Musiker in Deutschland Jazz wirds prekär

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass Deutschlands Jazzmusiker im Monat nur rund 1000 Euro verdienen. Dennoch steigt die Zahl der Jazzstudenten. Warum eigentlich? Und kennen Sie die Witze darüber?

Marcus Schröpfer

Am Taxistand verhandeln zwei Typen mit dem Chauffeur. Der eine trägt eine Tasche mit Schlagzeug-Becken und Trommelstöcken, der andere einen Trompeten-Koffer. Wer von den dreien ist Jazzmusiker? Der Taxifahrer.

Oder: Was ist der Unterschied zwischen einem Rockgitarristen und einem Jazzgitarristen? Der Rockgitarrist spielt drei Akkorde vor 1000 Leuten. Der Jazzgitarrist spielt 1000 Akkorde vor drei Leuten.

Mit solchen Witzen ulken Jazzer gerne über ihre miserable Lage. Vom Jazz allein kann man nicht leben! Tatsächlich verdienen Musiker in dieser Branche durch "musikalische Arbeit" im Durchschnitt nur 12.500 Euro im Jahr. Das belegt eine Studie, die erstmals empirische Daten zur Arbeitssituation professioneller Jazzmusiker vorlegt.

Sie wurde aufgrund einer Onlinebefragung mit über 2000 Beteiligten von der Universität Hildesheim, dem Darmstädter Jazzinstitut und der Union Deutscher Jazzmusiker erarbeitet. Die Erhebung soll, so Kultur-Staatsministerin Monika Grütters, "Diskussionen darüber anregen, wie die Lebensbedingungen der Jazzmusikerinnen und -musiker auskömmlicher gestaltet werden können".

Bislang erreichen viele Jazzer ihr Auskommen durch Nebentätigkeiten. Im musikalischen Bereich sind das Unterrichtsstunden, Jobs bei Musicals und "Mucken" auf Jubiläen und Betriebsfeiern. Um über die Runden zu kommen, fahren Jazzer Taxen, zapfen Bier oder gestalten Websites. Denn für die Ausübung ihres Berufs - 77 Prozent haben Hochschulabschluss oder studieren noch - gibt es zu wenig Auftrittsmöglichkeiten und zu niedrige Gagen.

So haben zehn Prozent der Musikanten im Jahr gerade mal fünf Jazz-Engagements, 54 Prozent haben mindestens 25 Auftritte; nur vier Prozent spielen mehr als hundert Mal. Dabei gibt es bei zwei Dritteln der Engagements höchstens 150 Euro; ein gutes Viertel wird mit 150 bis 300 Euro bezahlt, und nur für zehn Prozent der Gigs gibt es über 300 Euro.

Jazz-Akademiker sind für alle Genres gerüstet

Angesichts dieser Lage verblüfft, dass die Zahl der Jazzstudierenden an deutschen Hochschulen wächst. So wurden die Plätze für den betreffenden Studiengang in Hamburg von 24 auf 40 fast verdoppelt - und es gibt eine Warteliste. "Wer zu uns will, denkt nicht ans Geldverdienen", erklärt der zuständige Professor Wolf Kerschek.

Aus Leidenschaft würden sich Jungen und - zunehmend - Mädchen für Jazz entscheiden. Und das zumeist schon früh und nicht vergleichbar mit jenen Abiturienten, die den Arbeitsmarkt betrachten und dann Informatik als Studienfach wählen.

Kerschek vergleicht das Jazzstudium mit "Grundlagenforschung"; er ist ein Beispiel dafür, dass Jazzstudenten mit Hochschulabschluss fit für alle Bereiche sein können. Der 46-jährige Absolvent der amerikanischen Jazz-Kaderschmiede Berklee in Boston (Hauptinstrument Vibrafon) komponiert und arrangiert Musik auch für Pop- und klassische Besetzungen.

In Deutschland spielen die perfekt ausgebildeten Jungjazzer meist vor einer Mehrheit von Grau- und Kahlköpfen. Denn es ist ihnen bislang nicht gelungen, ein Publikum aus der eigenen Generation mitzuziehen. Das soll anders werden. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet wohl zum Berg gehen:

  • In München gastiert die Bigband Jazzrausch in Ambient- und Hip-Hop-Läden.
  • Hamburger Musiker organisierten im Techno-Klub Volt die Veranstaltungsreihe Jazz-Lab mit Jamsession, Konzert und After-Show-Party mit DJ.
  • Und das Berliner Xjazz-Festival schickt Bands an Spielorte im Stadtbereich um Kreuzberg.

Der künstlerische Leiter Sebastian Studnitzky möchte mit dem Fest im Mai "die Genregrenzen zwischen Jazz, improvisierter elektronischer und neuer klassischer Musik aufbrechen". "Früher war ich nur Trompeter", sagt der Berklee-Absolvent, heute hat er auch einen Namen als Label-Betreiber und Festival-Organisator.

