Jim Avignon Der Maler mit der Heimorgel

Drei selbstverlegte CDs gibt es bereits von dem Berliner Musiker Neoangin. Die poppigen Songs schafften es sogar bis in John Peels berühmte Radioshow, doch kaum jemand wusste bisher, dass sich hinter dem Pseudonym der umtriebige Pop-Art-Künstler Jim Avignon versteckt.

Von Katrin Meinke


Tausendsassa und Workaholic: Maler/Musiker Jim Avignon

Tausendsassa und Workaholic: Maler/Musiker Jim Avignon

Willkommen in der schrecklich-schönen Welt Jim Avignons. Nicht nur Berlin-Freunde dürften seine kunterbunten Fratzen und Comicbilder kennen, die der unermüdliche Szenegänger zu Dumpingpreisen, wo er geht und steht, unters Volk bringt. Sein kindliches Design winkt von Häuserwänden in Paris und von den Heckflossen der Flieger der Deutschen BA. Sogar die Handgelenke von Swatch-Trägern machte der Maler zu Blickfängern.

Was im Vorbeigehen wie simpler Spaß wirkt, versetzte allerdings schon manch gründlichen Betrachter ins Grübeln: Aus den bunten Farben spricht ein rabenschwarzer Humor, bei dem einem schon mal das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der schnellste Maler der Welt

Der schnellste Maler der Welt (wie sich der Berliner ob seines schwindelerregenden Produktionstempos nennt) steht nun wieder in den Startlöchern. Diesmal jedoch, um sich einen neuen Titel zu sichern: den des schnellsten Musikers der Welt. "Es geht hierbei nicht um einen sportlichen Ehrgeiz, ich bin überhaupt nicht sportlich," lacht Avignon. "Mit dem Ausspruch vom schnellsten Maler der Welt wollte ich ein Klischee schaffen, das aus der Kunstwelt herausgeht. Es war als Provokation gedacht, denn gerade Geschwindigkeit hat in der Kunstwelt nichts verloren."

Vordergründig ein simpler Spaß: Avignon-Werk "Kampfroboter- Bastelbogen"

Vordergründig ein simpler Spaß: Avignon-Werk "Kampfroboter- Bastelbogen"

Das schert Avignon natürlich wenig, der nicht nur 700 Bilder in einem Monat, sondern auch fünf Songs pro Nacht auf seiner veralteten Heimorgel schafft. Aus seinem Fundus von mehreren Hundert Kompositionen wählte der Künstler jetzt 33 aus, die er auf einer reich bebilderten CD zusammenstellte: "A Friendly Dog In An Unfriendly World". Ein scheppernder Ritt durch die Geschichte der Popmusik, die Avignon per Knopfdruck aus den vorprogrammierten Beats seiner Yamaha zaubert. Zu trügerisch fröhlichen Polka-, Country-, Techno- und HipHop-Rhythmen - nicht selten auch allen zugleich - springt der Sänger in seinen Texten ebenso schonungslos mit der Fun- und E-Commerce-Gesellschaft um wie in seinen Bilder.

"Ich war noch einmal ein völlig unbeschriebenes Blatt"

Drittes Album voller Stilvielfalt: Avignon-Projekt Neoangin

Drittes Album voller Stilvielfalt: Avignon-Projekt Neoangin

Obgleich dies bereits seine vierte Platte ist (die ersten drei liefen über Handverkauf), war diese zweite Identität Jim Avignons bislang nur Insidern bekannt. Verraten konnten den Musiker, der sich hinter dem Pseudonym Neoangin versteckt, höchstens die Bühnenbilder, mit denen er sich bei seinen Shows umgibt. "Als ich vor vier Jahren mit der Musik anfing, war das die Chance, ein komplett neues Publikum anzusprechen. Ich habe absichtlich nicht bekannt gegeben, dass Neoangin Jim Avignon ist. Ich war noch einmal ein völlig unbeschriebenes Blatt," erklärt der Mann, der es schon immer verstand, sich genau dann aus dem Staub zu machen, wenn ihm etwas zu langweilig wurde. 1997 war das der Kunstbetrieb.

Jim Avignons Griff in die Tasten ist allerdings die konsequente Weiterführung seines Pop-Art-Ansatzes. Schon als Maler ließ er sich von den Klängen befreundeter Bands und DJs inspirieren (u.a. Mina und Le Hammond Inferno), um live vor Publikum seine Kunst entstehen zu lassen.

"Ich mache keinen Unterschied zwischen Malen und Musik": Künstler Avignon

"Ich mache keinen Unterschied zwischen Malen und Musik": Künstler Avignon

Die Unmittelbarkeit und Popularität von Musik diente ihm als Vorbild für sein eigenes Schaffen. Avignon: "Ich mache keinen Unterschied zwischen Malen und Musik. Manchmal geht es sogar so weit, dass mir irgendwelche Themen einfallen, von denen ich noch nicht weiß, ob's ein Bild wird oder ein Stück."

Noch langweilt sich Jim Avignon nicht mit der Musik, ist sie doch die Erfüllung eines Traumes, den er seit seiner Jugend hegt. Doch was passiert wenn? Avignon: "Darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich arbeite gerade an einem Zeichentrickfilm fürs Kino. Außerdem habe ich ein paar Angebote, im Ausland auszustellen, und in Barcelona richte ich gerade einen Club ein. Selbst wenn ich irgendwann einmal nichts mehr zu tun hätte, mir fällt garantiert etwas Neues ein."

Hörprobe "A Friendly Dog In An Unfriendly World" mit folgendem Player hören:
Quicktime Windows Media Player

Neoangin: "A Friendly Dog In An Unfriendly World" (Wonder/EFA), veröffentlicht am 1. Juni 2001



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