Jazzsängerin Motaung Nur ein Schulterklopfen

Die Hamburger Sängerin und Schauspielerin Audrey Motaung gilt seit Jahren als eine der ganz großen Stimmen der Jazzszene. Immer wieder muss sie sich mit Rassismus auseinander setzen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach die Musikerin über ihre Heimat Südafrika und ihre Erlebnisse während eines Konzerts in Cottbus.

Von Gerd Bauder und Julia Grosse


Große Stimme: Audrey Motaung

Große Stimme: Audrey Motaung

Audrey Motaung brach den Song ab. "Deutschland, Deutschland" - Gejohle machte es ihr unmöglich, das gerade begonnene Konzert vor der Cottbuser Stadthalle weiter zu spielen. Die aus Südafrika stammende Hamburgerin war geschockt. Als Schwarze ist sie zwar immer wieder mit einem, wie sie es nennt, "normalen Rassismus" konfrontiert, der sich etwa in unverhohlenem Gaffen oder einem getuschelten "Kuck mal, Neger" äußert. Doch die massiven Störungen seitens einer Gruppe Naziskins waren für die Sängerin, die seit über 20 Jahren hier zu Lande Konzerte gibt, von bisher nicht erlebter Qualität. "Neger raus" skandierten die Glatzen, schwenkten eine Reichskriegsflagge und hoben zum Hitler- und Kühnengruß an. Konnte das sein? An einem Sommernachmittag im Zentrum einer bundesrepublikanischen Stadt? Vor den Augen Hunderter Zuschauer? In Anwesenheit der Veranstalter und von Streifenpolizisten, die Motaungs Schlagzeuger beim Betreten der Bühne noch gesehen hatte?

"Ich fragte mich, ob ich von der Bühne gehen soll", beschreibt Motaung im Interview diesen Moment. "Ich hatte aber keine Lust, mich zu ducken." Sie wand sich vor mittlerweile verstummter Menge an die Randalierer. "Was wollt ihr? Ihr schreit Deutschland. Ich liebe Deutschland genauso wie ihr. Ich habe hier Familie, Verwandte und Bekannte. Arbeite und erbringe meinen Beitrag zur Gesellschaft. Wollt ihr eine Nationalhymne? Okay." Es folgte ein improvisiertes, bluesiges "Ich liebe Deutschland", das die Ironie-resistenten Nazi-Hooligans gar mit anstimmten. Die ersten Skins verließen den Platz, aber nicht ohne zuvor vor der Bühne auszuspucken und die Sängerin und ihre "schwarz-weiße" Band hassvoll anzustarren.

Ein harter Weg

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Die Lethargie großer Teile des Publikums und der Veranstalter erklärt sich Motaung im Nachhinein durch einen Vergleich mit dem Südafrika der Apartheid. Dort war ein unmenschlicher Umgang mit Schwarzen gang und gäbe. "Nur, wenn wir alle kneifen und davor die Augen verschließen, führt das nirgends hin" meint sie. Das weiß die im nördlichen Südafrika aufgewachsene Sängerin nur zu gut. Als junge Frau erlebte sie, als sie Anfang der siebziger Jahre nach Johannesburg zog, die ganze Gewalt der Apartheid. Das weiße Regime war zu jener Zeit zu einer extrem brutalen Unterdrückungsmaschine geworden. Es verweigerte der Bevölkerungsmehrheit gleiche Chancen, Arbeit und Freiheit. Die Weißen steuerten, eingemauert in Wohlstandsvierteln, auf jene Katastrophe zu, die droht, wenn Paranoia, Ignoranz und uneingestandene Schuld herrschen. Dieses Südafrika bot der ANC-Aktivistin, obgleich sich ihre Karriere gut anließ - sie sang in der landesweit bekannten Rockband Joburg Hawks - keine Zukunft.

1976 emigrierte sie nach London, wo sie bald Anschluss an die Jazzszene fand und unter anderem mit Emerson, Lake & Palmer auftrat. Nach ersten Shows in der Bundesrepublik, ließ sie sich 1977 in Hamburg nieder. Dort musste sie abermals neu beginnen. Das hieß: tagsüber jobben und die Freizeit der Karriere widmen. Ein harter Weg. Doch Motaung schaffte sich in der Hansestadt einem Namen als außergewöhnliche Sängerin. Eine, die nicht nur grandios jazzt, wie etwa ihre Arbeit mit der NDR-Bigband zeigte, sondern ebenso Soulmusik die nötige Tiefe verleihen kann und Folklore mit Inbrunst singt. Ihre vielfältigen Erfahrungen und Einflüsse kamen ihr nun zugute: Als Kind hatte sie im Kirchenchor gesungen und zugleich traditionelle, südafrikanische Musik gemacht. Später in Johannesburg fand sie sich im Spannungsfeld von westlicher Rockmusik und Afropop wieder, und in England reifte sie schließlich zur Jazzsängerin.

Sie verfolgt ihre eigene Vision

All dies verbindet Motaung in ihrem Schaffen. Sie ist einerseits die professionelle Studiosängerin, die für Popmusiker wie etwa Brian Ferry und Achim Reichel arbeitet, oder wie zuletzt Reinhard Meys aktuelle CD "Rüm Hart" veredelt. Andererseits verfolgt sie ihre eigene Vision. Live und auf den eigenen Alben vereint sie Jazz, AfroFusion und Gospel zu einem musikalischen Fest. Dabei geht es ihr darum, Menschen emotional zu erreichen und Verständnis füreinander zu schaffen. Ein Anliegen, das auch im Zentrum ihrer Schauspielerei steht, die sie ebenfalls in Südafrika begann und sie zuletzt in Buket Alakus' Film "Anam" brillieren ließ. Mitnichten möchte sie dabei Folkloreromantiker oder das Klischee von der strahlenden Afrikanerin bedienen. "Ich habe keine Lust, die typische schwarze Mama, die lächelt und freudig grüßt, zu verkörpern. Das bin ich nicht", erklärt Motaung. Religion und Politik trennt sie nicht von Musik und Kunst. Daraus resultiere aber kein AgitProp. Sie behalte sich nur die Freiheit vor, ernste Themen, zum Beispiel während eines Konzertes, anzusprechen.

"Deswegen habe ich in Cottbus mit den Zuschauern geredet", erklärt Motaung. "Leute, wir müssen versuchen, anders miteinander umzugehen. Wir sind alle Brüder und Schwestern, und Gott hat uns nicht grundlos schwarz oder weiß oder gelb oder sonst was gemacht. Wir sind alle gewollt, und wir können uns im Jahre 2002 vor dieser Wahrheit nicht verschließen. Die Erde gehört niemandem alleine." Immerhin brachte sie die Nachwuchs-Nazis zum Schweigen. Motaung konnte ihre Show zu Ende bringen. Nach dem Konzert mussten sie und ihre Band, um ins Hotel zu gelangen, allerdings an einigen Naziskins vorbei. Breitschultrig verstellten diese den Weg und warteten nur darauf, angerempelt zu werden. Auch jetzt waren weder die Staatsmacht, noch einer der Veranstalter zugegen, um wenigstens Solidarität mit Motaung zu bekunden. Später fiel den Veranstaltern außer einem Schulterklopfen gegenüber Motaung nichts ein. Motaung schlussfolgert: "Die gehen nur nach geschäftlichen Interessen vor. Sie wollen keine Predigten, keine Politik und erst recht keine Reibungen im Ablauf einer Veranstaltung."



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