Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Elektronik-Weltstar Jean-Michel Jarre: "Zweifel aus der Außenwelt sind ein Gift"

Ein Interview von

Jean-Michel Jarre: Napoleon der Maschinenmusik Fotos
Herve Lassince

Er ist der Napoleon der Maschinenmusik, spielte vor Hunderttausenden. Für sein neues Album "Electronica" sammelte Jean-Michel Jarre Stargäste ein. Hier spricht er über leidende Künstler, deutsche Maschinenmusik und seinen Stromverbrauch.

Zur Person
  • Herve Lassince
    Jean-Michel Jarre, 67, empfängt in einer Villa direkt am Ufer der Seine. Sie liegt auf einer Insel nördlich von Versailles; hier arbeitete der bewährte Weichspülproduzent ("Oxygène", "Equinoxe") in den vergangenen drei Jahren an seinem Comeback als ernsthafter Künstler. Für das Projekt "Electronica" hat der ehemalige Gatte von Charlotte Rampling und Verlobte von Isabelle Adjani zusammengetrommelt, was in der Szene einen Namen hat. Unter anderem mit Massive Attack, Laurie Anderson, Tangerine Dream, Moby, Air, Pete Townshend, Lang Lang und dem Regisseur John Carpenter hat er seine "musikalische DNA" gekreuzt, wie er sagt. Wir sprechen in einem Studio mit lilafarbenen Wänden, zwischen denen antike Synthesizer friedlich vor sich hinschnurren.
SPIEGEL ONLINE: Monsieur Jarre, kennen Sie eigentlich Ihre monatliche Stromrechnung?

Jarre: Ich sollte das nicht sagen, weil ich lange behauptet habe, es koste mich ein Vermögen. Elektronische Instrumente verbrauchen heutzutage aber nicht mehr so viel Energie.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel?

Jarre: Weniger als ein Kühlschrank.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben aber viele Kühlschränke und Tiefkühltruhen hier stehen!

Jarre: Ich habe noch immer viele alte Instrumente mit Drähten und Glühlampen und elektrischem Widerstand, die kosten natürlich schon Strom.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie schalten gerade die alten Geräte niemals ab, weil denen das nicht gut tut.

Jarre: Das ist ein Gerücht. Tatsächlich sehe ich gerade jetzt… (er entschuldigt sich, steht auf, steigt über Kabel ins Halbdunkel, sucht nach dem richtigen Schalter, ein rotes Lämpchen erlischt und ein Dinosaurier fällt wieder in seinen Schlaf) …um auf ihre Frage zu antworten: Nein, ich habe keine Ahnung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal ein Konzert in Dänemark gegeben, bei dem Sie den Strom für ihr komplettes Equipment ausschließlich von einem Windpark bezogen. Ihres ökologischen Fußabdrucks sind Sie sich also bewusst, oder?

Jarre: Inzwischen hat sich das Bewusstsein durchgesetzt, dass wir zu unserem Planeten freundlich sein sollten, das stimmt. Ich finde es auch begrüßenswert, wenn Radiohead keine Laser verwenden, sondern sparsame LED-Leuchten. Dann gibt es aber auch Musiker, die am Abend auf Fahrrädern zu ihren Konzerten radeln, während sie danach mit dem Privatjet in die nächste Stadt fliegen. Wir sollten nicht versuchen, den Leuten fortwährend Lektionen erteilen zu wollen. Ich darf Sie daran erinnern, dass ich mein erstes Album "Oxygène" genannt habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten auch bequem weiter Ihre eigene Vergangenheit kuratieren oder mit "Oxygène 10" bis "Oxygène 12" auf Welttournee gehen können. Warum haben Sie sich auf "Electronica" eingelassen? (Hier das neue Album im Vorabstream)

Jean-Michel Jarre - Electronica: The Time Machine

Jean-Michel Jarre: Electronica: The Time Machine auf tape.tv.

Jarre: Ich weiß selbst noch nicht, was ich da eigentlich gemacht habe. Ich habe mich gefragt, was wohl passiert, wenn ich meine musikalische DNA mit Musikern teile, die ich mag und mit denen ich mich ästhetisch verbunden fühle. Mein Album sollte mein Album sein, aber dennoch eine Kollaboration.

SPIEGEL ONLINE: Wie in einer Band.

Jarre: Nur ohne die Nachteile, die es mit sich bringt, in einer Band zu sein. Genau.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten normalerweise alleine.

Jarre: Das tun wir in der elektronischen Szene alle. Wir sind mehr wie Maler oder Schriftsteller und sitzen alleine vor unseren Maschinen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher war das nicht zu Ihrem Schaden, oder?

Jarre: Stimmt. Hinzu kommt aber, dass die elektronische Musik sich ihrer eigenen Wurzeln nicht wirklich bewusst ist. Alle reden von der Geschichte des Rock, des Jazz, des Blues oder der klassischen Musik. Die Elektronik kann heute auf eine Geschichte von 50 Jahren zurückblicken.