Zu jener Spezies von Jazzern gehört auch Jonas Pirzer. Der 31-jährige Schlagzeuger machte nach dem Jazzstudium noch seinen Master in Kommunikation und Kulturmanagement. Das hilft ihm bei seinen gegenwärtigen Job als Geschäftsführer der Union Deutscher Jazzmusiker - und bei der Vermarktung seiner Musik. Pirzer gründete sein eigenes Label und brachte zum Jahresanfang mit der Sängerin Thea Soti und der Band NaNaya eine CD heraus. Das Magazin "Jazzthetik" bescheinigt der Ethno-Jazz-Platte "stellenweise Ohrwurm-Qualitäten".

Wie alle Jazzmusiker will die Band NaNaya ihre CD vor allem bei Auftritten in Klubs verkaufen. Aber davon gibt es viel zu wenige. Die Jazz-Studie fordert somit auch den "Ausbau von Spielstätten für Profimusiker". Erst wenn Bund, Länder und Kommunen "eine solide Infrastruktur für die wichtige Kunstform Jazz bereitstellen, kann sich auch die Lebenssituation ihrer Künstler nachhaltig verbessern".

Das schlussfolgert die Untersuchung, die unter der Schlagzeile "Leidenschaftlich kreativ - schlecht bezahlt!" angekündigt wurde. Stimmt.


Termine:

Jazzrausch Bigband: 07. 04. , 21. 04., 19. 05. Cord Club München

Jazzlab im Hamburger Club "Volt": 05. 04. Julia Kadel Trio, 26. 04. Rotem Sivan Trio (NYC), 03.05. Tin Man & The Telephone (NL)

Xjazz-Festival Berlin: 05.05. bis 08.05. Kurt Rosenwinkel, Bugge Wesseltoft, Vijay Iyer, Ed Motta, Ibrahim Keivo, Clara Haberkamp u. v. a.

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insgesamt 129 Beiträge
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Seite 1
noalk 27.03.2016
1. gut und schön
Aber ich sehe keinen - weder vernünftigen noch unvernünftigen - Grund, Jazzmusiker in irgendeiner Weise staatlich finanziert zu unterstützen. Wo will man denn da eine Grenze ziehen?
jazzer 27.03.2016
2. Wie man das ändern kann?
Ganz einfach: Fördern, wie z. B. die Oper. Warum nicht bei offiziellen Änlässen Jazz spielen, anstatt Schubertlieder. Warum keine Big Bands bei Staatsempfängen?
madtv 27.03.2016
3. gut und schön?
Ein Grund wäre Kulturförderung, und der sollte reichen, es gibt keinen Grund ausgerechnet die Jazzer bzw Musik im allgemeinen nicht zu subventionieren, möglichst indirekt, also z.B. der Schaffung von Infrastruktur, von den Auftrittsmöglichkeiten bis zu den Musikschulen, denen es momentan sehr schlecht geht, das hat sich schon in Schweden bewährt.
Tom Joad 27.03.2016
4. Was haben Jazz und Fürze gemeinsam?
Am meisten Spaß dran hat der, der's macht. (Gehört von Matthias Schriefl, einem Jazz-Musiker!) Den Jazzern geht es hierzulande nicht anders als vielen anderen Künstlern, z. B. Schauspielern, die sich größtenteils etwas "hinzuverdienen" müssen. Förderungen gibt es durchaus, aber nicht jeder kommt an die begehrten Töpfe.
kajoter 27.03.2016
5.
Und jetzt tun der Journalist und die Staatsministerin so, als wenn das alles neu wäre und als würde sich das nur auf den Jazz beziehen. Lächerlich! Fragen Sie mal bei Musikschullehrern, die immer mehr freie Mitarbeiterstellen und immer weniger Festanstellungen bekommen. Dort sieht es kaum anders aus und die Lehrer haben auch studiert - jedenfalls in den städtischen Schulen. Oder fragen Sie nach dem Gehaltsniveau bei Kirchenmusikern. Vor allem bei solchen, deren Stellen prozentual gekürzt wurden. Das gleiche Bild. Oder bei klassischen Musikern, die keine Orchesterstelle bekommen haben und frei arbeiten. - Überall das gleiche Bild. Nicht umsonst spricht man mittlerweile vom künstlerischen Prekariat. Und ich als Musiker empfinde es allmählich als empörend, dass selbst kritische Medien diese Zustände überwiegend ignorieren oder wie in diesem Bericht so tun, als wäre selbiges neu oder würde nur ein Genre betreffen. Wie kunstfern der Autor generell sein muss, statuiert er schon mit seiner ersten Frage, warum es trotz eines zu erwartenden, geringen Gehaltes immer mehr Jazz-Musiker gebe. Meine Güte - Musiker, egal in welchem Genre, sind von Musik überzeugt und nicht vom Geld. Sie fühlen sich quasi gezwungen, diesen Beruf anzustreben. Zumindest das sollte man als Journalist wissen, wenn sonst schon keine Fachkenntnis vorhanden ist. Als weitergehende Lektüre empfehle ich allen Lesern das sogenannte Grünbuch des Deutschen Musikrates mit dem Titel "Was ist uns die Musik wert". Man kann es unter nachfolgendem Link kostenfrei herunterladen. Ebenfalls sind dort einige interessante Kommentare zu dem Thema zu lesen. https://www.musikrat.de/musikpolitik/gruenbuch/
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