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Rock'n'Roll-Ikonen Lewis und Orbison: Der Killer und die Eule

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Jerry Lee Lewis und Roy Orbison: Die Gegensätze des Rock'n'Roll Fotos
Getty Images

Roy Orbison war der traurigste Mann des Rock'n'Roll, Jerry Lee Lewis der wildeste. Von beiden gibt es nun fein restaurierte Neuauflagen alter Meisterwerke - und ein verschollen geglaubtes Album.

Als Jerry Lee Lewis Mitte der Fünfzigerjahre erstmals bei Sun Records in Memphis, Tennessee, antanzte, war man dort gerade auf der Suche nach einem Ersatz für Elvis Presley. Sam Phillips, der Chef des kleinen Ladens, war chronisch klamm und hatte den "King" an ein großes Unternehmen weitergereicht, um seine Kasse aufzubessern. Obendrein war Elvis ein unbequemer Klient; vielen bibeltreuen Amerikanern galt er als Bedrohung guter Sitten.

Doch gegen Jerry Lee Lewis, den seine Fans zwar nicht "King", dafür aber "Killer" nannten - er spielte Klaviere so, als wollte er sie zertrümmern - war Elvis zahm wie ein Singvogel. Hinzu kamen Lewis' Vorlieben: für geladene Revolver, Wutausbrüche im Vollrausch, sehr junge Mädchen.

Als der junge Wilde Lewis also eines Morgens bei Sun Records anklopfte, ließ man ihn spielen, war verblüfft und bot ihm umgehend einen Vertrag an. Seine ersten Erfolge waren zwar nur auf die Charts der näheren Umgebung beschränkt, aber 1957 donnerte Lewis dann mit "Whole Lotta Shakin' Goin' On" weltweit in die Charts. Ein Gewitter von einem Song, der in seiner rohen Wucht klar machte, warum man Lewis den Killer nannte. Das Echo waren weiße Teenager, die ausrasteten.

Bilder, Fakten, Anekdoten

Was Lewis damals bei Sun Records ablieferte, ist nicht nur der Höhepunkt seiner bis heute andauernden Karriere, sondern gilt als Klassiker der Popkultur. Kein Wunder also, dass seine Sun-Songs mit den Jahren immer mal wieder in Auszügen kompiliert wurden. Und nun sind Lewis' Sun-Sessions erstmals vollständig in dem schweren Kasten "Jerry Lee Lewis at Sun Records - The Collected Works" zu haben.

Auf 18 CDs ist angeblich alles, was Lewis für die kleine Firma aufnahm, gesammelt; insgesamt 623 Songs, am Stück: fast 24 Stunden Musik. Mehr als hundert dieser Nummern werden in bisher ungehörten Versionen dargeboten, darunter viele halbfertige Takes, die den Killer bei der Arbeit dokumentieren. Beigepackt wurden zwei dicke, in Leinen gebundene Bücher mit Bildern, Fakten, Anekdoten. Für alle, die Rock'n'Roll und ganz besonders Jerry Lee Lewis lieben, ist dieser edle Kasten eine große Freude.

Lewis stürzte auch schnell wieder ab. Als 1958 bekannt wurde, dass er seine 13-jährige Cousine geheiratet hatte, war das Entsetzen groß; seine Karriere rauschte in den Keller. Natürlich feierte Jerry Lee Lewis in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder Comebacks - aber so überwältigend wie bei Sun Records klang er nie wieder.

Das Gegenteil von Lewis

Nach Elvis nahm Sam Phillips nicht nur den Killer unter Vertrag, sondern auch einen bleichen Texaner mit einer großen Brille, die ihn wie eine traurige Eule aussehen ließ: Roy Orbison, der so ziemlich das Gegenteil von Jerry Lee Lewis war.

Orbison war introvertiert, trug schwarze Anzüge, eine exakt frisierte Tolle und das Leid der Welt auf seinen Schultern. Seine Kompositionen waren großartig, seine opernreife Stimme war einzigartig. "Ich wollte immer singen wie Roy Orbison", sagte Bruce Springsteen einmal. "Aber jeder weiß, dass niemand wie Roy Orbison singen kann."

Bei Sun Records kam Orbison allerdings nicht so gut an; mal abgesehen davon, dass er eine Weile mit Elvis abhing. Das Angebot, den Orbison Song "Only the Lonely" aufzunehmen, lehnte Elvis dankend ab. Als auch die Everly Brothers nicht wollten, nahm Orbison, den sie "The Big O" nannten, die Nummer schließlich selbst auf - und landete seinen ersten großen Hit.

Danach nahm seine Karriere mit Hits wie "Running Scared", "It's Over", "In Dreams" und "Pretty Woman" rasant an Fahrt auf. Doch all die Düsternis, die er kunstvoll in seinen Songs beschwor, erreichte Orbison Mitte der Sechziger in Wirklichkeit: Erst verunglückte seine Frau tödlich, dann verlor er zwei Söhne, als sein Haus abbrannte. Orbison legte eine Auszeit ein.

Verscholles Album wiederentdeckt

Ein Album, das Orbison in jenen dunklen Tagen einspielte und dann im Archiv begrub, galt lange als verschollen. Nun wurde "One Of The Lonely Ones" nach fast 50 Jahren wiederentdeckt, restauriert - und doch noch veröffentlicht. Das Beste daran ist, dass das Album tatsächlich großartig ist. Es bietet ein Dutzend eleganter, tieftrauriger Rock'n'Roll-Klagelieder und lohnt allein wegen der sagenhaften Version von "You'll Never Walk Alone".

Dazu passt die Box "Roy Orbison - The MGM Years 1965-1973" mit 13 frisch remasterten Alben jener Jahre sowie einer CD mit Raritäten. Verblüffend ist, dass jedes dieser Werke geglückt ist. Noch verblüffender ist, dass Orbison von Kritikern nicht längst so geachtet wird wie Johnny Cash oder Elvis.

Dagegen wurde er von Musikerkollegen wie Bob Dylan, Bruce Springsteen und George Harrison immer bewundert. Auch der Regisseur Quentin Tarantino ist ein Fan: Der Orbison-Song "There Won't Be Many Coming Home" ist auf dem Soundtrack zu Tarantinos aktuellem Film "The Hateful Eight" enthalten.

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  • Jerry Lee Lewis:
    At Sun Records

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    One Of The Lonely Ones

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  • Roy Orbison:
    The M-G-M Years

    1965-1973.

    Universal; Limitierte CD-Box; 119,99 Euro.

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1. Rocker
schwarz-texte 15.01.2016
Ja, wer war eigentlich der wildeste im Rock'n'Roll? War das nicht eigentlich Little Richard? Awop Bop babooloo Bop Bamboom!, oder so ähnlich. Beide, Richard, und Jerry Lee hatten übrigens etwas gemeinsam: den Hang zum Predigen, und bei Jerry Lee kam leider noch der Alkohol dazu. Obwohl: Nur Jerry Lee hat sein Klavier angezündet, war also ein Vorläufer von Jimi Hendrix und Pete Townsend. In diesem Sinne: Tutti Frutti und Whole lotta shakin' goin' on! Danke, Christoph Dallach, auch für Roy "Only The Lonely" Orbison. Obwohl: 119 Euro sind nicht gerade wenig. Gibt es die auch als Vinyl-Schallplatten?
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