Jazzvirtuose Posaunist Albert Mangelsdorff gestorben

Ob Swing, Cool oder Free: Seit den fünfziger Jahren war der Posaunist Albert Mangelsdorff eine der treibenden Kräfte im deutschen Jazz und entdeckte sein Instrument für das Genre immer wieder neu. Jetzt ist der Musiker im Alter von 76 Jahren gestorben.


Jazz-Posaunist Mangelsdorff: Befreier der Posaune
DDP

Jazz-Posaunist Mangelsdorff: Befreier der Posaune

Angeblich haben ihm die Singvögel geholfen, sein Instrument, die Posaune, zu befreien: Albert Mangelsdorff soll im Frankfurter Westend, wo er lebte, die Schwarzkehlchen, Rotschwänzchen und Grauammern studiert haben, ihren Gesang und ihre Leichtigkeit.

Die Posaune galt im Jazz lange als schwerfälliger Nachzügler, ungleich träger als die perlende Trompete und das jagende Saxofon. Mangelsdorff machte aus dem behäbigen Instrument eine eigenständige virtuose Stimme, mit der sich alle Spielarten des Genres bewältigen ließen - von Cool- bis Free Jazz. Legendär ist seine sogenannte Multiphonics-Technik: Dabei sang er in sein Mundstück und formte aus den so entstandenen Obertönen eigene Klangwelten.

Konsequent also, wenn ihn das Goethe-Institut zu Beginn der sechziger Jahre zum musikalischen Botschafter machte, der seine akustischen Fundstücke daheim zu neuen Sounds verschmolz. 1995 dann wurde er zum Leiter des Jazzfests Berlin - nicht unbedingt ein Glücksfall für den ornithologisch Versierten, der auf einmal ein Programm zu erstellen hatte und - wie die "Welt" schrieb - als "Plattenverächter" CDs hören musste.

Geboren am 5. September 1928 als Sohn eines Buchbinders, wuchs Mangelsdorff in einer musikalischen Familie auf; die Onkel spielten Geige, der Vater liebte Mozart und Bruder Emil, selbst Klarinettist, machte den späteren Jazzvirtuosen mit Duke Ellington und Louis Armstrong vertraut. Nach dem Krieg spielte er Swing in Clubs der US-Army; es folgte ein Engagement im Radio-Tanzorchester des Hesssischen Rundfunks, später der Chefposten des HR-Jazz Ensembles.

Berühmt sind seine Auftritte beim Newport Jazzfest, das erste Mal 1958, das zwei Mal 1965, da hatte er schon bei der Umfrage des renommierten Fachblatts "Downbeat" den ersten Platz in der Kategorie "Viel versprechendes Talent" belegt. Von da an erspielte er sich über die Jahre den Ruf, einer der "wichtigsten Erneuerer des Posaunenspiels" zu sein, wie ihn der Komponist John Lewis einmal nannte. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb: "Wie Duke Ellington ist er kultureller Botschafter für eine Emanzipation des Jazz geworden."

Jetzt ist dieser großartige Musiker gestorben, im Alter von 76 Jahren nach längerer schwerer Krankheit in Frankfurt, seiner Heimatstadt.



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