ELO-Popstar Jeff Lynne "Moderne Instrumente klingen fürchterlich"

"Ich bin 67, da muss man Ballast abwerfen": Deswegen wurde aus dem Electric Light Orchestra fürs neue Album Jeff Lynne's ELO. Der Sound ist aber so episch wie eh und je. Hier erzählt Lynne, wo dessen Wurzeln liegen.

Ein Interview von


Zur Person
  • Rob Shanahan/ Sony Music
    Jeff Lynne, 67, ist ein Brit-Popper der ganz alten Schule. Lynne verkaufte in den Siebzigerjahren mit seiner Band Electric Light Orchestra mehr als fünfzig Millionen Platten. Hits wie "Turn to Stone" und "Mr Blue Sky" etablierten den von Streichern und Bombast getragenen Lynne-Sound weltweit, den er als Produzent auch anderen Musikern verlieh. Nebenher betrieb er mit Bob Dylan, Roy Orbison, George Harrison und Tom Petty die Hobby-Band The Traveling Wilburys. Der seit Langem in Beverly Hills ("Ich brauche Sonne!") ansässige Engländer empfängt in einem winzigen, unglamourösen Londoner Hotel, wie aus einem Miss-Marple-Film. Seine Entourage besteht aus ein paar alten Schulfreunden, die sehr viel älter als er aussehen. Dass Lynne auch in dunklen Räumen eine große Sonnenbrille trägt, stört nicht weiter. Er ist eher der Anti-Star.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Lynne, Sie waren lange als großer Verkitscher der Rockmusik verschrien. Mittlerweile hat sich der Wind gedreht.

Lynne: Ja, ich bin neuerdings cool, Mann! Das ist mir allerdings schon länger aufgefallen. Seit zehn Jahren geht man milde mit mir und meiner Musik um. Leute, die mich früher verhöhnten, loben mich nun. Lustig. Ich sollte das wohl genießen. Aber ich war auch vorher nicht sonderlich betrübt.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie wussten, dass Sie Millionen Platten verkauft haben?

Lynne: Auch. Aber ich höre ja, wie oft meine Sachen im Radio laufen und das macht mich besonders glücklich. Vor gar nicht so langer Zeit trat ich mal wieder im Hyde Park auf und war auch da überwältigt, dass so viele junge Leute ausflippten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Bandnamen von Electric Light Orchestra auf Jeff Lynne's ELO verkürzt. Warum?

Lynne: Electric Light Orchestra war auf Dauer ein viel zu komplizierter Name. Wer soll das aussprechen? Auch auf Plattenhüllen gedruckt sah es blöd aus. Es war einfach zu lang. Ich bin nun immerhin auch schon 67, da muss man mal Ballast abwerfen. Also verabschiedete ich von diesen drei Worten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Chef! Warum beschränken Sie sich nicht auf Ihren Namen?

Lynne: Das hätte ich machen können, aber mit ELO ist auch eine lange und nicht ganz erfolglose Geschichte verbunden. Die wollte ich schon beibehalten. Ich habe mehr als 200 Songs geschrieben, die mit ELO verbunden sind. Darauf bin ich stolz.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Songs verbindet eine gewisse Wehmut. Ihr neues Album "Alone in the Universe" setzt das fort. Woher kommt Ihre Melancholie?

Lynne: Ich mag einfach dieses Gefühl. Als ich aufwuchs, beeindruckte mich immer Musik, die diese Sehnsucht transportierte - Del Shannon und ganz besonders Roy Orbison. Beide sangen ständig übers Weinen und Verlassensein. In ihren Texten waren die Mädchen immer gerade weg. Und klar war, dass sie am Ende stets allein waren. Das fand ich sehr verlockend: Der einsame Junge, der ganz auf sich gestellt ist. Das bin ich bis heute auch irgendwie geblieben.

When I Was a Boy (Jeff Lynne's ELO - Video) von Elo auf tape.tv.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb der Albumtitel "Alone in the Universe"?

