Elektro-Veteran Frischluft von Jean Michel Jarre

Zu Zeiten von Punk und Disco spielte Jean Michel Jarre "Oxygène" ein, die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten. Nun werden seine frühen Werke frisch aufgelegt.

DPA

Als Jean Michel Jarre 1976 mit den Aufnahmen für sein Album "Oxygène" bei Plattenfirmen vorsprach, wurde er noch belächelt. Kein Wunder, denn in Zeiten von Punkrock und Disco schien ein Satz instrumentaler, durchnummerierter Synthesizermelodien wenig mit der kommerziellen Gegenwart gemein zu haben. Als sich schließlich doch ein Laden erbarmte, "Oxygène" zu veröffentlichen, waren die Erwartungen so gering, dass die kleine Erstauflage des Albums überwiegend in HiFi-Geschäften angeboten wurde.

Knapp vier Jahrzehnte später ist "Oxygène" mit zwölf Millionen verkauften Tonträgern die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten und Jean Michel Jarre auch jenseits der französischen Grenzen berühmt; mehr als achtzig Millionen Alben hat der 65-Jährige mit der Müller-Wohlfahrt-Frisur weltweit abgesetzt und ist doch eher ein Phantom geblieben, das sich dem großen Popzirkus lächelnd entzog.

An glamourösen Fakten ist über den Synthesizer-Zauberer nicht viel mehr bekannt, als dass er der Sohn des großen Hollywood-Soundtrack-Komponisten Maurice Jarre ist und dass er mal mit der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling verheiratet war.

Statt Konzerthallen bespielt Jarre lieber ganze Innenstädte

Berühmt ist Jarre auch für seine extravaganten Konzerte; gern "Events" genannt, denn lieber als gemeine Konzerthallen bespielt der Künstler ganze Innenstädte von Houston über Moskau und Beijing bis hin zu Paris. Das brachte ihm neben Einträgen ins "Guinness Buch der Rekorde" auch den Ruf ein, zum Größenwahn zu tendieren, was er aber lässig damit konterte, dass es nichts Langweiligeres gebe, als jemanden zuzuschauen, der an Synthesizern rumdreht. Weshalb er gerne etwas mehr Entertainment biete.

Seit einigen Jahren ist es still um den Sammler antiker Synthesizer geworden. Zur Vorbereitung auf ein später im Jahr erwartetes neues Album wurden nun sechs frühe Werke des Franzosen frisch restauriert - "New Mastering from the Original Analog Tapes" -, darunter die Klassiker "Equinoxe", "Magnetic Fields" und selbstverständlich "Oxygène".

Die dienen als Erinnerung daran, wie faszinierend und aus der Zeit gefallen Jarres Meistwerke auch in diesem Jahrtausend noch daherkommen. Was daran liegen mag, dass sie in analoger Vorzeit entstanden sind, als die Zukunft noch romantische Science-Fiction-Abenteuer versprach. Das scheint, vor allem in Pop-Zeit gemessen, eine Ewigkeit her.

Welchen Respekt Jarre als großer Pionier elektronischer Popmusik genießt, belegt die Liste an Zuarbeitern für sein kommendes Album. Sie reicht von Portishead und Air über Massive Attack und Yello bis hin zu David Lynch. Bis zur Veröffentlichung aber lohnt es, seine frühen Alben noch einmal zu hören.


Jean Michel Jarre: "Oxygène" , "Equinoxe", "Magnetic Fields", "Cities in Concert", "Destination Docklands", "The Concerts in China" (Alle Sony Music)



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rennflosse 11.07.2014
1. Langweilig?
Zitat von sysopREUTERSZu Zeiten von Punk und Disco programmierte Jean Michel Jarre "Oxygène", die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten. Nun werden seine frühen Werken frisch aufgelegt. http://www.spiegel.de/kultur/musik/jean-michel-jarre-elektro-pionier-mit-oxygene-zurueck-a-980164.html
"Es gibt nichts langweiligeres als jemandem dabei zuzusehen, wie er an Synthesizern herum dreht." Das ist in der Tat ein Problem de elektronischen Musik: die Visualisierung. Beim Hören macht man am besten die Augen zu und läßt die Klänge auf sich wirken. Live gespielt tut sich da nicht viel. Während normale Rockbands mit ihren Frontleuten punkten, die effektvoll am Mikrofon turnen, die Gitarre quälen oder auf den Drums herumprügeln, ist die Motorik des Elektronikers eher schwach ausgeprägt. Selbst solche Tastenvirtuosen wie ein Keith Emerson begeistern eher Fachpublikum, also Leute die selbst Klavier, Orgel, Synthie spielen und ihre Begeisterung aus der Frage beziehen "wie macht der das"? Jarre hat sich immer einiges einfallen lassen, seine Musik hat auch mich begeistert und inspiriert.
Didi Deckert 11.07.2014
2. Einer der ganz Großen
Man mag und kann das als "Größenwahn" abtun, aber den Mitschnitt von Jarres "Concert in China" bekommt Niemand, der dieses Konzert auf DVD einmal gesehen hat, je wieder aus den Kopf. In Zeiten der hochauflösenden Blu-ray-Disc eine Schande, dass dieser fulminante HD-Mitschnitt in China bis heute nicht auf HD-Medien zu bekommen ist.
h.buhr 11.07.2014
3. Es ist gut dieses hier zu lesen...
Ich höre die alten Scheiben von J.-M. Jarre immer wieder gerne und zugegebenermaßen auf Vinyl.
ralmoritz 11.07.2014
4. Wo kann man die restaurierten Alben erwerben?
Was der Artikel nicht verrät ist wo die restaurierten Alben Jarre's zu kaufen sind?
henson999 11.07.2014
5. Konzerte
Ich war vor ein paar Jahren mal auf einem Konzert von ihm und muss ihm Recht geben. Grundsätzlich ist es schon langweilig ihm zuzusehen, aber es gab ja einiges an Show drumrum. Ich habe das Konzert zumindest in guter Erinnerung. Die Alben werde ich mir auch sicherlich zulegen. Die alten sind selbst auf CD schon sehr verrauscht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.