Jazzpapst Michael Naura Kraft ohne Protz

Wer ihm nicht passte, den bedachte er schon mal mit Hundescheiße: Der Pianist, Bandleader, Dichter und Zeichner Michael Naura gehört zu den schillerndsten Personen des deutschen Jazz. Eine CD-Box würdigt das Schaffen des Vielbegabten.


Seinen Namen hörte ich zum ersten Mal im US-Soldatensender AFN in Berlin. "Meikl Nora and his Quintet" spielten eleganten Cool Jazz im Stil des Pianisten George Shearing. Ich hielt den Musiker für einen Amerikaner und war perplex, als ich eines Tages erfuhr, dass er "Michael Naura" hieß und wie ich in Ost-Berlin wohnte.

Sein Betätigungsfeld hatte der junge Künstler freilich längst im Westteil der Stadt gefunden. Naura hatte dort sein Abitur gemacht, war an der Freien Universität als Student der Soziologie immatrikuliert - und lebte nur für den Jazz.

Seine Combo spielte im "Breitenbach Keller", in der berühmt-berüchtigten "Badewanne" (Motto: "Sauber bleiben!") und im AFN. Die Berliner Fans liebten Nauras Sound; er selbst sah seine Musik kritisch. "Ich war der Taschendieb, der sich an George Shearing bereicherte", schrieb er und bekannte, auch Dave Brubeck, Bill Evans und Horace Silver bestohlen zu haben.

Wie sonst aber soll ein Musiker, zumal ein Autodidakt, seinen eigenen Stil finden?

Nach Jahren in rauchgeschwängerten Jazzkellern fand Naura 1971 eine Anstellung beim NDR in Hamburg. Seine Interessen über die Musik hinaus - Literatur, bildende Kunst, Politik - und seine starke Persönlichkeit prädestinierten ihn für eine neue Aufgabe. Er wurde "der einzige Jazzmusiker von Rang, der je die Jazz-Redaktion einer deutschen Rundfunkanstalt geleitet hat" (so das rororo "Jazz Lexikon").

Gerüstet mit einem ansehnlichen Budget konnte Naura nun Künstler unterstützen, die taten, was auch ihn nach dem "Abkupfern der amerikanischen Vorbilder" bewegt hatte: neue Wege zu suchen, ohne Grundlagen des Jazz wie Improvisation und Swing aufzugeben.

Der deutsche Posaunist Albert Mangelsdorff und die amerikanische Pianistin/Bandleaderin Carla Bley standen für diese Richtung und wurden deshalb häufig zu NDR-Veranstaltungen eingeladen. Die moderierte Naura, und bald wurde seine wohlklingende Radiostimme weit bekannt, zumal er immer öfter eigene Texte vortrug - "Ansichten und Attacken", wie er sie nannte.

Wie auf dem Klavier hämmerte Naura nun auch Akkorde auf der Schreibmaschine; die Wochenzeitung "Die Zeit" und auch der SPIEGEL druckten Beiträge von ihm. Autor Naura nannte Dixieland-Jazz den "Schuhplattler der Amerikaner", schrieb über "die Russenattrappe Iwan Rebroff" und bewunderte Carla Bley, "diese köstliche Mischung aus Circe, Hexe und den beiden Alicen - Wonderland und Schwarzer".

Nauras Schreibfreude wurde durch Peter Rühmkorf befeuert, den "Dichter, der wie ein Morgenschiff in mein Leben rauschte". Keinen Menschen hat der Musiker mehr verehrt als den 2008 gestorbenen Lyriker.

Dabei kann Naura auch herzhaft hassen.

So stürmte er mit dem Ruf "Nazis raus" in eine Vernissage des Hitler-Tagebuch-Fälschers Konrad Kujau und warf Hundescheiße in die Gulaschsuppe für die Gäste.

Einem Kritiker, der eine von Naura geschätzte Band verriss, schickte er per Post einen Schweinefuß: "Das ist die Hand, die den Artikel geschrieben hat."

Vom NDR handelte sich der Redaktionsleiter eine Abmahnung ein: Er hatte die auf Hörerquoten fixierte Programmpolitik seines Arbeitgebers in der Presse gebrandmarkt.