Lynne: Exakt. Ich fragte mich: Was ist der einsamste Ort, den man sich ausmalen kann? Und was ist schon einsamer als die unendlichen Weiten des Universums? Eric Idle von Monty Python stellte mir mal Professor Brian Cox vor, der im CERN in Genf das Weltall erforscht. Mit dem sprach ich über die Möglichkeiten der Reisen ins Universum. Damals entfernte sich gerade die Raumsonde "Voyager 1" so weit von der Erde wie kein Objekt zuvor. Ich dachte mir, dass es da sehr, sehr einsam sein muss, wo sich diese Sonde befindet und schrieb den Song "Alone in the Universe". Die Idee war, dass sie "Voyager 2" hinterher schicken, damit sie zu zweit da draußen sind. Ich habe den Text zwar später geändert, weil man doch besser über Menschen schreibt. Aber das Gefühl war das gleiche.

SPIEGEL ONLINE: Als Teenager bekamen Sie ein Tonbandgerät von Bang & Olufsen geschenkt, dem Sie angeblich die wichtigsten Erkenntnisse über Musikproduktionen verdanken. Welche?

Lynne: Mit der Maschine konnte man mit einigen Tricks diverse Instrumente, die man getrennt eingespielt hatte, kombinieren. Die Möglichkeiten, einen Sound zu schaffen, wurden mir da erstmals bewusst. Ich hatte ein Mikrofon, eine Gitarre, einen Bass und ein altes Klavier. Mit etwas Geschick konnte man mit so wenig Gewaltiges zaubern. Und das alles in meinem Schlafzimmer in Birmingham.

SPIEGEL ONLINE: Lernt man durch solche Beschränkungen, besonders kreativ zu sein?

Lynne: Ja, auch. Vor allem verinnerlicht man, dass jeder tolle Sound auch analog gefunden werden kann. Digitale Studiotrickserei lehne ich ab. Natürlich, machen wir uns nichts vor, durchlaufen auch meine Aufnahmen mal einen digitalen Prozess, aber meine Vorlagen sind immer analog. Die meisten modernen Instrumente klingen sowieso fürchterlich. Ich würde nie ein zeitgenössisches Keyboard anrühren. Mein alter Oberheim klingt viel geschmeidiger.

SPIEGEL ONLINE: Sie bevorzugen auch Vinyl, oder?

Lynne: Selbstverständlich. Als ich den Chefs meiner Plattenfirma erstmals das neue Album präsentierte, spielte ich es ihnen auf Vinyl vor. Ich lud die in mein Studio, und sie waren wohl etwas überrascht, als ich dann Schallplatten auflegte - aber dann um so beeindruckter vom spektakulären Klang. So etwas hatten die noch nicht gehört.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zu den Produzenten, die einen eigenen Sound haben. Egal ob Sie mit George Harrison, Tom Petty oder Brian Wilson arbeiteten - der Sound war unverkennbar.

Lynne: Letztlich ist das immer der Sound geblieben, den ich mit meinem B&O-Tonbandgerät erforscht habe, nur dass jetzt natürlich alles etwas größer und vor allem sanft klingt. Mein Sound braucht viel Platz, ich spanne gern einen großen Bogen. Ich brauchte eine Weile, bis ich aus großen Studios meinen Sound herausholen konnte. Aber jetzt läuft es.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich waren Sie schon den Aufnahmen zum "White Album" der Beatles in den Abbey-Road-Studios dabei. Wie kam das?

Lynne: Da war ich 21 und kannte zufällig einen der Toningenieure. Der rief eines Tages an und fragte, ob ich mal reinschauen wolle. In der nächsten Sekunde sprang ich ins Taxi. Dass ich an dem Typen an der Tür vorbei kam, war ein Wunder. Ich ging also den Flur entlang und im ersten Raum, in den ich blicke, steht Paul McCartney und singt "Why don't we do it in the Road?", und Ringo gibt ihm den Takt vor. Dann tauchten George und John auf. Im Studio nebenan dirigierte George Martin das Orchester. Irre! Ich konnte eine Woche lang nicht schlafen vor Aufregung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben später mit McCartney, Harrison und vielen anderen Legenden als Produzent gearbeitet. Wie sagt man es denen, wenn sie gerade einen Durchhänger haben?

