Jazz-Initiativen Hilfe zur Selbsthilfe

11.500 Euro verdienen deutsche Jazzer durchschnittlich im Jahr - eine erschreckende Zahl. Auch aus diesen finanziellen Gründen schließen sich Musiker in Kollektiven zusammen.

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BJU/ Cubus Music

Am letzten August-Wochenende können Amateur-Jazzer in Köln an einem Workshop teilnehmen. Weil der öffentlich gefördert wird, müssen die Hobby-Musiker für Zwei-Tages-Kurse bei namhaften Profis nur 60 Euro berappen.

Angeboten wird das Projekt vom Klaeng Kollektiv Köln, einem Freundeskreis von Absolventen der Kölner Musikhochschule wie dem Schlagzeuger Jonas Burgwinkel und dem Trompeter Frederik Köster. Neben Workshops organisiert Klaeng Konzerte, Tourneen und ein Festival; vor allem aber produziert und vertreibt das Kollektiv Tonträger. "Klaeng Records" hat gerade eine CD von Burgwinkel herausgebracht.

Ähnliche Zusammenschlüsse von Jazzmusikern finden sich in vielen Städten auf der ganzen Welt. In Berlin gibt es zudem einen Vertreter der vielleicht wichtigsten US-amerikanischen Musikerinitiative - des Brooklyn Jazz Underground Collective (BJU). Der Name, erzählt Joshua Ginsburg, sei gewählt worden, weil heute Brooklyn das Zentrum für New Yorks Künstler sei; den früheren Brennpunkt Manhattan haben schon lange Banker und Anwälte übernommen.

Der 38-jährige Bassist zog mit seiner Frau und zwei Kindern von Brooklyn nach Berlin-Neukölln. Von hier aus pflegt Ginsburg Verbindungen zur europäischen Szene. Für das Label BJU-Records hat er Promotionpartner in Deutschland, der Schweiz und Österreich gefunden. Derzeit umfasst der Katalog des Brooklyn Jazz Underground annähernd 50 CDs - vom Mainstream-Album "Extension Deadline" des Trompeters Alex Norris (mit dem Saxofonisten Gary Thomas) bis zu den aktuellsten Strömungen des zeitgenössischen Jazz. "Wir wollen ein breites Publikum ansprechen", sagt Ginsburg.

Das wollen auch die Kölner, die zahlreiche Bands bilden, in denen Musiker in unterschiedlichen Formationen zusammenarbeiten. Das Klaeng Kollektiv setzt sich mit Rock und elektronischer Musik genauso auseinander wie mit traditionellen Spielformen des Jazz.

Immer weniger Jazz-Platten werden verkauft

Die Motive für die Gründung der Kollektive sind in den USA und in Deutschland die gleichen: Während einerseits immer weniger Jazz-Platten verkauft werden, bilden andererseits Hochschulen immer mehr Jazzmusiker aus. Statt voll in ihrem Beruf zu arbeiten, muss sich die Mehrheit der hoch qualifizierten Jungjazzer mit Nebenjobs über Wasser halten.

Ihre Lebenslage wurde als "hoch prekär" beschrieben. Zahlen für Deutschland lieferte bislang die Künstlersozialkasse (KSK): 7500 Jazz-, Pop- und Rockmusiker unter den KSK-Mitgliedern haben ein Jahreseinkommen von rund 11.500 Euro und liegen damit "dramatisch unterhalb des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung".

Nun läuft eine Studie des Jazzinstituts Darmstadt und der Union Deutscher Jazzmusiker, die auch die Lage der nicht in der Künstlersozialkasse erfassten Musiker beleuchten will. Derzeit werden 1800 Online-Fragebögen ausgewertet, was einen repräsentativen Überblick darstellt, wenn man von 5000 bis 8000 Berufs-Jazzern ausgeht.

Beim finanziellen Überleben helfen auch Musikerinitiativen. So sucht das "JazzHaus Hamburg" Auftrittsmöglichkeiten für Bands unterschiedlichster Stilausrichtungen. Die "JazzInitiative Berlin" drängte die Parteien des Abgeordnetenhauses, auch dieses Genre finanziell zu fördern. Und die "Jazz-Initative Frankfurt" veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt und der Hessischen Landesregierung ein deutsch-polnisches Jazz Jamboree.

