Sibelius-Geburtstag Perfekte nordische Kombination

Jean Sibelius wollte stets mehr, als finnische Musik international zu platzieren. Zum 150. Geburtstag würdigte der Dirigent Hannu Lintu den Komponisten mit einer opulenten DVD-Edition - und hält etliche Überraschungen bereit.

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Veikko Kähkönen

Sibelius-Jubiläum, war da was? Wer inmitten all der Turbulenzen 2015 den 150. Geburtstag von Jean Sibelius (1865-1957) irgendwie verpasst hat, der sollte das Gedenken kurz vor Jahresschluss dringend nachholen. Es gibt eine Menge Gründe, sich nicht nur den Sibelius-Hits wie dem Violinkonzert und dem "Valse triste" zu widmen, sondern auch dem vielfältigen Konzertschaffen fürs große Orchester. Vor allem, wenn das symphonische Werk des Komponisten so liebevoll und akribisch aufbereitet wird wie vom Finnish Radio Symphony Orchestra.

Der Dirigent Hannu Lintu hat gemeinsam mit dem RSO alle sieben Symphonien in Helsinki aufgeführt und das Ergebnis in einer fein ausgestatteten Live-DVD-Edition veröffentlicht. Mit einer Fülle von Interviews, Extras und Details überfordert das feine Gebinde den Gelegenheitshörer beinahe etwas - für alle, die tiefer in die Musik des finnischen Nationalkomponisten eintauchen möchten, ist die Edition aber ein Quell reiner Freude.

Denn es klingt alles, als könnte es gar nicht anders sein. Die Musikerinnen und Musiker des RSO nähern sich der scheinbar leicht zugänglichen Musik Sibelius' mit einer Mischung aus Respekt und intuitiver Sicherheit. Die nichts zwanghaft gegen den Strich bürstet, aber den Noten auf den tiefen Grund geht.

Tiefe Einsichten in Klang und Form

Ihren Chef treibt jeher dieser Ansatz an. Hannu Lintu, 1967 in Rauma/Finnland geboren und als Cellist gestartet, arbeitete zunächst hauptsächlich in seiner Heimat. Als Lintu 2013 die Leitung des traditionsreichen Klangkörpers des finnischen Rundfunks übernahm, konnte er aber bereits auf reichlich internationale Erfahrung zurückblicken. Seine Gastspiele in den USA, Deutschland und Frankreich nährten seinen Ruf als feinsinniger Kapellmeister, der enorme Spannungsbögen schaffen und gleichzeitig filigrane Details herausarbeiten kann.

Für die Symphonien des Jean Sibelius die schlüssigste Herangehensweise, wenn die Verbindung von folkoristischen Wurzeln mit überraschenden formalen Einfällen und ungewohnten Klangwirkungen in einen homogenen Fluss münden soll. Offenbar stimmt in Helsinki derzeit diese Chemie zwischen Chef und Orchester - eine perfekte nordische Kombination.

Dazu liebt Hannu Lintu offenbar sowohl die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seiner Musik wie auch deren publikumswirksame Verbreitung. Vor jeder Symphonie im Rahmen dieser Edition sitzt er mit dem finnischen Komponisten und Sibelius-Experten Osmo Tapio Räihälä zusammen und erläutert das musikalischen Material des Werkes, seine Themen, den Hintergrund und die Struktur. Leider sind diese erhellenden Exkurse nur mit deutschen Untertiteln ausgestattet, ein deutscher übersprochener Kommentar würde das Verständnis noch mal erleichtern - dennoch ein Gewinn. Dazu gibt es ein dreisprachiges, fest gebundenes Booklet, in dem man vieles von den DVD-Extras nachlesen kann.

In der Konzertoptik präsentiert die Box den Standard, den man inzwischen von derartigen Großproduktionen erwarten kann. Die Regie folgt in der Dramaturgie der Partitur, sie bleibt dicht an den Instrumentalgruppen und greift in der Bildsprache zuvor Erläutertes auf. Das Bild bringt mit diesen Mitteln eine eigene Stimme ins Spiel. Man gewinnt einen deutlich tieferen Eindruck von der Musik als nur durch eine CD und erlebt mehr Details als im Konzertsaal: So ergeben DVDs (respektive andere Bildproduktionen) wirklich Sinn.

Als ein etwas schrulliges Bonbon zum Schluss entpuppt sich eine biografische Filmrevue, die aus acht Sequenzen aus den prägenden Lebensmomenten, dem psychologischen Aspekt des Werkes und den abgründigen Seiten des Komponisten ein kontrastreiches Mosaik zusammensetzt. Weniger die Musik, mehr der Mensch Sibelius steht im Mittelpunkt von "Sort Of Sibelius!". Leicht überdrehte Spielszenen sowie Interviews mit Wissenschaftlern und Musikern erforschen Familienleben, den Alkoholismus des Meisters, seine Leidenschaften, seine zwischenmenschlichen Bindungen und mehr - Momentaufnahmen, aber kurzweilig und hintergründig.

Über manchen Gag kann man streiten, aber immerhin darf das Bemühen, einmal etwas anderes zu versuchen, positiv zählen. In diesen Kurz-Essays wird auch auf die seltsame Diskrepanz von Sibelius' zeitweiliger Schaffenswut und seinem musikalischen Verstummen 1926 mit seinem letzten Großwerk "Tapiola" eingegangen. Ohne diese freilich letztgültig aufklären zu können: Der Rest bleibt Schweigen.

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