Lynne: Schwierig. Zuerst lud mich ja George Harrison ein, mit ihm zu arbeiten. Allein in dessen Palast von Haus zu kommen, schüchterte mich ein. Dann lud er mich ein, mit ihm nach Australien in Urlaub zu fahren und ein Autorennen anzuschauen. So brach er das Eis, ich konnte ihm dann zu seinen Aufnahmen etwas sagen, ohne vor Aufregung ohnmächtig zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Durch George Harrison kamen Sie auch auf die Idee mit den Traveling Wilburys, oder?

Lynne: Eines Abends saß ich mit George Harrison beim Essen, wir hatten etwas getrunken und irgendwann sagte er, dass wir eine Band starten sollten und wen ich denn da gerne dabei hätte. 'Bob Dylan', antwortete ich. Und bekam einen Lachkrampf. 'Und wie wäre es mit Roy Orbison?' 'Geht klar', sagte George, 'soll ich die anrufen?' 'Logo!', erwiderte ich und bot an, Tom Petty einzuladen. Ich hielt das alles für einen Witz. Dann legte George tatsächlich los, alle sagten zu und so kam es zu den Traveling Wilburys. Zehn Songs spielten wir in zehn Tagen ein. Ein surreales Erlebnis.

SPIEGEL ONLINE: Und dann kamen noch die Beatles...

Lynne: Das war sehr, sehr anstrengend für mich. Ich war irre nervös, als die drei mich 1994 baten, unfertige Lennon-Songs in Form zu bringen. Das war auch technisch eine Herausforderung, weil die Vorlagen unterirdisch klangen. Aber am Ende funktionierte es.

SPIEGEL ONLINE: Sie selber versteckten sich bei ELO immer hinter Plattenhüllen mit Raumschiffen und ähnlichen Illustrationen. Werden Sie je erkannt?

Lynne: Nur selten. Dann sagen die Leute: 'Schau mal, der ist berühmt, aber verdammt, wie heißt der nochmal?'

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Maybal12 13.11.2015
1. Ein Meister seines Faches...
Es war ein Hochgenuss diese Interview zu lesen!
spon-facebook-10000315790 13.11.2015
2. die kunst zwei noten zu ändern
der song When I Was a Boy (Jeff Lynne's ELO hört sich an wie abgekupfert von den beatles.
oli h 13.11.2015
3. Wünül
Ich finde es immer recht interessant dass alte Rock-Dinos wie Rudolf Schenker oder eben Jeff Lynne absolute Vinyl-Verfechter sind, Herbert von Karajan auf der anderen Seite ein überzeugter Anhänger der CD war. Vielleicht hat Karajan einfach kein gutes Gehör gehabt...
observerlbg 13.11.2015
4. Hallo oli h,
Es ist kein großes Kunststück, Aufnahmen auf CD wie Vinyl klingen zu lassen. Nur warum sollte man es tun? Wer mit den Unzulänglichkeiten von Vinyl aufgewachsen ist, der liebt halt die eingeschränkte Dynamik, die eingeschränkte Kanaltrennung und die unbedingt wichtigen Abtastgeräusche. Wozu brauchts da noch HD-Audio (SACD ect.). Das hat alles nix mit gutem oder schlechtem Gehör zu tun ;-)
kawa_uli666 13.11.2015
5. Der hatte es auch einfach...
Zitat von oli hIch finde es immer recht interessant dass alte Rock-Dinos wie Rudolf Schenker oder eben Jeff Lynne absolute Vinyl-Verfechter sind, Herbert von Karajan auf der anderen Seite ein überzeugter Anhänger der CD war. Vielleicht hat Karajan einfach kein gutes Gehör gehabt...
Karajan hat ja auch immer nur Musik anderer Leute nachgespielt.....noch nichtmal das eigentlich.....er hat anderen Leuten gesagt wie sie es spielen sollen
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