Nun sind ausführliche Ausschnitte aus dem Schaffen des furchtlosen Vielbegabten auf einer Sechs-CD-Box zu hören, die NDR-Redakteur Hendrik Haubold zum 75. Geburtstag des Künstlers zusammengestellt hat: Nauras Musik (allein am Klavier, im Duo mit dem Vibrafonisten Wolfgang Schlüter, im Quintett mit Gästen wie Toots Thielemans und Klaus Doldinger), Nauras Stimme (als Moderator und als Vorleser), seine Jazz & Lyrik-Projekte mit Peter Rühmkorf.

Skurrile Naura-Zeichnungen enthält das 64-seitige Booklet zur Box - Selbstporträts, Darstellungen seiner Umwelt und seiner Traumwelt. "Michael Naura war ein eindrucksvoller Kraftkerl", schreibt der Publizist Manfred Eichel, und nennt den Künstler einen "Renaissance-Mann".


CD-Set: "Naura Box Fortissimo - eine deutsche Jazzologie" (Gateway4M).



insgesamt 4 Beiträge
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sekundo 17.07.2009
1. kümmerlich
wie auch auf anderen gebieten wird aus mangel an alternativen ein durchschnitts-mensch wie naura zum genie erklärt. gar zum jazzpapst wird er gemacht. dabei ist er doch gerade ´mal küster. und den mann als pianisten zu bezeichnen, ist todesmutig und belegt einzig und allein die inkompetenz derjenigen, die ihn als solchen sehen.
marypastor 17.07.2009
2. Naura
Zitat von sekundowie auch auf anderen gebieten wird aus mangel an alternativen ein durchschnitts-mensch wie naura zum genie erklärt. gar zum jazzpapst wird er gemacht. dabei ist er doch gerade ´mal küster. und den mann als pianisten zu bezeichnen, ist todesmutig und belegt einzig und allein die inkompetenz derjenigen, die ihn als solchen sehen.
Soo schlimm ist es ja nun auch wieder nicht, Sekundo. Ich habe Naura um 1960 im Jazz Club "Das Barett" in der Hamburger Colonaden kennengelernt. Naura ist sicherlich nicht die grosse Spitzenklasse, aber doch schon von der Oberschicht. Er ist sicher auch kein "Pianist", aber das ist Diana Krall oder Nat King Cole auch nicht. Alle spielen aber einen mords Jazz auf dem Klavier. Auf jeden Fall viel besser als die meisten der heutigen Jazzbands, die von Jazz keine Ahnung haben, denn dafuer muss man vor 1950 geboren sein.
sekundo 17.07.2009
3. mittelmass
tatsächlich, liebe marypastor, ist deine replik eine be- stätigung meiner these. in unserem land sind kreaturen wie dieter bohlen "pop-titanen", maria furtwängler ist angeblich eine grosse schauspielerin, ein friseur wie udo walz wird zum medienstar und filmstars heissen uwe ochsenknecht und sehen auch noch so aus. was ich sagen will, ist, dass man sich in deutschland zu schnell mit mittelmass (wenn´s hoch kommt) zufrieden gibt. möglicherweise auch aus mangel an urteilskraft, die ja kenntnis voraussetzt. deshalb ist es schon merkwürdig, dass du einen trostpreis wie naura als einen klavierspieler der oberklasse deklarierst.
MacOlli, 18.07.2009
4. Ja grüzi alle mitanand´r im Altherrenclub
Ja grüzi alle mitanand´r im Altherrenclub Warum sollte denn nur jenen Jahrgängen ein Verständniss möglich sein ?? Das sind Ansichten, die mich vom Baujahr ´54 erschrecken. Eine sehr verknöcherte Sichtweise. Aber das beobachte ich hier im Forum schon einen längeren Zeitraum : Die Leserschaft des Spiegel überaltert! Und "heutige" Jazzbands in Bausch und Bogen zu verdammen erinnert an die mäßige Toleranz vergangener Zeiten! Mir gefällt auch nicht alles was heute angeboten wird. Aber spannende Entwicklungen kann man gerade heute entdecken. In Salzau gesehen: AMEO - überwältigend. ODDJOB aus Schweden - Klasse Also meine Herren : nicht immer nur die Schuhplattler hören!
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