SPIEGEL ONLINE: Damals waren Sie Assistent von Elektronik-Pionier Pierre Schaeffer.

Jarre: Ja, aber es reicht noch weiter zurück, vielleicht sogar bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Das möchte ich gerne mehr ins Bewusstsein bringen, indem ich mit Künstlern unterschiedlicher Generationen und Kulturen etwas mache, das wie eine Art Hörfilm funktioniert. Meine ursprüngliche Idee war die einer Reise im chronologischen wie topografischen Sinne, dass ich unterschiedliche Städte oder Dörfer besuche, die auf der Landkarte der Elektronik alle ihren Platz haben.

Jean-Michel Jarre - Glory

Glory by Jean-Michel Jarre on tape.tv.

SPIEGEL ONLINE: Da Sie von Landkarten sprechen: Stimmt es, dass Elektronik aus Deutschland eher kalt, Elektronik aus Frankreich traditionell eher warm klingt?

Jarre: Die Deutschen versuchten sich alle an einer Apologie der Maschinen. Bei Kraftwerk und deren robotischem Ansatz ist das ganz offensichtlich. Aber auch bei Tangerine Dream, die am Ende ihrer Konzerte die Bühne verlassen und sie ihren Sequencern überlassen haben, die dann automatisch und repetitiv zusammenarbeiteten. Das war ein Statement: "Hört her, die Maschinen machen die Musik, die Menschen machen nur mit!" Ich dagegen war sogar bei hypnotischeren Sequenzen immer besessen von dem Gedanken, dass keine Note klingen darf wie die andere. Das war ein Dogma für mich.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie für Tangerine Dream ein Stück geschrieben.

Jarre: Ja, mit diebischer Freude, denn ich habe absichtlich Dinge verändert, von denen ich weiß, dass sie sie einfach hätten durchlaufen lassen. Ich glaube, das ist das Geheimnis einer warmen Elektronik. Wenn Sie am Strand sitzen und den Wellen zuschauen, ist das auch monoton. Es sind im Grunde immer die gleichen Geräusche, nicht wahr? Und trotzdem können sie damit einen ganzen Nachmittag verbringen, ohne sich zu langweilen. Wenn ich aber diese Wellen aufnehme und als Klangschleife abspiele, dann werden Sie nach drei Minuten gelangweilt sein und nach fünf Minuten wahnsinnig werden. Das ist der Unterschied zwischen dem, was wir als organisch wahrnehmen, und der automatisierten Methode. Der deutschen Methode, wenn sie so wollen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich als Klangregisseur?

Jarre: Nein, das wäre zu hoch gegriffen. Arrangeur? Ja. Regisseur? Nein. Dabei haben mir Regisseure wichtige Dinge beigebracht.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Jarre: Mir wird oft vorgeworfen, dass ich mich…

SPIEGEL ONLINE: …wiederholen würde? Das wollte ich Ihnen eben auch vorwerfen!

Jarre: Sehen Sie! Darum geht es aber gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ach.

Jarre: Künstler lassen sich gerne einreden, dass sie sich neu erfinden müssten. Fellini hat mir einmal gesagt, er habe immer gedacht, er würde verschiedene Filme machen. Erst am Ende seines Lebens habe er eingesehen, dass es im Grunde immer derselbe Film war. Wenn Sie einen Stil haben, dann ist der stärker als alles andere.

SPIEGEL ONLINE: Wofür braucht es dann das Geflirre bei Ihren Konzerten, wenn die Musik etwas taugt?

Jarre: Braucht es nicht. Das Schöne an der Musik ist doch, dass es eine der wenigen künstlerischen Ausdrucksformen ist, die auf narrative Prozesse verzichtet. Und doch bin ich fest überzeugt, dass Visualisierungen zur Musik gehören. Nicht, um der Musik eine visuelle Erzählung überzustülpen - sondern um die Wirkung der Musik zu verstärken. Wenn unsere Großeltern auf ein Konzert gingen, sagten sie noch: Wir gehen dahin, um uns Edith Piaf anzuhören. Heute gehen wir auf ein Konzert, um uns AC/DC oder Coldplay anzusehen. Ich erwarte eine visuelle ästhetische Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: Ist es auch ein Gerücht, dass Chet Baker einmal für Sie gespielt hat?

Jarre: Nein. Einer Freundin meiner Mutter gehörte ein Jazzclub in Paris, so kam ich in Kontakt mit Don Cherry, John Coltrane oder Chet Baker. Einmal, es war mein achter oder neunter Geburtstag, brachte Chet Baker mir mehrere Ständchen auf der Trompete. Er saß mir so dicht gegenüber, so wie wir beide jetzt gerade. Wenn ich mich erinnere, fühle ich noch heute die Wärme der Schallwellen, verstehen Sie? Er spielte ja genauso sanft, wie er sang.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt romantisch.

Jarre: Voilà, dann bin ich ein Vertreter der französischen Romantik.