Weil viele der Selbsthilfe-Vereine - wie das Kölner Klaeng Kollektiv - von Studienkollegen gegründet werden und auf das Netzwerk unter Absolventen setzen, vergleicht sie Arndt Weidler vom Jazzinstitut Darmstadt mit Burschenschaften. Das betrifft natürlich nicht ihren Geist, wohl aber die Arbeitsweise der Jazzmusiker-Initiativen.


Workshop: Jazz-Workshop für Laienmusiker, Köln, 29. und 30. 8.; www.klaengkollektiv.de

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
chaps 19.07.2015
1. Auch andere Musiker verdienen wenig
Was allerdings alarmierend ist, ist dass immer weniger Jazz-Platten gekauft werden. An den Streaming-Diensten wird es nicht liegen, die werden von den Teenies und Pop Fans gebucht. Da werden sich Gabalier und Helene Fischer nun wohl durchsetzten.
twister-at 19.07.2015
2. Seltsame Zahlen
"Ihre Lebenslage wurde als "hoch prekär" beschrieben. Zahlen für Deutschland lieferte bislang die Künstlersozialkasse (KSK): 7500 Jazz-, Pop- und Rockmusiker unter den KSK-Mitgliedern haben ein Jahreseinkommen von rund 11.500 Euro und liegen damit "dramatisch unterhalb des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung". " Das heißt also, dass 7.500 Jazz und andere Musiker, die bei der KSK versichert sind, ein Jahreseinkommen von rund 11.500 haben. So weit so gut, aber: wer sich woanders über Wasser hält, ist nicht über die KSK versichert, d.h. über ihn besteht kein Wissen. Wieviele Jazzmusiker sind unter den Rock-Pop-Jazz-Musikern? Wie viele Jazzmusiker von allen aktiven Jazzmusikern sind bei der KSK? Davon zu reden, dass aus dieser Zahl ein "der Jazzmusiker verdient 11.500 Euro im Jahr durchschnittlich" extrahiert werden kann, ist aber falsch.
twister-at 19.07.2015
3.
Zitat von chapsWas allerdings alarmierend ist, ist dass immer weniger Jazz-Platten gekauft werden. An den Streaming-Diensten wird es nicht liegen, die werden von den Teenies und Pop Fans gebucht. Da werden sich Gabalier und Helene Fischer nun wohl durchsetzten.
hm, war denn Jazz nicht immer, verglichen mit Rock, Pop usw, eher wenig verkaufbar?
flachatmer 19.07.2015
4. Zwei Typen am Taxenstand...
...dem einem schauen Drumsticks aus der Tasche, der andere hat einen Gitarrenkoffer in der Hand. Wer ist der professionellere Musiker? Der Taxifahrer.
gerchla63 19.07.2015
5. Ich liebe Jazzmusik, aber...
...ich ärgere mich regelmäßig bei Jazzkonzerten über Big-Band-Leiter, die dem Publikum selbst beim Applaus nur den Rücken zeigen und über sonstige Jazzmusiker, die beim Applaus nicht mit der Wimper zucken, geschweige denn sonst dem Publikum irgend eine Geste des Dankes zeigen. Das wäre ja auch uncool... Und ich stelle fest, das zahlreiche Musiker keinen blassen Dunst von den Verwertungsgesellschaften GVL und GEMA haben. Das wäre ja uncooler Verwaltungskram. Sie geben ihr Masterband irgend einem Label-Fuzzi auf dessen LC-Nummer, wissen aber nicht, dass derjenige dann regelmäßig ihre GVL-Tantiemen kassiert. Jeder Handwerksmeister lernt in der Ausbildung die Grundlagen des Rechnungswesens und der Selbstvermarktung. Musiker aber werden in Deutschland brillant musikalisch ausgebildet, viele andere Voraussetzungen werden sträflich missachtet. Schade drum. MfG, ein Jazzliebhaber.
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