-Manuskripten. Wohin nur mit den Materialmassen?

Ist Jazz Amerikas wichtigster Beitrag zur Weltkultur?

Das Archiv des Jazzinstituts gibt es nicht nur physisch, sondern auch digital - und es ist auch online als "Wegweiser Jazz" zugänglich. Die kompetenten Betreiber zählen Musiker, Journalisten, Wissenschaftler und wissenshungrige Fans zu ihren Kunden - und können sich über internationales Lob freuen. "Eine Zehn-Minuten-Konversation" mit dem Darmstädter Institutsdirektor Wolfram Knauer, schreibt der Princeton-Professor Damon J. Phillips in seinem 2013 erschienenen Buch "Shaping Jazz - Cities, Labels and the Global Emergence of an Art Form", habe ihm "mindestens neun Monate Forschungsarbeit erspart".

Heute beschäftigen sich auch die Amerikaner wissenschaftlich mit der Musik, die in ihrem Land entstanden ist. Doch schon Jahrzehnte vor ihnen hatten Europäer den Jazz als Kunstform erkannt. 1919 schrieb der Schweizer Dirigent Ernest Ansermet die erste Würdigung des Jazz. Die erste Jazz-Zeitschrift und die ersten Discografien gaben Franzosen heraus. Die deutschen Emigranten Alfred Lion und Francis Wolff gründeten 1939 in New York "Blue Note", das wichtigste Label der Jazzgeschichte. Amerika betrachtete diese Musik damals als triviale Unterhaltung. Noch 1976, auf der Washingtoner Konferenz zum 200-jährigen Bestehen der USA, bestritten US-Wissenschaftler vehement die von Europäern und Asiaten unterstützte These des Deutschen Joachim-Ernst Berendt: Jazz sei "Amerikas wichtigster Beitrag zur Weltkultur".

"Wissenschaftsstadt" mit Herz für Jazz

Der im Jahr 2000 verstorbene Berendt ist Autor des "Jazzbuchs", das 1953 erschien und seitdem mehrfach aktualisiert und neu verlegt wurde. Mit weit über 1,5 Millionen verkauften Exemplaren gilt es als das erfolgreichste Buch, das je über Jazz geschrieben worden ist. Berendts Sammlung bildet den Grundstock des Jazzinstituts. Aber das Institut beschäftigt sich nicht nur mit Historischem: Auf der Webseite gibt es "JazzNews" aus aller Welt und aktuelle Buchrezensionen.

Als ein "Kulturinstitut der Wissenschaftsstadt Darmstadt" wird es von der Kommune finanziert. Die Stadt, die offenbar ein Herz für Jazz hat, zahlt die Gehälter für drei Festangestellte und trägt die laufenden Kosten für das Gebäude. Für die Forschungs- und Archivarbeit gibt es zudem jährlich 40.000 Euro, beziehungsweise 65.000 Euro in Jahren, in denen das Institut sein in der Fachwelt beachtetes internationales Darmstädter Jazzforum veranstaltet.

Während die Woche über im historischen Kavaliershaus getagt, geforscht und geredet wird, gibt es freitagabends Musik. Im malerischen Gewölbekeller musizieren dann Jazzer aus der Umgebung oder international bekannte Gäste. Im vergangenen Jahr waren darunter der Trompeter Ack van Rooyen aus den Niederlanden, der finnische Gitarrist Kalle Kalima und der Bassist Barry Guy aus Großbritannien. Am Freitag vereint der Bassist Jürgen Wuchner unter dem Namen "Jugendstil" fünf Jazz-Musiker, die in vier verschiedenen Jahrzehnten geboren wurden: Schlagzeuger Janusz Stefanski, der Tenorsaxofonist Chris Zimmer, Trompeter Valentin Garvie und der Tubaspieler und Pianist Ole Heiland.


Joachim-Ernst Behrendt/Günther Huesmann: Jazzbuch - Von New Orleans bis ins 21. Jahrhundert. Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main; 944 Seiten; 12,95 Euro.



insgesamt 11 Beiträge
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ManRai 19.01.2014
1. Amerikas wichtigster Beitrag zur Weltkultur
Nein, der einzige gute Beitrag der aus den US kommt, oder sonst was (McDonald???, Disney???, Hollywood???, Starbucks???)
steppenrocker 19.01.2014
2. Guter Artikel
Ich bin ansonsten gerne am Meckern, was die Inhalte zum Thema Jazz angeht, aber das ist ein wichtiger Beitrag, Herr Hielscher. Solche Institutionen verdienen Beachtung, auch damit sie nicht von Kürzungen der für sie notwendigen Fördergelder betroffen sind. Gerne mehr davon.
lutschbommler 19.01.2014
3. Am Freitag
spielt leider nicht Wuchner & Co. Es ist ein Band um den britischen Trompeter Mark Charig eingeladen. Auch fein. Schöner Artikel!
Zimtstern 19.01.2014
4. Deutschland schafft sich ab
Richtig: für die einen Hansi Hinterseer, für die anderen Modern Talking. Streichen wir doch alle Kultursubventionen, investieren das Geld in WM-Public-Viewing. Sind wir noch ein bisschen Stolz auf Bach und Beethoven, dankbar das wenigstens die alten Feudalsysteme Kultur möglich gemacht. Und dann lächelen wir noch über die unkultivierten Amis und gucken DSDS an. Prost...
Dr.Esel 19.01.2014
5. Jazz!
"It don't mean a thing, if it ain't got that swing!" Sehr schöner Artikel! Hier ein Highlight des aktuellen Jazz: http://www.youtube.com/watch?v=PNwfUanmihY
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