Jean-Michel Jarre - If..!

If..! by Jean-Michel Jarre on tape.tv.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist es Ihnen, respektiert zu werden?

Jarre: Am Ende eines kreativen Prozesses bin ich mein einziger Richter. Ich muss selbst überzeugt sein von dem, was ich geschaffen habe. Natürlich kann ich auch auf das Urteil der Außenwelt hören.

SPIEGEL ONLINE: Und dann kommt der Zweifel ins Spiel!

Jarre: Nein! Nein, nein, nein. Ich glaube, die Zweifel kommen vorher. Zweifel aus der Außenwelt sind ein Gift. Eigene Zweifel aber, die von innen kommen, sind der wichtigste Antrieb für jede schöpferische Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Als Romantiker sind Sie der Ansicht, dass Künstler leiden müssten?

Jarre: Ich würde es anders formulieren: Künstler leiden, sonst wären sie keine Künstler. Sie sind verwundet. Es gab etwas in ihrem Leben, dass sie zu einem Künstler hat werden lassen - und nicht zu einem Anwalt oder Banker. Jeder kreative Prozess ist eine Form von Therapie. Wer nichts zu heilen hat, wird nicht sein ganzes Leben in den Dienst schöpferischer Arbeit stellen.

SPIEGEL ONLINE: Das gilt auch für Sie?

Jarre: Ich fürchte schon, ja. Sehen Sie, die letzten drei oder vier Jahre habe ich Tag und Nacht für dieses Projekt gearbeitet, und ich weiß nicht warum. Ich hatte keine Ferien, ich war völlig obsessiv. Manchmal fragte ich mich: Warum? Ich könnte, keine Ahnung, spirituelle Erfahrungen suchen oder Medizin studieren. Aber ich mache es nicht, und das ist doch eigentlich ziemlich krank. Wenn Sie im Leben nach Glück suchen, sollten Sie kein Künstler werden. Nicht, dass ich mich beschweren möchte, ich bin sehr privilegiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Momente auf der Bühne, in denen Sie sich wie ein Schwindler vorkommen?

Jarre: Vielleicht wie ein Illusionist, ja. In diesem Sinne würde ich Ihnen zustimmen. Das ist auch der Grund, warum ich kein Making-of mag. Ich habe mal gesehen, welche Tricks hinter dem Film "Matrix" stehen, das nahm etwas von seinem Zauber. Was ich mache, sollte ein Geheimnis bleiben. Wenn Sie in ein Restaurant gehen, wollen Sie natürlich wissen, wie da gekocht wird. Aber gehen Sie nicht in die Küche!

Jean-Michel Jarre - Electronica: The Time Machine (Track Stories)

Jean-Michel Jarre: Electronica: The Time Machine (Track Stories) auf tape.tv.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Spieglein, Spieglein, eine Schand´
spon-facebook-10000177092 12.10.2015
...wer ist der arroganteste im ganzen Land? "Weichspülproduzent" klang vor Jahren noch herablassend "Knöpfchendreher", nur war damals Kraftwerk gemeint. Einfach nur noch peinlich, SPON.
2. Rätselhafte Karriere
wernerwenzel 12.10.2015
Ich wüsste nicht, dass ich von Herrn Jarre schon mal irgendetwas gehört habe, was ich nicht schon Jahre vorher erheblich origineller von anderen Musikern gehört habe. Das "Warme" z.B. kommt von Eno und der hat es wiederum von...
3. Sehr schöner Artikel
neuronensalat 12.10.2015
Vielen Dank für diesen Artikel, für mich, der elektronische Musik sehr mag, hoch interessant. Und die Auswahl der Leute, mit denen er zusammen arbeitet, finde ich hoch interessant. Laurie Anderson und Massive Attack auf einem Album? Also ich freue mich sehr darauf. Das Gezirpe von Herrn Jarre hab ich ja schon in den 80iern gehört und fand es ziemlich gut :-)
4. Ausgerechnet JMJ, ohje.
Vorzeichen 12.10.2015
JMJ hat mich zur elektronischen Musik geführt. Dafür liebe ich ihn. Allein: Mit der Zeit lernt man, dass Kraftwerk, ENO, Tangerine Dream und andere viel mehr zu dieser Musikrichtung beigetragen haben und dass JMJ nach Zoolook eigentlich nur noch Aufgewärmtes und DJ-Mixes beizusteuern wusste (von Fehlgriffen wie Metamorphoses, Teo Tea und, Himmel!, Calypso schweigen wir besser). Das neue Album kann also nur besser werden, dafür sorgen schon Massive Attack oder Moby ... und ich freue mich darauf ... aber ehrlich: Jarre? Völlig überschätzt.
5. Vorsicht mit der Feder, Jungspund!
Hirn windet sich 12.10.2015
Jmj als Weichspüler zu bezeichnen finde ich unpassend. Man muss die Musik im zeitlichen Kontext sehen, sie war bahnbrechend und unvergleichlich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: