Jazzlabel ACT Heißer Shit, in der Tat!

Nils Landgren und E.S.T. verhalfen dem europäischen Jazz und dem Label ACT zu internationaler Anerkennung. Nun bringen der KulturSPIEGEL und die Plattenfirma 20 der besten Alben heraus, die ACT in seiner 20-jährigen Geschichte produzierte.

Archiv Siggi Loch

"Europe invades", titelte das US-Magazin "Down Beat" im Mai 2008 und zeigte zum ersten Mal in seiner 72-jährigen Geschichte eine europäische Jazz-Band auf seiner Cover-Seite: das Esbjörn Svensson Trio (E.S.T.). Die schwedische Formation wurde den Amerikanern als Vorreiter einer "verwegenen" Garde vorgestellt, die "den Durchbruch von der anderen Seite des großen Teichs anführt". In Yankee-Ohren klang das so alarmierend wie der Ruf "die Russen kommen": Bands wie E.S.T. bedrohten Amerikas Vormachtstellung im Jazz, dem wichtigsten eigenständigen Beitrag der USA zur Weltkultur. Svenssons Trio stand für eine Generation europäischer Musiker, die sich von ihren US-Vorbildern abgenabelt hat und das tat, was Miles Davis einmal einem Trompeter aus Südafrika geraten hatte: "Play your own shit."

Die eigene Musik von Esbjörn Svensson war Piano-Bass-Schlagzeug-Jazz; doch zusätzlich zu ihren akustischen Instrumenten nutzten die drei Schweden Synthesizer, Wah-Wah-Pedale und Overdub-Grooves der Rock- und Popmusik. E.S.T. faszinierte deshalb auch Jugendliche, die sich zur House-, Techno- und Jungle-Szene zählten. Die sensationelle Band erschien auf einem deutschen Label; sie war das Flaggschiff von ACT, der unabhängigen Plattenfirma aus München, die sich auf Jazz aus Europa spezialisiert hatte. Als Svensson am 14. Juni 2008 bei einem Tauchunfall ums Leben kam, schienen die Tage des Aufsteiger-Labels gezählt. Doch ACT verkraftete den Schlag und kann jetzt sein 20-jähriges Bestehen feiern. Für den KulturSPIEGEL war das Anlass, jetzt 20 aus den fast 350 CD-Veröffentlichungen auszuwählen und als Edition "ACT20" herauszubringen. Es ist Musik, die ihren Impuls nicht nur aus der Jazztradition bezieht, sondern auch aus europäischer Folklore, Klassik und anderen Kulturen.

Der Entdecker von Schlagerstars fördert Jazz

Ein Beispiel für dieses Konzept ist "Jazzpana", die Begegnung spanischer Flamenco-Musiker mit der WDR Big Band unter der Leitung des amerikanischen Arrangeurs und Komponisten Vince Mendoza. Mit dieser Flamenco-Meets-Jazz-Einspielung erschien ACT (die drei Buchstaben stehen für den englischen Begriff "Akt", "Tat", "Darbietung") 1992 auf dem Markt. Label-Gründer Siegfried Loch, damals 52, verfügte gegenüber vielen Konkurrenten über einen wichtigen Vorteil. Er hatte es im Musikgeschäft vom Schallplattenvertreter bis zum Europa-Chef des US-Konzerns Warner gebracht - und zu ansehnlichem Wohlstand. Während er früher Umsätze machen musste und dabei Katja Ebstein, Marius Müller-Westenhagen und die durch den Superhit "La Paloma Blanca" weltberühmte Popband George Baker Selection herausbrachte, konnte er sich nun ohne kommerziellem Druck seiner Leidenschaft widmen - dem Jazz.

"Mehr als die Amerikaner interessierte mich von Anfang an die europäische Szene", sagt Loch. Der "Plattenboss aus Leidenschaft" (so der Titel seiner Autobiografie) reiste nach Skandinavien, wo Jazzmusiker früher als anderswo in Europa ihren eigenen Stil gefunden hatten. Mit Nils Landgren lernte Loch einen Spitzenmusiker mit grandioser Begabung für Organisationsfragen, PR und Showmanship kennen. "Mr. Redhorn", wie der Schwede wegen seiner roten Posaune genannt wird, vermittelte unter vielen anderen die Sängerinnen Viktoria Tolstoy und Cæcilie Norby zu ACT. Später sollte er jahrelang das JazzFest Berlin leiten; in diesem Sommer organisiert der Schwede im Ostseebad Niendorf das Festival JazzBaltica. In der ACT-Jubiläums-Edition ist Tausendsassa Landgren deshalb auf drei CDs vertreten: Im Duo mit dem Pianisten Esbjörn Svensson variierte er schwermütige skandinavische Volkslieder; mit seiner rockenden Funk Unit verpasste er Abba-Hits ein neues Gewand; im Album "Sentimental Journey" untermalen Streicher Landgrens Improvisationen als Posaunist und Sänger.

Junger Jazz für Pop- und Techno-Fans

"Mindestens die Hälfte des Erfolges ist abhängig von der Persönlichkeit des Künstlers", sagt Loch. Der ACT-Chef findet, dass es auch unter der vortrefflich ausgebildeten Generation deutscher Musiker, die mit Pop und Techno aufgewachsen ist, herausragende Persönlichkeiten gibt. Um sie zu fördern, startete ACT die Serie "Young German Jazz". Aus der ging Michael Wollny hervor. Der aus Franken stammende Pianist kennt die elektronische Szene, die zeitgenössische Klassik und Weltmusik und verarbeitet diese Einflüsse mit seinem Trio [e.m.] zu mitreißendem Jazz. In der Edition von ACT und KulturSPIEGEL erscheint Wollnys 2010 aufgenommene CD "Live at JazzBaltica"; der britische Jazz-Autor Stuart Nicholson, hält sie für "das beste Jazzalbum der letzten 25 Jahre".

Nach dem tragischen Tod seines wichtigsten ACT-Künstlers und Freundes Esbjörn Svensson, erinnert sich Loch, habe er eine Zeitlang erwogen, sich zurückzuziehen. Doch dann entschied er sich anders: "Ein entscheidender Grund dafür, mit ACT weiterzumachen, war die Leidenschaft für Talente wie Michael Wollny."

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Seite 1
curtom 18.02.2012
1.
Jazzlabel ACT: Heißer Shit, in der Tat! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,810217,00.html)[/QUOTE] Ich gehe natürlich, zur Recht wie ich denke, davon aus, dass die Dinger auf wunderbaren 180 g Vinyl Pressungen erscheinen, oder? ;)
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