Jerry Lee Lewis in Hamburg Des Killers letzter Kampf

Er gilt als Prahlhans und Potenzprotz, gibt nur selten Konzerte - jetzt war es in Hamburg soweit. Jerry Lee Lewis, der letzte sagenumwobene Rock'n'Roller, spielte eine Stunde und schlug mit seiner Linken gewohnt gekonnt einen harten Boogie. Von gepflegter Nostalgie keine Spur.

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Gab es hinter der Bühne schon eine Schlägerei? Gitarrist Kenny Lovelace, der das Warm-Up für seinen Arbeitgeber betreibt, wiegelt ab: Das weiße Pflaster auf seiner Nase sei einer Operation geschuldet, verrät er gleich am Anfang dem Publikum im Hamburger Congress Centrum. Der Chef hat also nicht etwa selbst Hand angelegt.

Jerry Lee Lewis (bei einem Konzert im Februar): Prahlhans von Memphis
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Jerry Lee Lewis (bei einem Konzert im Februar): Prahlhans von Memphis

Solche Erklärungen sind wichtig, wenn man mit Jerry Lee Lewis auf Tour geht. Mehr als 40 Jahre steht Lovelace schon dem Alten zur Seite, er sah Frauen und Musiker reihenweise kommen und gehen. Einige von ihnen hat Lewis eigenhändig aus seinem Leben und von der Bühne geprügelt. Einmal, so ist überliefert, musste ein Bassist gar mit einem Bauchschuss aus einem Konzert getragen werden.

Jerry Lee Lewis hat einen Ruf zu verteidigen. Wer in schätzt, nennt ihn höflich den Killer. Ein Titel, der einerseits auf seine harte Linke zurückzuführen ist, mit der er brutale Boogie-Riffs auf seinem Piano schlägt, und andererseits auf seinen in Skandalblättern und Polizeiakten protokollierten Lebenslauf. Den Rest hat der Mann selbst besorgt mit seinen Songs, in denen er sich als größter Prahlhans und Potenzprotz von Memphis gerierte.

Seht her, ich stehe noch!

An so einem Mythos trägt man schwer. Kein Wunder, dass der 73-Jährige am Samstag in Hamburg nach zwei sanften Anheizer-Songs seiner Begleitband leicht gebeugt zum Piano wankt, um mit der Rock'n'Roll-Hymne "Roll Over Beethoven" den Takt fürs Konzert vorzugeben: Die Linke pumpt immer noch kraftstrotzend die Riffs, die Stimme ist weiterhin wendig – auch wenn Lewis den einen oder anderen Textbaustein verschluckt. Er kann sich schließlich nicht an alle Worte seines gut 300 Songs umfassenden Repertoires erinnern. Manchmal muss er Gitarrist Lovelace fragen, wie es weiter geht im Programm.

Auch wenn das Publikum im CCH, eine Mischung aus gut betuchten Rentnern und erwartungsfroh aufgebretzelten Nachwuchs-Teds, das vielleicht anders sieht: Dieses Konzert ist keine Feelgood-Show, keine Nostalgie-Nummer. Es folgt einem strengen Kalkül:

Zum einen kann der alte Kämpfer damit noch mal seine Kriegskasse aufbessern, schließlich wurde er jahrzehntelang von windigen Managern ausgenommen, und auch die geschätzten acht Scheidungen –Lewis ist nicht der Mann, der Buch über so was führt – hinterließen finanziell Spuren. Zum andern ist natürlich jeder Auftritt für diesen zigfach zusammengeflickten Mann, der nach einer Operation schon mal von der eigenen Familie voreilig für tot erklärt wurde, eine Selbstvergewisserungsmaßnahme: Seht her, ich stehe noch!

Alle Kumpel überlebt

"Last Man Standing" lautete denn auch der Titel seines letzten regulären Albums, an dem von Keith Richards bis Eric Clapton vor zwei Jahren so ziemlich jeder zugkräftige Rock-Veteran beteiligt gewesen ist und von dem Lewis in Hamburg eine lässig bis nachlässig hingeworfene Version von "Sweet Little Sixteen" darbietet.

Der letzte, der steht – das bezieht sich bei Jerry Lee Lewis auch auf die alte Memphis-Gang, die Mitte der fünfziger Jahre weiße Hillbilly-Gesänge mit schwarzen Rhythm'n'Blues beschleunigten und so eine neue durchsexualisierte weiße Popmusik publik machten: den Rock'n'Roll. Doch Elvis Presley, Carl Perkins und Johnny Cash, die Kumpel und Konkurrenten von ehedem, sind eben schon längst tot.

Erstaunlich, dass ausgerechnet Jerry Lee Lewis alle anderen überlebt hat. War er doch von diesem Haufen an sich und der Welt leidenden Hunde der zerrissenste Charakter: Obwohl er streng gläubig war, stellte jeder einzelne seiner lustvoll gejaulten und gejapsten Songs eine Einladung zum Geschlechtsverkehr dar. In einem seiner schönsten Stücke preist denn auch nicht etwa den Herrn, sondern sich selbst in Anspielung auf sein sexuelles Stehvermögen als "Sixty Minutes Man".

Mit dem Hintern aufs Klavier

Vielleicht treibt ihn ja gerade seine Religiosität an, noch ein bisschen auf dieser Welt zu verweilen: Wenn er mal von uns gehen sollte, müsste er nach eigenem Ermessen wohl direkt in die Hölle fahren. So wird jeder seiner Auftritte zum finalen Aufbäumen des Killers gegen das Unvermeidliche. Gepflegte Unterhaltung ist was anderes.

In Hamburg nun kommt Jerry Lee Lewis, der Ein-Stunden-Stenz und ewige Steher, zum Leid seines amüsierwilligen Publikums in weniger als 60 Minuten zum Höhepunkt: Gerade noch war er selig zum verschleppten Dreivierteltakt im Country-Land unterwegs, da schwenkt er ganz unverhofft auf seine Hits "Great Balls Of Fire" und "Whole Lotta Shakin' Goin' On" um. Eruptiv schlägt er die Boogie, beim letzten Stück haut er seinen Hocker um und schmeißt sich mit dem Popo aufs Piano. Schließlich tapst er mit "Ach, leck mich doch!"-Grimasse von der Bühne.

So hat er mal wieder einen Kampf gewonnen, der Killer. Jetzt hat er zwei Tage Ruhe, am Dienstag gibt er dann ein Konzert in Berlin – wieder so ein finaler Fight.



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